Was sind Ephemera?

Margit Doppler-Kováts, Entwurf für eine Zigarettenwerbung, 1930 (Alle Abb.: MAK)

Das Lexikon verweist auf den griechischen Wortursprung und übersetzt mit „kurzlebigen Organismen“ und „rasch vorübergehenden Erscheinungen“. Wesentlich bunter und plastischer wird die Sache, wenn man sich darüber mit der Wiener Kunsthistorikerin Kathrin Pokorny-Nagel unterhält. Sie beschreibt Ephemera als Objekte aus dem Bereich der Grafik, die einen zeitlich begrenzten Gebrauchswert haben. Der Bogen reicht dabei von Geschenks- und Briefpapier, Visiten-, Eintritts- und Spielkarten, Buchumschlägen und Lesezeichen bis zu Exlibris-Zetteln, Reklamemarken, Werbeprospekten – und noch so manchem mehr. Dieser farbenfrohen Vielfalt, deren kulturhistorischer und künstlerischer Wert allzu oft unterschätzt wird, ist ein vor kurzem erschienener Prachtband gewidmet: „Ephemera. Die Gebrauchsgrafik der MAK-Bibliothek und der Kunstblättersammlung“ lautet der Titel des 464 Seiten starken Buches.

Fachklasse Koloman Moser, Modeldruckpapier, um 1905

Kathrin Pokorny-Nagel, die den Ephemera-Band gemeinsam mit dem Direktor des Österreichischen Museums für angewandte Kunst – kurz: MAK –, Christoph Thun-Hohenstein, herausgegeben hat, ist eine ausgewiesene Expertin zum Thema: Sie leitet die rund 34.000 gebrauchsgrafische Objekte umfassende MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung. Es ist eine beeindruckende, traditionsreiche Kollektion, denn von Beginn an (das MAK wurde 1863 als „Museum für Kunst und Industrie“ gegründet) wurden im Haus am Stubenring auch Ephemera gesammelt. Im Vorwort zum Buch schreiben Pokorny-Nagel und Anne-Katrin Rossberg (die sich intensiv mit der Sammlungsprovenienz beschäftigt und an der Buchredaktion mitgearbeitet hat): „Die vorliegende Publikation repräsentiert die Stärken und die Ausgewogenheit der MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung auf dem Gebiet der Ephemera. Sie ist die Essenz eines langjährigen Forschungsprojektes, in dessen Verlauf die umfangreiche Gebrauchsgrafiksammlung des MAK systematisiert und digitalisiert wurde. Die Fakten zu den gescannten Objekten sind inzwischen online abrufbar – die Bestandsaufnahme allein, befinden wir, kann jedoch der außerordentlichen Qualität der Sammlung nicht gerecht werden. So soll dieser Band die flüchtigen Druckerzeugnisse festhalten und würdigen.“

Joseph Binder, Papier für die Bonbonniere „Manhattan“ der Firma Heller, 1950

Gegliedert ist das Buch in acht Kapitel, in denen die wesentlichen Bereiche der Ephemera-Sammlung von Expertinnen und Experten beschrieben und analysiert und vor allem durch 600 Farbabbildungen in Szene gesetzt werden.

Am Beginn des Projekts zur Erschließung der gebrauchsgrafischen Bestände des MAK standen, so Kathrin Pokorny-Nagel, zwei auch für die Plakatgeschichte bedeutende Persönlichkeiten: Nämlich jene von Joseph und Carla Binder.


Zu den vielen bekannten Namen, die mit Werken in der gebrauchsgrafischen Sammlung des MAK vertreten sind, gehören unter anderen Joseph Binder, Ernst Deutsch-Dryden, Margit Doppler-Kováts, Ernst Ludwig Franke, Julius Klinger und Hermann Kosel.

Der Großteil der Objekte stammt aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Doch es sind im Buch auch historische Raritäten zu entdecken. So etwa Spielkarten aus dem 16. Jahrhundert, die auf ungewöhnliche Weise erhalten geblieben sind: Einige fand man in Buchdeckeln, wo die Karten, die offenbar schon so abgegriffen waren, dass sie nicht mehr zum Spielen benutzt wurden, als Verstärkung eingefügt waren. Andere entdeckte man bei der Restaurierung eines Schränkchens, wo sie als Seitenwände von kleinen Schubladen verwendet worden waren.

Es sei wichtig, so betont Kathrin Pokorny-Nagel, die gebrauchsgrafische Sammlung weiterzuführen und aktuell zu halten – auch wenn das bei der Fülle des aktuellen Materials eine schwierige, zeit- und kostenaufwendige Aufgabe sei. Immerhin aber sind im Buch auch künstlerische Arbeiten aus den letzten Jahrzehnten zu entdecken: so etwa ein Kartenspiel des Duos Julius Deutschbauer / Gerhard Spring, ein Geschenkpapier von Ingeborg Strobl, eine Tourismus-Werbeanzeige von Christoph Niemann und eine Visitenkarte von Stefan Sagmeister.

Stefan Sagmeister, Visitenkarte, 1988

Von Stefan Sagmeister stammt auch einer der „Kommentare“ im Ephemera-Buch. Denn in jedem der acht Kapitel findet sich neben dem wissenschaftlichen Teil stets auch ein Text von einer Persönlichkeit, die einen speziellen Bezug zum jeweiligen Bereich hat. Sagmeister etwa kommentiert „Werbematerial – Reklamemarken“, die Fotografin Elfie Semotan hat einen Kommentar zu den „Modebildern“ verfasst und Frieder Schmidt vom Deutschen Buch- und Schriftmuseum beschreibt seine Sicht auf „Buntpapier“.

Gestaltet wurde der Band vom Designstudio 3007 – Eva Dranaz / Jochen Fill, die sich, so erzählt Kathrin Pokorny-Nagel, intensiv mit dem Thema „Ephemera“ beschäftigten und dem Band das Aussehen einer Archivkiste gaben.


Ein passendes Resümee zum „Ephemera“-Band findet sich im Kommentar von Stefan Sagmeister, der meint: „Die Dinge in diesem Buch haben jemanden entzückt, sie waren es wert, gesammelt, aufgehoben, aussortiert und publiziert zu werden. Sie sind gut.“

„Ephemera. Die Gebrauchsgrafik der MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung“. Hg. von Christoph Thun-Hohenstein und Kathrin Pokorny-Nagel. Verlag für moderne Kunst, Wien 2017.