Der „Anschluss“ des österreichischen Grafikdesigns

Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich jährt sich in diesen Tagen nun zum 75. Mal. Wie in vielen anderen Berufssparten und auch in anderen künstlerischen Disziplinen findet man auch unter den Plakatkünstlern und Plakatkünstlerinnen durchaus unterschiedliche Biografien und Lebensläufe. Zum Teil auch sehr tragische.

Es gab Plakatkünstler, die ab März 1938 rassisch verfolgt wurden, wie der langjährige Präsident des Bundes Österreichischer Gebrauchsgraphiker, Kurt Libesny, der ins amerikanische Exil getrieben wurde und kurz darauf starb. Es gab Grafikdesigner, die in die innere Emigration gingen, wie Viktor Theodor Slama, die bis 1945 kaum auf ihrem angestammten Gebiet weiterarbeiteten. Es gab Opportunisten, die die Seiten wechselten, wie Franz Griessler, der lange Jahre für das Rote Wien tätig war, später das menschverachtende Nazi-Regime unterstützte und schließlich nach 1945 ins Ausland flüchtete, weil er einen Volksgerichtshof­prozess zu befürchten hatte.

Arbeiten von Heinz Reichenfelser in der deutschen Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“, März 1943

Arbeiten von Heinz Reichenfelser in der deutschen Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“, März 1943

Und es gab überzeugte Nationalsozialisten, die bereits Nazis waren, als diese noch nicht in Österreich legal agieren durften. Der Steirer Heinz Reichenfelser (1901–1969), langjähriger Werbeleiter des Kaufhauses Kastner & Öhler, war bereits seit 1932 NSDAP-Mitglied, wie die verdienstvolle Ausstellung „Die Kunst der Anpassung. Steirische KünstlerInnen im Nationalsozialismus zwischen Tradition und Propaganda“ 2010 dokumentierte. Nach einer Internierung im Lager Glasenbach als ehemaliger Nationalsozialist arbeitete er ungehindert im Sinne seines Weltbildes weiter: Er war Mitbegründer der rechtsextremen Zeitschrift „Aula“ und illustrierte zahlreiche Bücher des einschlägig bekannten Leopold Stocker Verlages.

Ein Blättern in der damals führenden deutschen Fachzeitschrift „Gebrauchsgraphik“ fördert Bemerkenswertes zutage. Im Heft vom März 1943 – also zu einem Zeitpunkt, als die 6. Armee der Wehrmacht vor Stalingrad kapitulierte und Berlin heftig bombardiert wurde – findet sich ein monografischer Artikel über Heinz Reichenfelser. Darin findet sich ein Tourismusplakat für das Reiseland Österreich aus austrofaschistischer Zeit, wie man unschwer am Doppeladler erkennen kann, obwohl zu dieser Zeit das Wort „Österreich“ – inklusive des rot-weiß-roten Bindenschildes – absolut tabu war. Hat das die Zeitungsredaktion übersehen? Nichts deutet auf dem Plakat auf nationalsozialistische Inhalte – nur die schöne österreichische Landschaft ist zu sehen. Alle anderen abgebildeten Arbeiten Reichenfelsers weisen allerdings explizite nazistische Inhalte auf, wie das Plakat „Lerne Deutsch“, das sich an die bedrängte slowenische Bevölkerung richtete, genauer an die historische „Untersteiermark“. Dass der Slogan „Lerne Deutsch“ nicht ganz an Aktualität verloren hat, ist allerdings eine andere Geschichte.