Werner J. Schweiger (1949 – 2011)

Detail des Buchcovers von „Aufbruch und Erfüllung“ von Werner J. Schweiger unter Verwendung eines Plakatentwurfes von Berthold Löffler

Werner J. Schweiger war ein äußerst präziser und kreativer Forscher und Publizist. Er setzte Themen beziehungsweise entdeckte Themenfelder, noch bevor sie auf ein breiteres Interesse stießen. Dies war so beim Thema „Wien um 1900“, mit dem sich Schweiger als Herausgeber der Werke von Peter Altenberg und Robert Müller bereits in den 1970er Jahren auseinandersetzte, Jahre vor der Jugendstil-Renaissance rund um die Ausstellung „Traum und Wirklichkeit“ im Jahr 1985. Und dies war auch so bei seinen wegbereitenden Untersuchungen zur Geschichte der Wiener Werkstätte, die sich in dem heute noch international rezipierten Standardwerk „Wiener Werkstätte. Kunst und Handwerk 1903 – 1932“ niederschlugen. Arbeiten über das Wiener Kaffeehaus, Jugendstilgärten, über Kolo Moser und den jungen Kokoschka dokumentieren Schweigers Interessenslage in hervorragender Weise.

Besonders zu beachten ist in diesem Kontext seine Arbeit über die „Gebrauchsgraphik der Wiener Moderne“, die er unter dem Haupttitel „Aufbruch und Erfüllung“ im Jahr 1988 in der Edition Brandstätter herausbrachte. In dieser Pionierarbeit beschäftigte sich Schweiger mit den graphischen Ephemera der Wiener Jahrhundertwende und zwar in einer Weise, wie dies auch nach dieser Publikation niemand mehr zustande brachte. Von Akzidenzen, Ballspenden und Banknoten, über Einladungen, Fächer und Menükarten bis zu Plakaten, Reklamemarken, Signets und Wertpapieren reicht die Darstellung der angewandten Grafik aus Österreich. Im Nachwort zu dieser bis heute wegweisenden Arbeit schrieb Werner J. Schweiger: „Vorzüge und Mängel der ersten Aufarbeitung eines derart komplexen Gebietes liegen nahe beisammen; die Neuartigkeit der meisten Informationen sowie das (selbst gut informierten Fachleuten) größtenteils unbekannte Bildmaterial bilden eine untrennbare Einheit und gegenseitige Ergänzung; dadurch entsteht ein faszinierendes kulturgeschichtliches Panorama, das aus Kunst- und Alltagsgeschichte, Volkskunde und Wirtschaftgeschichte kaleidoskopartig zusammengesetzt ist und sich nicht nur über die einzelnen Stichworte, sondern auch durch die vielfältigen Querverbindungen erschließt.“ Werner J. Schweiger war mit Arbeiten wie diesen auch ein Wegbereiter der Kulturwissenschaft in Österreich – zu einer Zeit, als die Fachwissenschaften, wie etwa die Kunstgeschichte noch wenig mit einem Forschungsgegenstand wie diesem anzufangen wussten.

Da auch offizielle Sammlungen lange Zeit wenig Sinn für die große Vielfalt der Kulturgeschichte hatten (und nach wie vor haben), sah sich Werner J. Schweiger selbst veranlasst, eine Kollektion mit diesen vielen unterschätzten Dokumenten anzulegen. Offenbar ist er über diese eigene Sammlertätigkeit zu einem weiteren bedeutenden Forschungsfeld gekommen, das erst Jahre später, vor allem im Zusammenhang mit der Restitutionsforschung, eine brisante Aktualität bekam, nämlich das Thema „Kunstsammler und Kunsthändler der Moderne. Deutschland, Österreich, Schweiz 1905 – 1937“. Bis zuletzt arbeitete er an seinem Werk „Lexikon des Modernen Kunsthandels im deutschsprachigen Raum 1905-1937“, das heuer erscheinen sollte. Zu dem Thema hat er auch eine eigene Website „Kunsthandel der Moderne“ betreut.

Werner J. Schweiger hat sich mit großer Genauigkeit um das Andenken vieler Künstler und Sammler verdient gemacht. Um sich selbst hat er nie viel Aufhebens gemacht und wenig ist über seinen eigenen Lebenslauf bekannt. Er wurde am 7. Jänner 1949 in Lilienfeld geboren. Seine Familie lebte in St. Aegyd, doch als Sängerknabe wuchs Schweiger auch teilweise in Wien auf. Seine berufliche Ausbildung erhielt er im Bereich der Gastronomie, in der Wissenschaft war er Autodidakt. Gerade deshalb war er unbelastet von einem engen Fächerkanon und konnte so seiner Neugier und seinen weit gestreuten Interessen, die von der Literatur bis zur bildenden Kunst reichten, freien Lauf lassen. Werner J. Schweiger lebte und arbeitete in Wien und hat für die Geschichte dieser Stadt unter großen persönlichen Entbehrungen Wichtiges geleistet. Nach schwerer Krankheit ist er am 11. März 2011 im Wiener Wilhelminenspital verstorben.