Das Schiff des Theseus

Fotos: © Rudolf Linn, Köln

Schon beim ersten Ansehen merkt man: Das ist kein Buch wie jedes andere, das ist etwas Besonderes. Am Rücken des Schubers steht einfach ein großes gotisches S und der Name zweier Autoren: J.J. Abrams und Doug Dorst. Am Einband des in Leinen gebundenen Buches aber liest man: „Das Schiff des Theseus“ und darunter als Autorenname V.M.Straka.

Macht man es auf, fallen einem Papiere entgegen, die zwischen den Seiten eingelegt sind: Briefe, Karten, Zeitungsausschnitte und dergleichen. Das macht stutzig. Auf der Vorsatzseite steht „Leihexemplar“, am hinteren Deckel findet man dann auch die Stempel der Leihfristen – und die Bemerkung, dass das Buch pfleglich zu behandeln sei.

Schlägt man die vergilbten Seiten auf – immerhin handelt es sich ja um ein Exemplar aus dem Jahr 1949 – sieht man, dass da jemand in das Buch hineingeschrieben hat. Zwei Menschen – man erkennt zwei verschiedene Handschriften – haben dieses Buch sichtlich zum Austausch ihrer Gedanken benützt. Verwirrung stellt sich ein. Soll man dem Hin und Her zwischen den beiden folgen oder doch der Geschichte vom Schiff des Theseus, die ein gewisser V.M.Straka niedergeschrieben und F.X.Caldeira übersetzt haben soll. Rätsel über Rätsel. Und die löst zum Teil Monika König, die Herstellungsleiterin des Verlages Kiepenheuer & Witsch. Vor mehr als zwei Jahren sei sie auf die amerikanische Ausgabe des Buches aufmerksam gemacht worden. Sie stammt von dem Emmy-Preisträger J.J. Abrams, der als Autor, Produzent und Regisseur diverser Filme und Fernsehserien auf sich aufmerksam hat machen können und von Doug Dorst, der kreatives Schreiben in Texas unterrichtet, aber auch dreifacher Champion der US-Spieleshow „Jeopardy“ ist. Und dieses Spielen, Spielen mit dem Material Papier und Buch, war sicher eine ganz große Triebfeder beim Kreieren dieses Buches. Es beweise – so eine Pressestimme in den USA – „was das Medium Buch alles biete, so dass die anderen erzählenden Medien einpacken könnten“.

TheseusA

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch nahm die Herausforderung an, eine deutschsprachige Fassung des Buches herauszubringen und beauftragte zuerst einmal die Übersetzer. In weiterer Folge mussten Handlettering, Satz und Grafik geklärt werden (unter Handlettering versteht man die handschriftlichen Eintragungen, die ja neben dem gedruckten Text in das Buch kommen mussten). Die Amerikaner hatten das alles in China machen lassen, was für den deutschen Verlag nicht in Frage kam. Eine Druckerei wurde in Tschechien gefunden. Schwierig war es auch, das richtige Papier zu finden, denn es durfte ja nicht vom amerikanischen Original abweichen. Ja, und dann ging man daran, all das herzustellen, was dem Buch beigelegt werden musste, es handelt sich hier um 22 verschiedene Materialien, die zu beschaffen waren und rechtzeitig bereit sein sollten, darunter als besondere Spezialität: eine Dechiffrierscheibe. Nachdem alles gedruckt und gestanzt war, hatten die Buchbinder mit der Flut einzulegender Papiere fertig zu werden. Sie mussten alles vergessen, was sie je gelernt hatten. Aber die immer gleichlautende Ansage war: „Wenn die Chinesen das hingekriegt haben, werdet Ihr das doch wohl auch schaffen!“ Und sie schafften es. Natürlich gab es dazwischen Probleme, zum Beispiel die Farbgebung der vergilbten Seiten. Grafikerin und Herstellerin hatten verschiedene Unterlagen, da die Amerikaner ja mehrere Auflagen des Buches gedruckt hatten, deren Farbe auch nicht immer gleich war.

Der gesamte Verlag war von dem Virus befallen, das Maximum für dieses Produkt herauszuholen. Alle Erwartungen wurden erfüllt, alle Vorstellungen trafen ein: es wurde ein perfektes Buch. Eine Wundertüte, nennt es Monika König. Weil man ja erst im Laufe der Zeit, die man braucht, um sich in dieses einmalige Werk zu vertiefen, merkt, wie viele Rätsel sich hinter dieser Unterhaltungsmaschine verbergen, was das Ding alles kann.

Nun aber doch noch einige Bemerkungen zum Text. Er, Eric, hat das Buch aus einer Bibliothek geklaut, es aber dann irgendwo vergessen. Sie, Jen, eine Studentin wie er, hat es gefunden und schreibt Bemerkungen in das Buch, auf die Eric reagiert. Und so geht das hin und her, Privates mischt sich unter das, was die beiden zum Buch zu bemerken haben. Wer ist dieser V.M. Straka? Hat er überhaupt das Buch geschrieben, oder hat ihn der sogenannte Übersetzer F.X. Caldeira nur erfunden. So geheimnisvoll wie das Formale ist auch der Inhalt. Ein Mann, der nicht weiß, woher er kommt, streift durch eine Stadt am Meer, um sie dann am Ende wieder übers Meer zu verlassen. Fantasy-Fiction pur. Eine Geschichte, in die man eintauchen und in ihr versinken kann. Es wirken keinerlei logische Einwände, man muss sich dieser Story hingeben, und vielleicht, wenn man Glück hat, meint man am Ende des Buches, nachdem man es zugeklappt hat: „Hey, komm rein u. bleib bei mir.“ (Das steht nämlich als handschriftliche Bemerkung auf der letzten, der 523.Seite.)

J.J. Abrams–Doug Dorst: S. – Das Schiff des Theseus, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015.