Walter Schnackenberg

In die große gelbe Kiste „Reklame, Frühe Werbung auf Plakaten“, die im L.S.D. Verlag erschienen ist gab Karl Lagerfeld auch ein Buch von Walter Schnackenberg. Die Angaben, die man über diesen Plakatkünstler in den diversen Suchmaschinen findet, sind eher bescheiden, aber sein Enkel Florian Lange arbeitet einiges Material auf.

Walter Schnackenberg wurde 1880 geboren, ging mit neunzehn Jahren nach München, wo er dann auch bei Franz von Stuck studierte. Seine ganz große Begabung lag auf dem Gebiet der Zeichnung und der Karikatur. Er war sowohl für die damals bekannteste Kunstzeitschrift „Jugend“ als auch für den „Simplicissimus“, das historische Satiremagazin, tätig (Unter www.simplicissimus.info kann man im Personenregister nachschlagen und seine wunderbaren Illustrationen von vor hundert Jahren betrachten). Auf seinen Paris-Reisen ließ er sich stark von Toulouse-Lautrec beeinflussen und lernte dort auch Picasso kennen. Ab 1933 wurden seine Bilder von den Ausstellungswänden genommen, er selbst blieb von den Nazis unangetastet. Schnackenberg starb 1961 in Rosenheim.

In dem Faksimile-Nachdruck eines Meisterwerks der Buchkunst aus der Reklame-Kiste Lagerfelds, nämlich „Schnackenberg. Kostüme, Plakate und Dekorationen“, das im Jahr 1920 im Musarion-Verlag erschienen ist, kann man auf 43 Tafeln einiges von dem sehen, wofür er berühmt war. Schnackenbergs Zeitgenosse, der deutsche Publizist, Musik- und Kunsthistoriker Oskar Bie schrieb einen begleitenden Text, in dem er die einzelnen Blätter nicht erklären, sondern eher paraphrasieren will, die Phantasie aufzeigen, die aus ihnen sprießt. Bie, der als Jude ab 1933 nicht mehr veröffentlichen durfte, schrieb von der vieldeutigen Welt und der eindeutigen Kunst. Besonders eindeutig sieht er die dekorative, die Kunst, die mit Plakaten, Kostümen und Dekorationen arbeitet: „Eindeutigkeit bedingt Stil. Stil bedingt Absolutheit der Bewegung, der Farbe, des Motivs, in einer sofortigen Übersichtlichkeit und Schlagkraft, wie die große Überschrift in der Zeitung.“

Bie geht auch auf das Erotische im Wirken Schnackenbergs ein, Erotik, die nach hundert Jahren noch immer wirkt. Schnackenbergs Themen waren die Welt des Theaters und des schönen Scheins, die Verlockungen eines abendlichen Vergnügens. Auf der Website seines Enkels kann man auch ein einschlägiges Gedicht des erotischen Plakatkünstlers nachlesen. Was auf den Tafeln sofort auffällt, ist der starke Einfluss von Toulouse-Lautrec, weil sich Schnackenberg ja auch der Technik der Farb-Lithographie bediente. Seine Plakate sind jetzt noch am Kunstmarkt zu finden, so wird eines, das um 1920 erschienen ist und für „das Deutsche Theater, das vornehmste Varieté Münchens“ wirbt, auf 9000 Euro geschätzt.

„Immerhin drei Plakate von Walter Schnackenberg hat Karl Lagerfeld für die Vorstellung seiner Sammlung bereitgestellt, dazu aus seiner Bibliothek dieses seltene Buch reproduzieren lassen. Man darf also annehmen, dass es eine Art ‚Wahlverwandschaft‘ gibt, etwas, was ihn an Schnackenbergs Arbeiten fasziniert. Hier kann man nur spekulieren, aber eine Rolle dabei dürfte die individuelle Kreativität gespielt haben, die dessen Arbeiten aus denen seiner Zeit herausgehoben hat. Die daraus entstandene Dekorativität bewegte sich zwischen Nachjugendstil und Vor-Art-Déco.“
René Grohnert, Mitherausgeber der Plakat-Edition

Bie, Oskar: Schnackenberg. Kostüme, Plakate und Dekorationen, München 1920.
Der Reprint ist Bestandteil der im Steidl Verlag erschienenen Edition „Karl Lagerfeld & René Grohnert (Hrsg.): Reklame. Frühe Werbung auf Plakaten“.