Österreichisches Grafikdesign in Argentinien

Herbert Knirr – Valerian Gillar, Plakat „Fasching in Wien“, 1937 (Ausschnitt)

Veronika Pfolz, die immer wieder spannende Wege abseits der ausgetretenen Forschungspfade beschreitet, hat jüngst in den „Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich“ einen weiteren interessanten Beitrag vorgelegt: „Gillar/Guillard, Knirr et al. Österreicher im argentinischen Verlagswesen“ lautet der Titel der Arbeit. Mit nahezu kriminalistischem Spürsinn ist Veronika Pfolz darin den Lebenswegen der Grafiker Valerian Gillar, Herbert Knirr, Franz Kratochwil sowie der Grafikerin Susi Hochstimm nachgegangen. Dabei gelingt es ihr, über die einzelnen Biografien hinaus strukturelle Aspekte des Themas herauszuarbeiten: „So interessant jeder dieser Lebenswege ist und so sehr jeder einzelne dahinterstehende Mensch Aufmerksamkeit verdient,“ meint Veronika Pfolz, „ist doch eine Zusammenschau im Hinblick auf die Frage nach der Rolle von Österreichern im Bereich Graphik/Buchgestaltung/Verlagswesen in Südamerika aufschlussreich“.

Valerian Gillar, der auch unter dem Künstlernamen Guillard tätig war, wurde am 27. Mai 1913 in Wien geboren. Nach seiner Ausbildung an der „Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt“ ging er im Mai 1935 nach Argentinien, wo er bald als Gestalter internationale Anerkennung erlangte. So kann man bei Pfolz nachlesen, dass die renommierte deutsche Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“ im Jahr 1939 einen Beitrag über Gillar brachte, in dem dessen „vielseitiges Können in den letzten Jahren auf den verschiedenartigsten gebrauchsgraphischen Schaffensgebieten“ gelobt wurde und der Autor des Beitrages, Eberhard Hölscher, darüber hinaus vermerkte, dass Gillars Arbeiten von den „Kennzeichen besten Wienertums“, nämlich „von Phantasie, Witz und Humor zeugen“. Im Jahr 1939 befand sich Gillar auf einer Reise in Deutschland und konnte so nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieg nicht wieder nach Südamerika zurückkehren, sondern musste einrücken. Erst nach dem Krieg konnte er wieder nach Argentinien zurückkehren, wo er im Jahr 1996 in Buenos Aires verstarb.

Links: Herbert Knirr, vor/um 1938 / Rechts: Valerian Gillar vor/um 1947, Beide Fotos: ©Archiv der Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs (Der Autorin und Herrn Karl Novak von der Berufsvereinigung wird herzlich für Recherche und die Zurverfügungstellung der beiden Fotos gedankt)

Links: Herbert Knirr, vor/um 1938. Rechts: Valerian Gillar vor/um 1947. Beide Fotos: ©Archiv der Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs (Der Autorin und Herrn Karl Novak von der Berufsvereinigung wird herzlich für Recherche und die Zurverfügungstellung der beiden Fotos gedankt)

Höchstwahrscheinlich ist Valerian Gillar gemeinsam mit Herbert Knirr, seinem Studienkollegen an der „Graphischen“, 1935 nach Argentinien gereist. Der am 5. Jänner 1911 in Wien geborene Knirr konnte sich jedoch nicht so nachhaltig in dem Andenstaat etablierten wie sein Freund und kehrte nach einem Dreivierteljahr Arbeit in der damals größten Druckerei Südamerikas zurück nach Österreich. In Wien betrieb er in Kooperation mit Valerian Gillar, trotz dessen Auslandsaufenthalts, ein Atelier. Zumindest ist eine gemeinsame Arbeit der beiden erhalten, ein Klein-Plakat zum Thema „Fasching in Wien“ aus dem Jahr 1937, signiert mit dem Kürzel „Knirr Gillar“. Nach dem Krieg war Herbert Knirr noch eine Zeitlang als selbständiger Grafiker tätig, bis er in den 1950er Jahren nach Salzburg übersiedelte. Dort lebte er vor allem davon, dass er für das „Salzburger Heimatwerk“ Bauernmöbel und ländliche Gebrauchsgegenstände bemalte. Herbert Knirr verstarb am 28. Jänner 1997 Salzburg.

Franz Kratochwil wurde am 1. März 1901 in Korneuburg geboren. Auch er hat die „Graphische Lehr- und Versuchsanstalt“ in Wien absolviert. Nach einem Aufenthalt in Istanbul lebte er zunächst in Rio de Janeiro, bis er Mitte der zwanziger Jahre nach Buenos Aires übersiedelte, wo er bei der Zeitung „La Nacion“ arbeitete. Doch Kratochwil führte weiterhin ein unstetes Leben: 1930 ging er in die Schweiz, kehrte 1933 nach Österreich zurück, ging 1934 wieder nach Argentinien, wo er als „Kunstmaler“ und Zeichner wirkte, bis er 1938 wieder in Österreich war und in der Folge während des Krieges auch einrücken musste. Nach dem Krieg lebte Kratochwil in der Steiermark, bis es ihn 1948 wieder nach Buenos Aires zog, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1968 als Werbegrafiker und Illustrator tätig war.

Ein besonders erwähnenswerter Verdienst der Arbeit von Veronika Pfolz ist der Teil über die interessante und in Europa viel zu wenig bekannte Künstlerin Susi Hochstimm. Die im Jahr 1920 in Wien geborene Hochstimm absolvierte ebenfalls eine Ausbildung an der „Graphischen“ und emigrierte vor der nationalsozialistischen Bedrohung mit ihrer Familie nach Südamerika. Nach Aufenthalten in Brasilien und Bolivien kam sie schließlich nach Argentinien, wo sie heute noch lebt. Susi Hochstimm war nach ihren Anfängen im Bereich des Produktdesigns über vierzig Jahre in der Gestaltung von Frauenmagazinen tätig. Daneben verfasste und illustrierte sie Kinderbücher und setzte in diesem Bereich neue kreative Akzente in Südamerika. Dass Hochstimm weiterhin künstlerisch tätig ist und interessante groteske Collagen gestaltet, davon kann man sich im Internet überzeugen, denn die mittlerweile 96jährige Dame ist nach wie vor auf Facebook und Flickr aktiv.

Veronika Pfolz definiert ihre vorliegende Arbeit zwar als „erste Annäherung an die Frage nach der Rolle von Österreichern im Bereich Graphik/Buchgestaltung/Verlagswesen in Südamerika“, ihre Recherchen gehen aber weit über ledigliche Annährungen hinaus und liefern wertvolle Impulse nicht nur für den von ihr benannten Forschungsbereich, sondern auch für die Designgeschichte im Allgemeinen.

Pfolz, Veronika: Gillar/Guillard, Knirr et al. Österreicher im argentinischen Verlagswesen, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich 2016-1, S. 39 – 49.