Ein Sommer der Liebe?

Victor Moscoso, The Chamber Brothers "Glasses" (Detail), San Francisco, 1967, © Victor Moscoso 2017. Alle Plakate: Sammlungen Lutz Hieber und Gisela Theising. Alle Abbildungen mit Genehmigung des „Museum Folkwang“

1967 war weltweit betrachtet ein ganz und gar unfriedliches Jahr: In Griechenland gab es einen Militärputsch, in West-Berlin wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen, zwischen 5. und 10. Juni fand der Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen Nachbarn statt, in Nigeria begann der Biafra-Krieg,  Rassenunruhen erschütterten die USA, der Vietnamkrieg eskalierte. Und bei all diesem Schrecken entwickelte sich in ebenjenem Jahr 1967 ein ganz spezielles Lebensgefühl, eine Art Biotop, das im Raum San Francisco zu verorten ist – der mittlerweile legendär gewordene „Summer of Love“. Es war der Sommer der Hippies, einer Jugendkultur, die viel mit Frieden, Freude, Popmusik, Drogen und auch mit der Ablehnung autoritärer und repressiver System zu tun hatte. Diese stark von halluzinogenen Substanzen geprägte Szene brachte auch eine eigenen visuelle Kultur hervor.

Links: Bonnie MacLean, Yardbirds, Doors, San Francisco, 1967, © Wolfgang’s Vault 2017 / Rechts: Victor Moscoso, Quicksilver Messenger Service, Steve Miller Blues Band, San Francisco, 1967, © Rhino Entertainment 2017

Als Rückblick aus der Distanz der mittlerweile 50 Jahre zeigt das Museum Folkwang in Essen derzeit die Schau „San Francisco 1967. Plakate im Summer of Love“. Es ist die bisher größte Ausstellung an psychedelischer Plakatkunst zu diesem Thema, die je in Europa gezeigt wurde. Möglich gemacht haben das die Sammlerin Gisela Theising und der Sammler Lutz Hieber, die hier ihre wertvollen Bestände einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren. Überdies haben die beiden  lesenswerte Beiträge für den insgesamt sehr informativen Ausstellungskatalog beigesteuert.

Dass es der Hippie-Bewegung nicht nur darum ging, Gänseblümchen auf alte VW-Busse zu malen, sondern dass sie wesentlich mehr ideologische Substanz  hatte, beweist John J. Lyons in seinem exzellenten Artikel „Die Ursprünge der Gegenkultur der Sechziger Jahre in Kalifornien“: „Die Friedensbewegung, die Bürgerrechtsbewegung und die Free-Speech-Bewegung, die sich für Meinungsfreiheit einsetzte, beruhten maßgeblich auf den Grundsätzen von Autonomie und Gleichstellung. Jede dieser Bewegungen leistete einen Beitrag zur Entwicklung der Gegenkultur, die vor allem in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre in der San Francisco Bay Area aufblühte.“

Links: Victor Moscoso, Big Brother and the Holding Company, Oxford Circle, San Francisco, 1966, © Rhino Entertainment 2017 / Rechts: Victor Moscoso, The Chamber Brothers „Glasses“, San Francisco, 1967, © Victor Moscoso 2017

Zu den prägenden Elementen des speziellen grafischen Stils der kalifornischen Szene, der vor allem auf Konzertplakaten seinen Ausdruck fand, waren  gehörten vornehmlich Reminiszenzen an die Geschichte des europäischen Grafikdesigns. Der entscheidende Impuls soll dafür von der 1965 in der „University Art Gallery in Berkeley“ stattfindenden Ausstellung „Jugendstil & Expressionism in German Posters“ ausgegangen sein. Auf dem auch nun in Essen zu sehenden Ausstellungsplakat von damals prangt die Illustration zu Oskar Kokoschkas Plakat für die Wiener Kunstschau 1909. Unter „deutschem Jugendstil“ wurden offenbar auch die Wiener Secessionsplakate von Alfred Roller verstanden, dessen Art der verschlüsselten Typografie zum Vorbild für viele Konzertplakate der Sixties wurde – amerikanische Unkenntnis europäischer Geografie hatte schon fatalere Folgen… Es sind aber in den Plakaten noch viele andere und teilweise weiter zurückreichende historische Bezüge zu entdecken, die von Parmigianinos „Selbstbildnis im konvexen Spiegel“ über einen der „Charakterköpfe“ von Franz Xaver Messerschmidt bis zu den Arbeiten von Alfons Mucha reichen.

Die internationale Ausstrahlung der West Coast-Szene auf Grafik, Mode und Lifestyle war groß und wurde oft erst mit einiger Verzögerung rezipiert. Die „fliegenden Eliten“ von San Francisco jedoch beendeten am 6. Oktober 1967 den „Summer of Love“ mit der symbolhaften Begräbniszeremonie „The Death Of the Hippie“.

Weitere Hinweise:
Museum Folkwang