Essen: Theater für die Straße

Aus Anlass des 100. Todestages von Wolfgang Amadeus Mozart entstand in Wien 1891 die Idee, eine „Internationale Ausstellung für Musik und Theaterwesen“ zu veranstalten. Realisiert wurde das Projekt allerdings erst mit einjähriger Verspätung im Jahr 1892. Als eine Art „kleine Weltausstellung“ sollte da im Wiener Prater den Besucherinnen und Besuchern die Musik und die darstellende Kunst der gesamten Welt durch die verschiedensten Objekte wie auch durch Aufführungen nahegebracht werden. Die Verantwortlichen wollten mit diesem Unternehmen den schon damals bestehenden Ruf Wiens als Welthauptstadt der Musik dokumentieren und weiter festigen. Zwar war das Projekt finanziell aufgrund der zu geringen Mieteinnahmen ein Misserfolg, sehr erfolgreich hingegen war es in Bezug auf die Besucherzahlen, denn nicht weniger als 1,25 Millionen Menschen sahen die Präsentation. Dieses hohe Publikumsinteresse mag vielleicht auch auf das für die damalige Zeit überaus aufsehenerregende Plakat zurückzuführen sein, das für die Veranstaltung warb und von Ernst Klimt, dem jüngeren Bruder und Atelierkollegen des berühmten Gustav Klimt, entworfen worden war.

Ernst Klimt, Ausstellung für Musik und Theaterwesen, 1892 (Alle Abbildungen: Deutsches Plakat Museum)

Ernst Klimt, Ausstellung für Musik und Theaterwesen, 1892 (Alle Abbildungen: Deutsches Plakat Museum)

Dieses bemerkenswerte Blatt ist neben vielen anderen in der neuen Ausstellung „Theater für die Straße. Plakate für das Theater“ im Deutschen Plakat Museum im Museum Folkwang in Essen zu sehen, und schon anhand dieser Arbeit ist ersichtlich, welche Fülle an kultur- und speziell an theaterhistorischen Hinweisen Plakate enthalten können.

Die vom Leiter des Plakatmuseums René Grohnert in bewährter Weise kuratierte Ausstellung zeigt eine Fülle an Material zur Entwicklung der darstellenden Kunst in Europa. Selbstverständlich erfährt man in der Schau auch viel über die Entwicklung des Mediums „Plakat“. Hellmut Rademacher hat bereits in seinem 1990 erschienenen Standardwerk „Theaterplakate“ auf die künstlerische Bedeutung der Affichen hingewiesen: „Im Vergleich zu der mehrtausendjährigen Geschichte des Theaters nimmt sich die nicht viel mehr als ein Jahrhundert umfassende Entwicklung des künstlerischen Plakates allerdings als recht kurz aus, wenngleich es dabei bereits bedeutende Wandlungen durchlaufen und mannigfache Erscheinungen hervorgebracht hat, die in die Kunstgeschichte eingegangen sind.“

Das Essener Museum besitzt in seiner Sammlung derzeit über 4.000 Plakate für Theater und Theaterproduktionen und präsentiert in der gegenwärtigen Schau rund achtzig Arbeiten aus diesem Themenkreis. Der Bogen reicht dabei zeitlich von 1826 bis in die Gegenwart und räumlich von Italien über Frankreich, Österreich und die Schweiz bis nach Deutschland. Neben diesem umfassenden historischen Überblick bietet die Ausstellung eine interessante Darstellung der Entwicklung des Essener Aalto-Theaters im letzten Vierteljahrhundert. In ihrem Katalogbeitrag über die Essener Theaterwerbung bringt es Anita Kühnel auf den Punkt: „Plakate sind noch immer die Königsdisziplin im Grafikdesign, denn sie schaffen etwas, das in dieser Weise kein anderes Werbemittel kann: Sie treffen den Betrachter unvorbereitet.“