Prints in Paris 1900

Henri Toulouse-Lautrec, La Clownesse Assise, 1896, Detail (Alle Abbildungen (c) Prints in Paris 1900, Belser Verlag)

Als Begleitmedium zur Ausstellung „Pariser Druckgrafik des Fin de Siècle“ im Amsterdamer Van Gogh Museum ist der Prachtband „Prints in Paris 1900“ mit dem Untertitel „Von Elitär bis Populär“ erschienen.

Ein Prachtband, 26 cm x 38 cm groß, adäquat dem Inhalt auf der Höhe der zeitgenössischen Buchmacherkunst. Die Seitengröße ermöglicht die Abbildung auch großer Plakate, das matt glänzende Papier verstärkt den visuellen Effekt.                    

Vom prächtigen Äußeren zum Inhalt: Axel Rüger, der Direktor des Van Gogh Museums schrieb das Vorwort, umreißt knapp das Dargestellte: Werke aus den Jahren 1890 bis 1905 aus der goldenen Zeit der französischen Druckgrafik, die damals von einer jungen Künstlergeneration als modernes Medium par excellence begrüßt wurde. Ihre Arbeiten erreichten alle Schichten der Pariser Gesellschaft, nicht nur die Eliten.

Die Sammlung im Van Gogh Museum mit ungefähr 1800 Druckgrafiken und Plakaten (auch mit Probedrucken, die den Entstehungsprozess zeigen) ist wohl eine der schönsten der Welt. Nun könnte man sich als Nicht-Eingeweihter fragen, warum Pariser Druckgrafik im Van Gogh Museum? Van Gogh, so Rüger, hegte ein außerordentliches Interesse an Grafik, sammelte selbst und „träumte von einer Druckgrafik für das Volk, um diesem mithilfe einfacher und bezahlbarer Kunstwerke Schönheit und Trost zu bieten.“ Der Künstler starb 1890 zu früh, um seinen Beitrag zur Revolution der Druckgrafik leisten zu können.

Links: Pierre Bonnard, La Revue blanche, 1894 / Rechts: Fernand Louis Gottlob, Exposition de pentres lithographes, 1899

Phillip Dennis Cate, emeritierter Museumsdirektor, der seit 50 Jahren die französische Druckgrafik des 19.Jahrhunderts erforscht, sammelt und beschreibt, gibt einen kurzen Überblick über private elitäre und öffentliche populäre Sphären. Er weiß, dass die Sammler damals „frisch angeklebte Plakate von öffentlichen Anschlagflächen zogen, um sie zu Hause in eigens dafür entworfenen Grafikständern und Möbeln zu bewahren.“ Cate reißt auch kurz an, wie die Druckgrafik des ausgehenden 19.Jahrhunderts von neuen Techniken – wie leichten Metallplatten statt der schweren Kalksteine und fotomechanischen Reproduktionsverfahren – profitierte.

Théophile-Alexandre Steinlen, Affiche Charles Verneau, 1896

Von nun an ist die Ausstellungskuratorin und Autorin des Buches „Prints in Paris“ Fleur Roos Rosa de Carvalho am Wort, sie ist Konservatorin für Druckgrafik und Zeichenkunst am Van Gogh Museum. In einer rasanten Einleitung zieht sie einen in das Paris des Fin de Siècle hinein, zeigt auf, welch dominierende Rolle die Avantgarde mit Henri de Toulouse-Lautrec an der Spitze, dort spielte. Sie umreißt gleich einmal den Inhalt des Buches, kündigt an, sich nicht nur mit den Kunstwerken und Künstlern zu befassen, sondern auch mit den Kritikern, Händlern und Sammlern. (Denen es ja übrigens zu verdanken ist, dass wir heute diese Werke aus der Jahrhundertwende noch bewundern können.) Der erste Hauptteil des Buches ist dann der privaten Druckgrafik gewidmet, den Wegbereitern der modernen Druckgrafik, dem Kult der Originalgrafik, der Farblithografie, den Sammlern aus der Bourgeoisie und den Büchern, Zeitschriften und Mappen. Die dunklen Seiten der privaten Druckgrafik werden aufgezeigt, konnten die Sujets – nachdem die Öffentlichkeit vom Betrachten dieser Blätter doch ausgeschlossen war – Beunruhigendes, Aufreizendes, Vertrauliches enthalten. In dem Beitrag über private Brutstätten der kulturellen Elite wird dann schon auch das angeblich so Demokratische der neuen Kunst hinterfragt. Der zweite Hauptteil hat die populäre Grafik zum Inhalt. Auch da eröffnet die Autorin wieder mit einer farbenprächtigen Beschreibung des damaligen Paris, „den Plakaten an den Wänden, den Notenausgaben unter den Arkaden und den Zeitungen und Zeitschriften an den Kiosken.“ Man wird mitgerissen durch die Bildsprache der Plakate, die so schnell ist wie Elektrizität, durch die Kraft der Farbe und der dargestellten Worte, die auch Bildfunktionen hatten. Noch einmal geht Carvalho zurück ins Private, die Populärgrafik wurde nämlich wieder zum elitären Kunstwerk: die „Fresken für die Massen“ – wie man die Künstlerplakate nannte – wurden zur „Fresken für die Elite“. Bei einschlägigen Wettbewerben wollte man sich doch nicht der Meinung des großen Publikums beugen, die große Masse hätte – so die Meinung der konservativen Kritiker – nur Sentiment und keinen Sachverstand.

Somit ist „Prints in Paris“ zuerst einmal ein sowieso reichlich illustriertes Standardwerk zum Thema Pariser Druckgrafik des Fin de Siècle. Und trumpft dann noch einmal in dem Abschnitt „Gesammelte Werke“ mit dem Bildteil auf. Das ist Schaulust pur. Neben den Ikonen, die in unser Bewusstsein schon immer eingeprägt zu sein schienen, sieht man doch auch Neues und Überraschendes.

Fleur Roos Rosa de Carvalho: Prints in Paris 1900. Von Elitär bis Populär mit einem Vorwort von Phillip Dennis Cate Stuttgart 2017. Ausgabe des Belser Verlages anlässlich der Ausstellung „Prints in Paris 1900 From Elite to the Street“ (Van Gogh Museum Amsterdam 3.März bis 11.Juni).

Auf www.vangoghmuseum.com/prints sind alle Grafiken aus der Sammlung des Museums online.