Wien von oben

Orientierungskarte zur Wiener Internationalen Messe, 1961 (Abb.: Wien Museum)

Pläne zu betrachten hat vorerst einmal einen ganz praktischen Sinn und Zweck: Wie kommt man von einem bestimmten Punkt zu einem anderen etwa? Aber das allein ist es nicht. Welche Funktionen diese Pläne noch übernehmen können, auch das ist Inhalt der Ausstellung „Wien von oben. Die Stadt auf einem Blick“ im Wien Museum am Karlsplatz.  Dort zeigt man, wie sich die Gesamtdarstellung Wiens vom 15. Jahrhundert bis heute entwickelt hat, aber man tut dies bewusst nicht in chronologischer Aneinanderreihung, weil dies „eine scheinbar lineare, vom Fortschrittsgedanken geprägte Entwicklung hin zu maximaler Genauigkeit und Objektivität suggeriere“, sondern man überrascht, fordert zu einem gewissen Umdenken auf. Es werden Fragen gestellt: Ist es überhaupt möglich, eine Stadt darzustellen, muss man denn daran nicht scheitern, und zu welchem Zweck dient denn diese Darstellung überhaupt? Das Begehen der Ausstellung wird mit den Schlagworten „Vermessen und Darstellen“, „Repräsentatieren und Idealisieren“, „Beherrschen und Ordnen“ und schließlich „Emanzipieren und Experimentieren“ vordefiniert.

Vermessen und Darstellen steht also über dem ersten Abschnitt. Da geht es um Darstellungsstrategien, weil Stadtpläne – aus der Sicht der Ausstellungsmacher – immer eine Mischung aus Abbild und Sinnbild sind. Überblicken, Abgrenzen, Reduzieren und Gestalten sind weitere Schlagworte, die die Bilderflut, die auf einen eindringt, ordnen sollen. Vom Albertinischen Plan aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis zu dem „Vianina Poster“ aus dem Jahr 2007, das einen ganz besonderen Stadtplan von Wien „außerhalb jeder Proportion“ zeigt. Da sieht man Häuschen und kleine Straßenbahnen, Flüsse und Kirchen, Schönbrunn und das Riesenrad, in einem rot-blauen Farbenrausch. Nina Simone Wilsmann wollte Wien aus der Wahrnehmung eines kleinen Kindes zeigen, „wenn man zum ersten Mal vom Land in die Stadt kommt, die enorm erscheint, überdetailliert, und einem so vergnüglich entgegenstürzt, ganz außerhalb jeder Proportion natürlich, irgendwie märchenhaft und eben letztlich auch ein wenig schräg.“

Links: Hermann Kosel, Blick auf Wien von der Höhenstraße, 1936 (Abb.: Wien Museum) / Rechts: Nina Simone Wilsmann, „Vianina“-Poster, 2007 (©Nina Simone Wilsmann)

Die Ausstellungsmacher des Wien Museums meinen ja, dass der Blick von oben auf eine Stadt „eine kulturelle Praxis“ sei und „als Imagination und Fiktion erst konditioniert und eingeübt werden“ müsse. Wie auch immer – „Repräsentieren und Idealisieren“ sind die Schlagworte zur zweiten Abteilung. Die Bilder sind idyllisch und fantastisch, dienen aber auch schon der Vermarktung eines gewissen Wien-Bildes, so zum Beispiel: „Nach Wien im Auto“. Da entwarf Hermann Kosel etwa im Jahr 1936 einen „Blick auf Wien vom Kahlenberg“, auf dem sich die Höhenstraße – die man so dort gar nicht sehen kann – dennoch ins Bild schwindelt.

Beherrschen und Ordnen ist jener Teil in der Ausstellung betitelt, in dem ein großer Bogen gespannt wird von den Befestigungsplänen, Kriegskarten und Schlachtenbildern bis hin zu den städtebaulichen Visionen und Utopien einer künftigen Stadt. Da sind sowohl schaurig-schöne Bilder von nächtlichen Katastrophen zu sehen als auch die ersten Faltplanausgaben und Wanderkarten, und das reicht bis hin zu Werner DePauli-Schimanovichs „Skizze 5“, in der Wien wie Manhattan übersichtlich durchnummeriert ist.

Im vierten und letzten Teil des Ausstellungsparcours wird die Frage gestellt, wie sich die Darstellung der Stadt durch zunehmende Online-Angebote, aber auch durch kritische Kartografie oder künstlerisch-kreative Zugänge verändert. Hier wird individualisiert, werden private Schauen angefertigt, wunderbare Stadtlandschaften gezeigt und auch ganz Praktisches, Nützliches, wie zum Beispiel die Heatmap von Fahrradrouten und Radfahrenden in Wien, auf der wieder einmal bestärkt wird, dass Radfahrer Individualisten sind, d.h., dass sie natürlich die bestehenden Radverkehrsanlagen nutzen, aber sich dann schon auch ihre eigenen Wege suchen – auf die auch die Verkehrspolitik ernsthaft eingehen sollte…

Weitere Informationen:
Wien Museum