München: Typographie des Terrors

Ausstellungskatalog (Detail), Gestaltung: Andreas Koop

„Die Plakate der Nazis sahen sich ja sonst immer gleich. Immer bekam man den gleichen Typ des brutalen und verbissen gestrafften Kämpfers vorgesetzt, mit Fahne oder Flinte oder Schwert, in SA- oder SS- oder Felduniform, oder auch nackt; immer war der Ausdruck der physischen Kraft, des fanatisierten Willens, immer waren Muskeln, Härte und zweifellos Fehlen allen Denkens die Charakteristika dieser Werbungen für Sport und Krieg und Unterwerfung unter den Führerwillen.“ Diese punktgenaue Analyse stammt vom Philologen Victor Klemperer (1881 – 1960), der – verfolgt und bedroht – im nationalsozialistischen Deutschland gleichsam von „innen“ heraus Sprache und Steuerungsstrategien der Nazis beobachtete und nach dem Krieg in seinem mittlerweile legendären Buch „LTI“ (Lingua Tertii Imperii) zusammenfasste.

Die Plakate der NS-Zeit waren ja auch keine Werbung im herkömmlichen Sinn: Wohl hatten die nationalsozialistischen Meinungsmacher die Prinzipien der Wirtschaftsreklame wie kaum jemand vor ihnen in ihre politische Propaganda eingearbeitet, aber dort, wo – wie im nationalsozialistischen Deutschland – freie Meinungsäußerungen mit brutaler Gewalt verhindert wurden, gab es auch keine Wahlmöglichkeiten, in denen sich erst die Sinnhaftigkeit von moderner Werbung begründet. Und die Freiheit zu wählen, war in diesem System in keinster Weise  vorhanden. Meinungsarbeit war also Indoktrination, Propaganda ein Teil des nationalsozialistischen Terrorsystems. So stellte der deutsche Zeitungswissenschaftler Friedrich Medebach in seiner im Jahr 1941 erschienenen Arbeit über das nationalsozialistische Plakat fest: „Propaganda ist jetzt eine Staatsmacht“.

Das Münchner Stadtmuseum hat dem Thema eine Ausstellung unter dem Titel „Typographie des Terrors. Plakate in München von 1933 bis 1945“ gewidmet. Die beiden Kuratoren Thomas Weidner und Henning Rader haben dafür eine kluge und seriöse Präsentation erarbeitet. Ausstellung und Katalog stellen so ein überaus wichtiges Projekt dar, das weit über den lokalen Bezug hinaus von überregionaler Bedeutung ist – und damit auch ein dunkles Kapitel österreichischer Geschichte beleuchtet. Viele Plakate, die im Münchner Stadtmuseum präsentiert werden, wurden durch die „Gleichschaltung“ der Medien auch in Österreich in den Jahren von 1938 bis 1945 verbreitet.

Nach der Annexion Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurde für den 10. April 1938 eine scheindemokratische Reichstagswahl und Volksabstimmung zur Annexion Österreichs angesetzt. Eine gewaltige Propagandawalze rollte daraufhin über das neu entstandene „Großdeutsche Reich“. In den dazu produzierten Plakaten wurde eine neue „Volksgemeinschaft“ beschworen und vor allem ein unglaublicher Personenkult um Adolf Hitler unter dem Slogan „Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“ betrieben.

Österreicher waren nicht nur am Terrorsystem des Nationalsozialismus beteiligt, sondern es gab auch Österreicher, die im terroristischen Propagandasystem aktiv waren. So stammt der Entwurf für das Filmplakat für „Hitlerjunge Quex“ vom Grazer Siegfried Karl Trieb (1899 – 1947). Eine der brutalsten und wirkungsvollsten Arbeiten der Ausstellung – 1938 erschienen zur Gedenkfeier des 9. November („Marsch auf die Feldherrenhalle“) – gestaltete der Wiener Maler und Grafiker Carl Franz Bauer (1879 – 1954). In der Präsentation ist auch ein Kriegsplakat vom österreichischen Grafiker Theo Matejko (1893 – 1946), der vom Wahlwerber der Sozialdemokraten im Laufe der Jahre zum Kriegszeichner der Nazis mutierte, zu sehen. Allerdings wird Matejko im Begleitbuch zur Ausstellung nicht erwähnt. Ansonsten ist der Katalog von einer herausragenden Qualität und beweist wieder einmal in eindrucksvoller Weise, welch ergiebige Quellen zur Medien-, Kultur- und Politikgeschichte Plakate sein können. Kaum ein anderes Material kann so viel über vorherrschende Mentalitäten aussagen wie eben Plakate. Gerade hinsichtlich dieser Aspekte ist die Auswahl der Exponate mit Umsicht getroffen: So werden nicht nur die bekannten menschenverachtenden Hetz-Plakate des Dritten Reiches gezeigt, sondern auch Dokumente des Alltags, in denen immer wieder die „Banalität des Bösen“ in der Zeit des NS-Regimes zutage tritt. Die Kuratoren und Autoren des Kataloges, Thomas Weidner und Henning Rader, präzieren ihre Sicht dazu folgendermaßen: „Die Plakate erzählen viel über die historischen Zusammenhänge, in denen sie entstanden sind, über Entwicklungen und Strukturen der nationalsozialistischen Herrschaft sowie über die politischen und gesellschaftlichen Leitbilder, die sie repräsentieren sollten. Sie geben Aufschluss über die Repräsentation und Wirkung der nationalsozialistischen Diktatur und über die damit untrennbar verbundene Gewalt und Vernichtung.“

Weidner, Thomas – Henning Rader: Typographie des Terrors. Plakate in München 1933 bis 1945, Berlin 2012.