Schatten an der Wand

Gunter Rambow, Bemerkt die ersten Schatten, 1996 (Ausschnitt)

„Bemerkt die ersten Schatten“ – warnt ein Plakat, auf dem sich unter einer österreichischen Fahne ein Hakenkreuz abzeichnet. Dasselbe schockierende Symbol findet sich auch unter dem deutschen Schwarz-Rot-Gold. Ergänzt werden diese eindringlichen visuellen Warnungen von einem Zitat des österreichischen Philosophen Paul Feyerabend (1924–1994): „Eine Demokratie ist schließlich nicht nur für die Qualität ihrer Panzer, Bomben und Fernsehapparate verantwortlich, sondern auch für die Qualität ihrer Ideen.“

Geschaffen hat diese eindrucksvollen optischen Statements gegen ein neues Aufflammen faschistischer Tendenzen der legendäre deutsche Grafiker Gunter Rambow. Es sind zwei Arbeiten aus dem Jahr 1996, denen man auch heute noch eine weitere Verbreitung wünschen würde, weil sie leider immer noch – oder: schon wieder – aktuell sind. Initiator der Plakat-Aktion war seinerzeit der linke Frankfurter Verlag „Syndikat“, der die Poster bei seinen Auftritten auf Messen und Lesungen verwendete.

Gunter Rambow, Bemerkt die ersten Schatten, 1996

Zu sehen sind die beiden Arbeiten derzeit in der Ausstellung „PLAKAT KUNST KASSEL“  in der „Neuen Galerie“ in Kassel. Präsentiert werden in dieser Schau insgesamt über hundert durchwegs sehr bemerkenswerte Plakate aus der hessischen Kunstmetropole. „An der Kasseler Hochschule“, so Museumsdirektor Bernd Küster, „waren seit der Nachkriegszeit im Bereich Grafikdesign immer wieder herausragende Professoren, Studentinnen und Studenten tätig, die ungewöhnliche Lösungen für komplexe grafische Probleme fanden. Die Plakate von Karl Oskar Blase (*1925), Hans Hillmann (1925–2014), Gunter Rambow (*1938), Frieder Grindler (*1941) oder Ott & Stein und vielen anderen gehören längst zu Klassikern des internationalen Grafikdesigns.“

Mit der legendären, von den Professoren Hans Hillmann und Gunter Rambow initiierten Ausstellung „Ein Plakat ist eine Fläche die ins Auge springt“ wurde 1979 die „Kasseler Schule“ gleichsam offiziell proklamiert, doch ihre Anfänge reichen bis in die 1950er Jahre zurück. Ausstellungskuratorin Christiane Lukatis resümiert die Entwicklung von damals bis 2015 (als die Professur für Plakatgestaltung aufgelassen wurde): „In diesem Zeitraum wurden nicht nur die technischen Grundlagen der Entwurfsarbeit und ihrer Umsetzung im Druck revolutioniert. Von den selbstgeschnittenen Schablonenschriften, den ersten noch im Linolschnitt in der Werkkunstschule selbst gedruckten Plakaten und den von Hand collagierten Fotomontagen als Druckvorlagen geht der Weg zu den modernen Entwurfsverfahren am Computer.“

Gunter Rambow, Bemerkt die ersten Schatten, 1996

Auffallend ist der Umstand, dass sich die „Kasseler“ DesignerInnen kaum mit Wirtschaftswerbung, sondern nahezu ausschließlich mit kulturellen und gesellschaftspolitischen Themen beschäftigten. Das gestalterische Ethos bezog sich damit nicht nur auf die formalen, sondern sehr stark auch auf die inhaltlichen Aspekte ihrer Arbeit. Der ausgezeichnete, von Christine Lukatis unter Mitarbeit von Bernadette Winkler herausgegebene Katalog spürt diesen Aspekten in den ausgestellten Objekten nach. Aufgrund beeindruckend genauer Recherchen werden da alle Plakate sowohl in ihren ästhetischen als auch in ihren kulturhistorischen Zusammenhängen ausführlich beschrieben. Damit wird der auch optisch gelungene Katalog über die Ausstellung hinaus als wichtige Publikation zur deutschen Kulturgeschichte nach 1945 Bestand haben.

Weitere Hinweise:
Museumslandschaft Hessen Kassel