Bucheinbände der Wiener Werkstätte

Alle Fotos: MAK-Ausstellungsansicht, 2017, BUCHEINBÄNDE DER WIENER WERKSTÄTTE. MAK-Kunstblättersaal © MAK/Georg Mayer

Bücher standen im Zentrum des Interesses der Wiener Werkstätte, sie waren Sinnbild für das, was man damals verwirklichen wollte: das GESAMTKUNSTWERK. Der haptische Reiz des Einbands sollte sich mit der intellektuellen Herausforderung des Inhalts verbinden. Die Anregung dafür kam von der englischen „Arts and Crafts Bewegung“ und da vor allem von den Kreationen des William Morris. 1904 bekam Carl Beitel, einer der damals renommiertesten Buchbinder in Wien, die Gewerbeerlaubnis für das Buchbinderhandwerk in der Wiener Werkstätte. Kolo Moser entwarf vorerst Einbände aus Tunk- und Marmorpapier, Adele Bloch-Bauer war eine der ersten Kundinnen. Man produzierte entweder für die einzelnen Verkaufsstellen – wollte man doch auch den Kunden von der Straße ansprechen – oder aber es gab private Auftraggeber. Die besorgten das Buch beim Verlag, trugen es zur Wiener Werkstätte und verkündeten dort, so der Sammler Ernst Ploil, von dem noch die Rede sein wird: „Zerlegen s´des Klumpert, so wie es da ist, will ich es nicht haben. Erzeugen Sie mir ein Buch nach Ihren Entwürfen und nach meinen Vorstellungen.“ Somit wurde das Buch komplett zerlegt, die großen Meister Koloman Moser und Josef Hoffmann entwarfen Einbände, die sich sehr oft auch auf den Inhalt des Buches bezogen.

Die Entwürfe wurden auf die Vorstellungen des Auftraggebers abgestimmt und dann übernahm der Buchbinder. „Gutes Material und technisch vollkommene Durchführung“ war das Credo der Wiener Werkstätte. Das Material der Bucheinbände war äußerst vielfältig, in der Hauptsache Maroquin- also Ziegenleder, aber auch Frosch-, Kröten-, Schlangen- und Krokodilleder. Dekor trat nur dort auf, wo die Struktur des Materials nicht dagegen sprach, alle Arten der Ledereinlegekunst, des Blinddrucks, der Handvergoldung, des Lederflechtens wurden angewendet. Arbeitete man am Beginn eher einfacher, so nahmen die Bucheinbände –  wie überhaupt die gesamte Produktion der Wiener Werkstätte – im Lauf der Zeit barocke Formen an. 1924 hatte Josef Hoffmann die Idee, ein Relief auf die Bücher zu legen und das dann zu binden. Es war alles in allem ein komplizierter Vorgang, besonders das Anbringen der Goldstempel eine heikle Angelegenheit. So wurden die fertigen Bücher dann auch signiert, nicht nur von der Wiener Werkstätte, sondern auch vom Entwerfer des Einbands und dem Buchbinder.

Der kommerzielle Erfolg des Ganzen wäre Minus Null gewesen, meint wieder Ernst Ploil (Er weiß auch, dass die teuersten Bucheinbände circa 400 Kronen gekostet hätten, das wären ungefähr 8000 – 10.000 EUR). Das habe ja die Wiener Werkstätte ausgezeichnet: In den dreißig Jahre ihrer Existenz seien Privatvermögen von drei großen Industriellen draufgegangen – und auch ein bisschen guter Ruf. „Aber das war ein Teil von In-Schönheit-Sterben und zu diesem schönen Sterben gehören eben auch die paar Bücher.“ Die Sammler wüssten ein Leideslied zu klagen, es existierten nämlich nur sehr wenige Bücher, höchstens 300 Stück.  Apropos Sammeln. Ernst Ploil gibt da Einblick auch in die Psyche des Sammlers. Er meint selbstironisch, dass Sammeln keine besonders lobenswerte Eigenschaft wäre, sondern eine aus frühkindlichen Defekten verursachte beharrliche Verhaltensweise. Beharrlich deswegen, weil man immer wieder versuche, mit den gleichen Rezepturen das Leben zu bewältigen oder irgendwelche Süchte zu befriedigen. Er sammle jetzt über 40 Jahre Wiener Werkstätte, das Sammeln von Büchern aus der Wiener Werkstätte habe er seit frühester Sammeljugend angestrebt, habe aber 20 Jahre gebraucht, bis er das erste Buch – als das Ergebnis obsessiven Verhaltens – in die Hand bekommen habe. Abschließend meint er dann aber, bar jeglicher Ironie „Der Umgang mit schönen Dingen verschönt uns selbst!“

Im Kunstblättersaal des MAK sind circa 70 Bücher aus den Sammlungen von Ernst Ploil und Richard Grubmann ausgestellt, weiters 40 originale Entwurfszeichnungen, rund 500 Lederstempel und ausgewählte Bucheinbände aus der MAK-Sammlung.

Weitere Hinweise:
MAK Wien