Essen: Plakate von Martin Kippenberger

„Du kommst auch noch in Mode“ lautet der Titel der aktuellen Ausstellung des Deutschen Plakatmuseums. Im Mittelpunkt steht einer der bedeutendsten deutschen Künstler der letzten Jahrzehnte – nämlich Martin Kippenberger (1953–1997). Der in Dortmund geborene Kippenberger studierte von 1972 bis 1976 an der Hamburger „Hochschule für bildende Künste“ und hatte ab den 1980er Jahren auch enge Verbindungen zur österreichischen Avantgardeszene.

1983 veranstaltete die Wiener Galerie Peter Pakesch unter dem Titel „Schwerter zu Zapfhähnen“ eine Ausstellung mit Werken von Werner Büttner, Albert Oehlen und Martin Kippenberger. Ein Jahr später inszenierte Kippenberger anlässlich seiner ersten Wiener Einzelausstellung spektakuläre Aktionen, wie etwa ein Fiaker-Wettrennen, einen Trink-Wettkampf sowie – an der „Hochschule für angewandte Kunst“ – eine „Ansprache an die Hirnlosen“. Als „Hauptquartier“ seiner Wiener Aktivitäten wählte Kippenberger das Künstler-Kaffee „Alt-Wien“, wo er zum Teil legendäre Besäufnisse inszenierte.

„Zwei Transformationen, die Kippenberger an diesem Ort in der Folge vornahm, erscheinen mir bemerkenswert. Beide hatten damit zu tun, dass das ‚Alt Wien‘ mehr als manche andere Wiener Kaffeehäuser – vor allem ist da das legendäre ‚Café Havelka‘ zu nennen – mit aktuellen Ausstellungs- und Theaterplakaten austapeziert war. Da traf einiges zusammen. Kippenberger hatte ein besonderes Verhältnis zu Plakaten, das Plakat, vor allem das Künstlerplakat, hatte in der Stadt immer einen ganz besonderen Stellenwert, was sicher zur noch intensiveren Zuwendung Martin Kippenbergers zu diesem Medium beitrug. Die größte Wand der Stadt für solche Plakate fand sich in dem von ihm erwählten Lokal. Als er 1987 seine letzte Galerieausstellung in Wien hatte und diese parallel mit einer Ausstellung des Wiener Künstlers Otto Zitko stattfand, war sein Plakatbeitrag, alle Plakate im ‚Alt Wien‘ abmontieren zu lassen und diese mit dem Ankündigungstext für Otto Zitko überdrucken zu lassen. Das geschah über Nacht und am nächsten Abend hingen alle Plakate wieder, nur um einige Information bereichert. Zwei Jahre darauf gab es eine Ausstellung des Grazer Kunstvereins zum Künstlerplakat in Österreich der letzten Jahre. Dazu wurden auch einige internationale Künstler eingeladen, Großplakate für den öffentlichen Raum zu machen. Dafür ließ Kippenberger eine Gruppe ausgewählter Plakate im ‚Alt Wien‘ aufhängen und davon ein Foto machen. Diese Aufnahme zierte dann als Großplakat viele Werbeflächen der Stadt Graz.“
Pakesch, Peter: Martin Kippenberger: Die Utopie des Künstlers, in: Pakesch, Peter (Hrsg.): Modell Martin Kippenberger. Utopien für alle, Köln 2007, S.16f.

In den 1980er Jahren lebte Martin Kippenberger zeitweise auch in Graz, wo er sich mit dem „wilderen Teil“ der steirischen Künstlerschaft befreundete und gemeinsam mit Jörg Schlick, Albert Oehlen und den Schriftstellern Wolfgang Bauer, Max Gad und Walter Grond die „Lord Jim Loge“ begründete. Das Motto der Vereinigung lautete „Keiner hilft keinem“. Martin Kippenberger behagte offenbar die österreichische Kunstszene jener Zeit, wo sich vor der Tapete des verstockten Konservativismus eine Reihe von individualanarchistischen Persönlichkeiten entfalten konnte.

Kippenberger zum Thema »Fiffen, Faufen und Ferfaufen«, 1982, © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln (© Fotos: Museum Folkwang)

Kippenberger zum Thema »Fiffen, Faufen und Ferfaufen«, 1982,
© Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln (© Fotos: Museum Folkwang)

Im Rahmen der Wiener Festwochen gestaltete Kippenberger 1991 mit „Tiefes Kehlchen“ in einem Wiener U-Bahn-Schacht ein große Arbeit im öffentlichen Raum, die heute zu seinen Hauptwerken gezählt wird. Nach seiner Heirat mit der renommierten österreichischen Fotografin Elfie Semotan im Jahr 1996 lebte und arbeitete der Künstler zeitweise in deren Atelier im burgenländischen Jennersdorf. Am 7. März 1997 verstarb Martin Kippenberger in Wien.

Lange Zeit verstellten zahlreiche Anekdoten um die Person von Martin Kippenberger den Blick auf das tatsächliche Werk des Künstlers, der mit seiner vielseitigen und seinen oft scheinbar disparaten Arbeiten heute als einer der Hauptvertreter der Postmoderne in der bildenden Kunst gesehen wird. Die von René Grohnert gestaltete Ausstellung im Deutschen Plakatmuseum eröffnet nun einen unverstellten und dabei auch originellen Blick auf einen wichtigen Teil des Schaffens Kippenbergers. Die Basis dafür bildet eine repräsentative Auswahl der wichtigsten Plakate des Künstlers. Dem Museum gelang es 2013, einen umfangreichen Bestand von Kippenberger-Plakaten zu kaufen. Die Neuerwerbung umfasst 107 der insgesamt 178 vom Künstler geschaffenen Poster.