Bil Spira: Vom Roten Wien zu den französischen Internierungslagern

Eine Füllfeder und einen Papierblock. Mehr brauchte Bil Spira nicht. Denn dort, wo er zeichnete, hatten Fotoapparate keinen Platz, waren sie nicht erlaubt. Bil Spira zeichnete zwischen 1939 und 1942 in französischen Internierungslagern.

Bil Spira wurde 1919 in eine jüdische Familie der Wiener Mittelschicht geboren. Schon in der Schule versuchte er sich als Karikaturist an seinen Professoren, später nutzte er sein Talent als Zeichner in der Theaterrubrik im „Kleinen Blatt“, wurde Layouter im „Wiener Tag“, bevor er die Bühnenbilder im Kabarett „ABC“ entwarf, einer Bühne in der Jura Soyfer der Hausautor war und unter anderen Leon Askin, Josef Meinrad und Fritz Eckhardt auftraten. Im Buch „Bil Spira“, in dem die Französin Claude Bessone sein Leben „Vom Roten Wien bis in die französischen Internierungslager“ beschreibt, und das nun in der Übersetzung von Thomas Klinkert herausgekommen ist, in diesem Buch sind neben den Zeichnungen, auf denen das Hauptaugenmerk liegt, auch Ausschnitte aus seinen Erinnerungen nachzulesen. Er lässt sie im – nach außen hin gemütlichen – Wiener Tonfall im Jahr 1938 beginnen: „Gehn S´, Herr Spira, machen S´ keine Umständ´…Wir holen nur ab“. Aus dem improvisierten Lager der Nazis in der Wiener Karajangasse wurde er freigelassen und floh daraufhin nach Frankreich, wo er den Namen Willy Freier annahm. Friedrich Torberg führte ihn im Pariser Café de la Poste ein, wo Joseph Roth Hof hielt: „Ein kleiner, schmächtiger Mann, mit abwechselnd schlauem, verschlafenem, gutmütigem oder zornigem Blick und hellen, verquollenen Augen. Eine dünne Haarsträhne hing ihm über die hohe Stirn. Sein Schnurrbart, vom Zigarettenrauch gebräunt, verdeckte die Lippen.“ Das ist der Blick des Zeichners, des Karikaturisten, der sofort die hervorstechenden, wesentlichen Merkmale eines Gesichtes erkennt.

Bil Spira wurde in Frankreich interniert und begann in den Lagern zu zeichnen. In diesen Zeichnungen machte er das Eingesperrtsein zum Thema, über die prekären Verhältnisse im Lager versuchte er, sich mit bitterem Humor hinwegzuretten. Es genügten ihm ein paar Striche, da und dort eine leichte Schattierung und schon steht das Lager und seine Tristesse vor einem, sieht man die von ihm porträtierten Mitinsassen vor sich. Aber auch diejenigen, die auf der anderen Seite standen, die Wärter und Kommandanten wollten sich von ihm zeichnen lassen. Dass er bei denen seine karikaturistischen Fähigkeiten auslebte, versteht sich von selbst. Aus dem ersten Lager wurde er freigelassen, kam nach Marseille und begegnete dort Varian Fry, dem Mitarbeiter eines halboffiziellen amerikanischen Hilfskomitees, für den er dann Pässe fälschte. Er erzählte später lachend darüber: „Man musste darauf herumtrampeln. Man musste sie in der Hand halten. Man musste sie in die Tasche stecken. Man musste auf allerlei Art und Weise dafür sorgen, dass sie alterten. Das sind lauter Berufsgeheimnisse.“ Aber er wurde verraten und in ein Straflager deportiert. Die Zeichnungen von dort vermitteln eine ganz andere Stimmung, dort hat ihn der Humor verlassen, den Porträtierten schaut die Verzweiflung aus den Augen. Ja, oft nicht einmal mehr das: unwahrscheinlich, wie es Spira gelang, diese leeren Blicke festzuhalten. Aus dem französischen Straflager kam er dann in diverse deutsche Lager, die Befreiung erlebte er in Buchenwald, von wo er nach Frankreich ging und dort 1999 starb.

Dieses Buch ist ein Schatz, vor allem durch die Zeichnungen Spiras und die dazu passenden Kommentare. Auch durch die Authentizität von Spiras Erzählung. Weil er nie pathetisch wird, hört man ihm zu. Er drängt sich einem nicht auf. Er lässt einem die Freiheit, selbst zu erkennen, was er alles hat durchmachen müssen. Ganz im Gegensatz dazu aber steht das, was die Herausgeber auch noch dazu taten. So muss man sich durch Einleitungen, Vorwörter und Vorreden durcharbeiten, die von Pathos triefen. Nun ist Pathos im Französischen vielleicht gebräuchlicher als in der deutschen Sprache unserer Tage. Das hätte man bei der Übersetzung bedenken müssen. Auch wenn es um die fürchterlichen Zustände in den französischen Lagern geht und man die den Franzosen gehörig vor Augen führen wollte. Aber, wenn das Wort „Vorhölle“ so inflationär gebraucht wird, hat man irgendwann einmal genug, man stumpft ab. Vollkommen unverständlich für jemanden hierzulande ist das abschließende Kapitel über „Die französischen Internierungslager im Spiegel der Postgeschichte“. Das wendet sich wohl primär an die zeitgeschichtlich interessierten französischen Leser. Dennoch, das Genie Bil Spiras überstrahlt das alles.

Claude Bessone (Hrsg.), Bil Spira. Vom Roten Wien zu den französischen Internierungslagern. Übers.v.Thomas Klinkert, Berlin 2016 (= Studien des Frankreich-Zentrums der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 24. Bd).