Uwe Jochum: Medienkörper

Detail aus dem Buchcover

Da hat – vor nicht allzu langer Zeit – Kurt Dornig auf Austrian Posters zum Thema Buchgestaltung Uwe Jochum zitiert: Und zwar aus dessen Buch „Medienkörper. Wandmedien – Handmedien – Digitalia“, dass „die schöne neue Digitalwelt zu nichts Geringerem als zum Verlust von 5000 Jahren Medien- und Kulturgeschichte führe“. Daher scheint es nur angebracht, sich dieses Büchlein einmal näher anzusehen. Es ist bei Wallstein erschienen und zwar in der Reihe „Ästhetik des Buches“. (In dieser Reihe hat auch Friedrich Forssmann „Wie ich Bücher gestalte“ herausgebracht, davon war auf AUSTRIAN POSTERS im November 2015 die Rede.)

Uwe Jochum wurde 1959 geboren, studierte Germanistik und Politikwissenschaft und ist Fachreferent an der Universität Konstanz. Er hat schon einiges Einschlägiges veröffentlicht. Zuletzt „Bücher. Vom Papyrus zum E-Book“ (Philipp von Zabern 2015), ein ausführlich-umfassendes, reich illustriertes Werk über die Geschichte des Buches. „Medienkörper“ ist ein kleiner, schmaler Band und behandelt eigentlich das gleiche Thema. Diesmal aber geht es Jochum eher darum, die digitalen Medien – im Kontext unserer Mediengeschichte – kritisch zu betrachten. Folgen wir vorerst einmal der Ankündigung des Verlages und bleiben bei „kritisch“. Diese seine Kritik beginnt Jochum damit, dass es ein modernes Vorurteil wäre, dass das Neue das Bessere und das Allerneueste das Allerbeste sei. Außerdem fände eine Verwechslung von Denken mit Faktenwissen statt. Es käme ihm nämlich auf die begriffliche Durchdringung des Materials an, die eine mühsame und daher langsame Angelegenheit sei, „in der die Vernunft sich selbst als reflektierend darstellt“. So sieht er guten Grund, in den Datenbanken, die schnelle Zugriffe auf überbordende Datenmengen ermöglichen, „das genaue Gegenteil von Vernunft zu sehen.“ Folgerichtig legt er seinem Buch die These zugrunde, „dass es Medien gibt, in denen der Geist darstellbar ist, und Medien, in denen er nicht dargestellt werden kann.“ Mit dieser provokanten These beschließt er seine Einleitung und beginnt nun einen Gang durch die Mediengeschichte, an deren Anfang er die Höhlenmalereien – eben als Wandmedien – stellt. Weil die ja nicht nur Alltagsszenen abbildeten, sondern auch abstrakte Zeichen enthielten, in denen einer dem anderen etwas mitteilen wollte. Das nächste Kapitel widmet er den Handmedien, in denen die dritte Dimension die flächige Zweidimensionalität ablöste. Sie konnten einen festen Ort verlassen, in ihnen kamen auch Zeichen für Lautungen vor, und diese Zeichen waren linear geordnet. Handmedien mussten aufbewahrt werden, diese Aufbewahrungsstellen nennt der Bibliothekar Jochum „Bedeutungsräume“. Ebenfalls neu ist dann auch, dass im zweiten Jahrtausend vor Christus die Namen der Autoren auftauchten. Und nun fasst Jochum Bibliothek und Autor zusammen, indem er den Bibliotheken die Aufgabe zuschreibt „die vorbildlichen kulturellen Leistungen ihren Urhebern korrekt zuzuordnen, um dadurch Konkurrenz zu ermöglichen.“ Interessant ist, was der Autor nun zum Sieg des Pergamentkodex über die Papyrusrolle zusammenträgt. Da haben andere viele, viele Vorzüge des Kodex aufgelistet, denen Jochum aber nicht folgen will, er meint, dass allein das Christentum dazu beigetragen habe. Dieses setzte nämlich von Beginn an medial auf den Kodex, aber eher deswegen, um eine kulturelle Differenz, einen Unterschied, zu den alten Griechen und den Juden aufzuzeigen.

So weit so interessant. Aber nun stürzt sich Jochum auf die Digitalia, und da fordert er heraus. Da wird man sich schon seine eigene Meinung bilden müssen, ob man ihm da bei seinen Überlegungen folgen will, wenn er schreibt, dass sich in den Archiven und Bibliotheken – die er ja Bedeutungs- oder Gedächtnisräume nennt – Überlieferung sinnlich erfahren lässt, wohingegen eine „Sammlung von Handys und iPads nach kurzer Zeit nichts weiter als ein Schrotthaufen“ seien. (Da sei nun doch endlich einmal eine persönliche Stellungnahme erlaubt. Die Aussage vom Schrotthaufen erinnert mich an das, was ein Bücherfreund zum Aufkommen der Taschenbücher äußerte: „Ein Taschenbuch zu lesen, wäre so wie Champagner aus einem Plastikbecher zu trinken.“ Als ob es darauf ankäme, in welcher Form Inhalte vermittelt würden.)

Um nun Jochum weiter bei seinen kulturpessimistischen Darlegungen zu folgen: Da meint er, dass „Kultur bisher stets das Hören auf die Stimmen der Älteren“ war und dass jene Kultur, die mit den digitalen Medien arbeite „nicht auf die Hervorbringung von Originär-Neuem abzielt, sondern auf die permanente Wiederverwertung von bereits Vorhandenem“. Und zum Finale: „Eine digital operierende Kultur…wird in demselben Maß, wie sie die Vergangenheit buchstäblich verspielt, auch ihre Zukunft verlieren.“  Wie auch immer man jetzt dazu steht, es lohnt sich – schon allein, um die eigenen Standpunkte zu erkennen – dieses kleine Büchlein mit knapp 60 Seiten zu lesen. Und dann darüber nachzudenken.

Uwe Jochum: Medienkörper. Wandmedien – Handmedien – Digitalia, Göttingen 2014.