Plakate zwischen Kunst und Kommerz

„Post no bills“ – „bills“ meint keine Rechnungen, sondern Maueranschläge aller Art, darunter auch Plakate. Die aus alten Zeiten stammende Redensart, die sich gelegentlich in Großbritannien auf Hauswänden, Hydranten, Pissoirs oder auf den Schaufenstern leer stehender Lokale findet, gibt es so im Deutschen nicht, da heißt es ganz modern und direkt: „Plakatieren verboten“. Es verwundert weiter nicht, dass der synästhetisch arbeitende Alltagschronist James Joyce in seinem mäandrierenden Stadtporträt „Ulysses“ auch auf die Floskel „Post no bills“ stieß und damit seine spielerische Freude hatte. Affichierte Zettel und Plakate gehören essentiell zum urbanen „Optisch-Unbewussten“ (Walter Benjamin). Fotografen wie André Kertész haben in den 1920er Jahren auf diese neue Großstadtwahrnehmung reagiert und Menschen im Kraftfeld von Plakaten abgebildet.

„Post no bills“ heißt ein reich illustrierter Sammelband, der jetzt bei Steidl herausgekommen ist, thematisch sehr unterschiedliche Beiträge enthält und auf „Das Medium Plakat zwischen Kunst und Kommerz“ fokussiert. Bisher ist das Thema monographisch an einzelnen Künstlern, Sujets oder Plakatgattungen abgehandelt worden, aber mit einem weiten Radius gab es bislang dazu noch keine Publikation. Interessant die Mischung der AutorInnen: Zwischen die Historiker und Kunsthistoriker mischen sich die Plakatmacher und Künstler. Die ersten Aufsätze (Bernhard Denscher, René Grohnert) gehen das Thema grundsätzlich an, indem sie das Wechselspiel zwischen Kunst- und Plakatgeschichte innerhalb der einhundertfünfzigjährigen Geschichte nachzeichnen. Das Plakat hatte es lange Zeit sehr schwer, eine Anerkennung durch die Künste zu finden, aber bei Art Nouveau um 1900 war plötzlich alles anders. Die Grenzen zwischen Kunst und Leben wurden neu ausgemessen, Henri Toulouse-Lautrec in Paris, Josef Maria Olbrich in Wien, Franz von Stuck in München, das britische „Arts and Crafts Movement“ entdeckten die Alltagsgegenstände für die Kunst und bezogen auch das Plakat in ihre Produktion ein. Freilich schauten die Plakate in ihrer dekorativen Modellierung wie eine Fortsetzung der klassischen Künste aus.

Erst die 1920er Jahren huldigten dem Plakat als eigenständigem Medium. Farben und Sujets wurden stark auf klare Botschaften reduziert. Die Prinzipien der Gebrauchsgraphik entsprachen dem Geist der Neuen Sachlichkeit. In den 1960er Jahren tauchte eine ähnliche Philosophie innerhalb des „Industrial Design“ wieder auf. Die Popkultur machte es geradezu zur Pflicht, Plakate in Wohngemeinschaften oder Lokalen aufzuhängen und die Denkweise seiner BewohnerInnen sichtbar zu machen. Das Plakat erlebte jedenfalls eine veritable Renaissance. Der Job des Grafik-Designers machte die höheren Ansprüche in der Werbung sichtbar. Die Trennung von Kunst und Reklame wurde wieder einmal aufgehoben. Sind bildende Kunst und Plakatgestaltung eins? Nein, Plakate dienen bestimmten Zwecken, wollen Aufmerksamkeit erzielen und eindeutige Botschaften setzen. Eine genaue Antwort über das Gemeinsame und Trennende von Kunst und Plakat lässt sich nicht finden. „Es ist die Struktur der Schichtung, die das Verhältnis von Kunst und Plakat beschreibt,“ sagt uns René Grohnert, Leiter des großen Plakat-Museums in Essen.

Stephan Bundis Artikel zur Geschichte des Schweizer Plakats ist ein wenig kurz geraten. Marta Sylvestrovas Aufsatz über „Tschechische Filmplakate seit 1945“ holt schon weiter aus, spannt einen Bogen vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute; Schwerpunkt ist dabei die kreative Periode in den Jahren des Prager Frühlings, als Karel Teissig und viele andere darangingen, Elemente der bereits entwickelten polnischen Plakatkunst, des Magischen Realismus und der amerikanischen Pop-Art für den Aufbau einer eigenen tschechischen Filmplakatkunst einzusetzen. In den 1970er Jahren war der Clash mit den offiziellen Stellen vorprogrammiert. Eigentlich traurig, dass die demokratische Wende von 1989 das Ende der großen tschechischen Plakatkunst einläutete. Sie suspendierte den Usus, für alle Filme, auch Importe, eigene tschechische Plakate herzustellen, und unterstellte die Kinowerbung dem globalen Promotionsmoloch.

Der Mittelteil des Buches ist einem europäischen Kunstprojekt („Geld macht sicht bar“) gewidmet, das 2013 in Österreich stattfand. 12 österreichische und internationale KünstlerInnen wurden eingeladen, die herkömmliche Plakatwelt durch ihre Botschaften zu stören. Wie die Fotostrecke im Buch zeigt, hatten die sehr unterschiedlichen Realisierungen durchaus das Zeug, die Werbewelt erfolgreich zu konterkarieren. Manche Akteure intervenierten mit offenen politischen Botschaften, manche intervenierten mit absurden Motiven oder symbolischen Botschaften, immer in Absicht, die Welt des Marketing ein wenig aus den Angeln zu heben.

Paul Coldwell holt die große, internationale Kunstwelt ins Buch. Er stellt Projekte vor, in denen es ebenfalls darum ging, mit der Wirkung von Kunst den öffentlichen Raum umzukehren. Das Plakat ist dabei nur ein Medium der Transgression unter anderem, das Künstler einsetzen, um einzugreifen. Der selbst als Künstler arbeitende Coldwell liefert einige Beispiele: Andy Warhol brachte in Übermalung „13 Most Wanted Men“ auf eine Hauswand und löste damit Entsetzen beim New Yorker Gouverneur aus. Felix Gonzales-Torres setzte mit seinem vielfach affichierten Plakat vom ungemachten Bett einen Kontrast zur rush hour von Big Apple. Der aktionistische Thomas Kilpper verwandelte Gebäude in Aktionsräume, Holzböden in Druckstöcke, großflächige Fassaden in überdimensionierte Plakatwände. Joseph Beuys verwendete Plakate als Hilfsmittel für seine Performances. Die norwegischen Schwestern Annette und Caroline Keirulf verwehrten sich mit ihren Holzschnitt-Arbeiten gegen eine Professionalisierung des Mediums. Das Projekt „Platform of Art“ hat das Londoner U-Bahnnetz in eine künstlerische Bühne für Plakate verzaubert. Für Coldwell sind diese Exempel Beispiele für das Spiel mit Funktion und Sprache des Plakats.

Im Schlussteil des Buches gibt es Einzelstudien, die sich an den Plakaten bekannter Künstler abarbeiten und sie mittels Interpretationen kontextualisieren. Sergius Kodera macht das mit den erwähnten Fotos von Kertèsz, Peter Stasny erzählt die Geschichte von Joost Schmidts konstruktivistischem Plakat für die Bauhaus-Ausstellung von 1923, indem er es mit Exponenten und konfliktuösen Strömungen innerhalb der Bauhaus-Bewegung in Beziehung setzt.

Marek Freudenreich setzt im Buch einen polemischen politischen Kontrapunkt. Ausgehend von Mark Fishers Buch „Capitalist Realism“ polemisiert er gegen ein globales Wirtschafts- und Lebensmodell, das die Menschen in Abhängigkeit und Hilflosigkeit presst. Die Wünsche helfen nicht, sondern setzen die Individuen in ein Hamsterrad, das ohne Werbewirtschaft nicht funktionieren würde. Böse Plakate, die gegen die Welt der Aufklärung verstoßen!

Kodera, Sergius – Georg Lebzelter (Hrsg.): Post no Bills. Das Medium Plakat zwischen Kunst und Kommerz, Göttingen 2016.