Spuren urbaner Identität

Ein Blick in die Vergangenheit Wiens ist angesagt. Früher waren dort an den Hausmauern, über den Ladenfronten Schriftzüge. Bunt, auffallend, leuchtend, ganz und gar verschieden. Die Schriftzüge wurden im Lauf der Jahre entfernt, Uniformität machte sich breit. Aber, es blieben Spuren, das Entfernte hinterließ Abdrücke. Und diese Spuren gilt es festzuhalten. In einem Wettlauf gegen die Zeit dokumentieren Menschen das, was jetzt nur mehr in Schatten zu erkennen ist. Und diese Menschen werden immer mehr. In England und Amerika macht die Bewegung unter dem Titel „Ghostsigns“ auf sich aufmerksam. Sam Roberts ist ihr prominentester Vertreter. In Wien griff der Grafiker Tim Koch das Thema auf, wandelte den internationalen Begriff „Ghostsigns“ für Wien und das Buch in „Ghostletters“ um.  Ein Spaziergang durch Ottakring war der Auslöser: Anfang dieses Jahres fotografierte er mit seinem Handy, stellte die Bilder auf seine Facebook-Seite und bekam viele, viele Reaktionen. „Crowdfunding“ kam ins Spiel, sowohl was das Inhaltliche als auch was das Finanzielle betraf, das Wien-Museum tat mit, eine breite Öffentlichkeit wurde erreicht. 600 Einsendungen langten ein, die wurden auf 200 reduziert und die beiden Fotografen Daniel Gerersdorfer und Stephan Doleschal wurden ausgeschickt, diese „Spuren urbaner Identität“ festzuhalten. Oft mussten sie mehrmals ausrücken, eine Intention der Buchmacher war nämlich, möglichst autofreie Bilder zu bekommen. So ist dieses Buch „Ghostletters Vienna“ natürlich primär einmal ein Bilderbuch. Und was für eines. Wunderschön wurde Verfall abgebildet: Schräg fällt die Sonne über Fassaden, erhellt Spuren einstiger Pracht. Sofort stellt sich Nostalgie ein, eine leichte Traurigkeit, dass das alles verschwinden hat müssen. Und auch jetzt noch Tag für Tag weiter verschwindet. Ein Bilderbuch. Ein Buch, an dessen Beginn Bilder des Wiener Malers und Fotorealisten Franz Zadrazil stehen. Der ging in den 1970er und 80er Jahren systematisch die Straßen Wiens ab und meinte dann einmal: „Jetzt bin ich mit Wien durch!“  Hier irrte Zadrazil.

Aber, „Ghostletters Vienna“ ist nicht nur ein Bilderbuch. Die beiden Schildermaler Josef Samuel und Johann Hautzenberger erzählen von ihrem Handwerk, von dessen goldenen, aber vergangenen Zeiten, von „der Blütezeit der Seitengassen“. Es war nämlich so, dass sie, die keinerlei akademische Ausbildung genossen hatten, dennoch mit höchster Professionalität auf die Wünsche sowohl von großen als auch von kleinen Kunden eingingen und diese erfüllten. „Für mich war es ja weniger ein Beruf, es war eine Berufung. Mein Motto ist bis heute: SCHILDER, SCHÖN WIE BILDER“, sagt Josef Samuel.

Tom Koch erzählt aber auch die Geschichten hinter den Fassaden, erzählt von den Besitzern der Geschäfte, die oft über viele Generationen hindurch tätig waren.

Sam Roberts bringt internationale Erkenntnisse ein, ein Kapitel befasst sich mit den Neonschriften, den „Botschaften, in die Nacht geschrieben“ und am Ende gibt es ein kartografisches Verzeichnis, wo denn das alles zu finden ist, was da auf Fotos festgehalten wurde. Somit soll ein Bewusstsein geschaffen werden. Zum einen, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und zum anderen, Verantwortliche davon zu überzeugen, dass doch auch daran gedacht werden sollte, zu bewahren, zu erhalten und nicht nur zu demolieren.

Und Koch plant schon weiter, Bücher über weitere europäische Metropolen, über London, Paris, Berlin und Warschau sollen folgen.

 Tom Koch: Ghostletters Vienna. Spuren urbaner Identität, zweisprachig englisch/deutsch, Wien 2016.

Ähnliche Interessen verfolgt AUSTRIAN POSTERS schon seit längerem unter den Begriffen Plakatarchäologie und Stadtpalimpseste.