Gestaltete Sehnsucht: Reiseplakate um 1900

Collage von der Rückseite des Ausstellungskataloges, Gestaltung: Thomas Schmid

„Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen. Sonst reisten bevorzugte Individuen, jetzt reist jeder und jede. […] Alle Welt reist. So gewiß in alten Tagen eine Wetterunterhaltung war, so gewiß ist jetzt eine Reiseunterhaltung: ‚Wo waren Sie in diesem Sommer‘, heißt es von Oktober bis Weihnachten. ‚Wohin werden Sie sich im Sommer wenden?‘ heißt es von Weihnachten bis Ostern; viele Menschen betrachten elf Monate des Jahres nur als eine Vorbereitung auf den zwölften, nur als die Leiter, die auf die Höhe des Daseins führt.“ Mit diesen leicht entnervt wirkenden Beobachtungen beginnt Mechthild Haas ihren lesenswerten Beitrag zum Katalog der aktuellen Ausstellung von Reiseplakaten im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt. Was wie ein aktuelles Zitat eines Feuilletonisten der „Zeit“ oder des „Spiegel“ klingt, hat kein Geringerer als Theodor Fontane bereits im Jahr 1873 geschrieben. Sehr früh also beschreibt hier der preußische Schriftsteller die beginnende Popularität des Reisens und auch die Distinktionsmöglichkeit, die sich durch die entsprechende Wahl des Urlaubsortes bieten konnte.

Mechthild Haas, von der Idee und Konzept zu dem Ausstellungsprojekt im „Hessischen Landesmusem Darmstadt“ stammen, hat für diese Schau eine attraktive Auswahl von Tourismusplakaten aus der „Graphischen Sammlung“ des Hauses zusammengestellt. Es sind darunter „Klassiker“ des Genres, wie die Plakate für Zermatt von Hugo d’Alesi (1891), die Schneebergbahn von Alfred Roller (1897), die Weltausstellung in St. Louis von Alphonse Mucha (1904), für Chamonix von Jules Faivre (1905), den Starnberger See von Ludwig Hohlwein (1910), die Abbazia Sport-Woche von Stephanie Glax (1912) oder für „Rund um Berlin“ von Julius Klinger (1913). Daneben sind auch weniger bekannte aber ebenso interessante Arbeiten aus der frühen Welt des Reisens zu entdecken.

Anonym, Lugano, 1899 - 1906, Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Anonym, Lugano, 1899 – 1906, Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Richtete sich zu Beginn der Tourismuswelle die entsprechende Werbung nur an eine vermögende Elite, so wurde mit zunehmender Popularisierung des Reisens die Gruppe der Adressaten entsprechend weiter gefasst. „So war es nur schlüssig“, resümiert Mechthild Haas, „dass die im Laufe des 19. Jahrhunderts entstandene Reisebranche das Bildplakat für sich entdeckte und sich gegen Endes des 19. Jahrhunderts das Reiseplakat etablierte, um bei den touristischen Zielgruppen Wünsche zu entfachen.“

Zur Ausstellung ist ein repräsentativer Katalog erschienen, in dem nicht nur alle ausgestellten Plakate ganzseitig abgebildet sind, sondern die einzelnen Objekte ausführlich nach kunst- und kulturhistorischen, aber auch nach soziologischen und werbepsychologischen Aspekten dargestellt und analysiert werden.

Weitere Hinweise:
Hessisches Landesmuseum Darmstadt