Graphic Trial Tokyo

Jianping He, Graphic Trial 2017 (Ausschnitt). Alle Abbildungen: Toppan AG, Tokyo

Das größte japanische Druckunternehmen, die Toppan AG (rund 65.000 Mitarbeiter weltweit), unterhält nicht nur das Printing Museum Tokyo (www.printing-museum.org), sondern zeigt in der zum Museum gehörenden P&P Galerie zahlreiche Wechselausstellungen.

Seit 2006 kann man einmal im Jahr die Ergebnisse des Graphic Trial anschauen. Eingeladen werden Künstler und Grafikdesigner, die die vom Unternehmen gebotenen Möglichkeiten beim Druck von Plakaten kreativ nutzen sollen, um die Grenzen dessen, was möglich ist, auszuloten und zu erweitern. Eine verlockende Gelegenheit für die Eingeladenen, ohne (technische und finanzielle) Begrenzungen und Vorgaben ein Plakat herzustellen, das ganz ihren Intentionen entspricht. Aber auch die Druckerei wird der Kreativität der Gestalter Wesentliches für ihre Arbeit abzugewinnen wissen – eine klassische Win-win-Situation also.

Angemerkt werden aber soll auch, dass der Begriff Plakat im Japanischen anders definiert ist. Zum einen ist es ein aus Europa stammendes Medium, welches nicht organisch in den gesellschaftlichen Strukturen Japans gewachsen ist, zum anderen sieht man – bis auf einige Großflächen – kaum Plakatwerbung im öffentlichen Raum. Eher findet man sie kleinformatig in öffentlich begehbaren Innenräumen. Der Begriff Plakat schließt durchaus auch Blätter ein, die keine Aufgabe verfolgen, sondern in Entwurf und Ausführung eine fast eigenständige Kunstform bilden, sich plakativer Elemente bedienen und doch zumeist individuelle Statements sind. Dies erklärt den Charakter der Blätter, wie sie hier im Graphic Trial produziert werden.

Die Ergebnisausstellung stellt nicht nur die entstandenen Plakate vor, sondern zeigt auch Vorversuche und Experimente auf verschiedenen Papieren und mit verschiedenen Farben – man kann alles selbst in die Hand nehmen und sich ein Bild machen, bis hin zum Geruch der Farben.

Der Graphic Trial erfährt hin und wieder Veränderungen im Reglement. So wurden in den Jahren 2006–2011 noch keine speziellen Aspekte vorgegeben, danach dann folgende Themen gestellt:

2012:  Delicious Prints
2013:  Brilliance / Shine
2014:  Echo
2015:  Woven
2016:  Crossing
2017:  Fusion

Bis zum Jahr 2015 waren es nur japanische Künstler, die eingeladen wurden, zusammen mit den Druckdirektoren alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Man war frei in der Papier- und Farbwahl, lediglich die drucktechnische Umsetzung sollte im Offsetdruck erfolgen.

Im Jahre 2016 wurde mit Alan Chan aus Hong Kong erstmals ein ausländischer Designer zum Graphic Trial eingeladen. Ebenfalls zum ersten Mal wurden die Ergebnisse des Graphic Trials auch außerhalb Japans, in Hong Kong, ausgestellt.

Überdies erweiterten sich die angebotenen Techniken um einige Verfahren, sowohl verschiedene Drucklacke als auch Sieb- oder Digitaldruck  boten den Grafikdesignern mehr Möglichkeiten , ihren künstlerischen Ideen uneingeschränkt nachzugehen. Zum zehnjährigen Bestehen wurde ein Buch mit allen Ergebnissen veröffentlicht.

Folgende Gestalter waren beteiligt:

2006   Mamoru Suzuki | Yasuhiro Sawada | Keiji Ito
Hiroki Taniguchi | Satoshi Kashimoto | Ryusuke Tanaka

2007   Katsuhiko Sibuya | Kazunari Hattori
Naomi Hirabayashi | Masahiro Aoyagi

2008   Masaaki Hiromura | Hiroaki Nagai
Kaoru Takai | Mari Yonetsu

2009   Kan Akita | Ryosuke Uehara
Kenjiro Sano | Katsuhito Yagi

2010   Norito Sinmura | Atsuki Kikuchi
Naoko Fukuoka | Masaharu Nakano

2011   Shin Sobue | Kashiwa Sato
Naoko Nakui | Takehisa Yamamoto

2012   Mitsuo Katsui & AR3Bros. | Chie Morimoto
Azumi Mitsuboshi | Kiyotaka Takeuchi

2013   Koichi Sato | Hisashi Narita
Ren Takaya | Takuya Abe

2014   Katsumi Asaba | Manabu Mizuno
Rikako Nagashima | Akihiko Nagumo

2015   Kazumasa Nagai | Masami Takahashi
Takeo Nakano | Kazu Yanagisawa

2016   Minoru Niijima | Alan Chan (HK)
Rika Eguchi | Takuya Hoda

Der Graphic Trial 2017

„Fusion: Das diesjährige Thema ist ‚Fusion‘ – das Vereinen oder Zusammenfügen verschiedener Elemente zu neuen Formen. Der Druck ist seinem Wesen nach eine Fusionstechnologie. Durch das Vereinen von Wissen und Techniken haben Drucker Tinten, Papiere und Platten entwickelt, die der Kommunikation neue Räume eröffnet haben. Für diese Ausstellung haben herausragende Künstler und die Toppan Druckdirektoren ihre Empfindungen, Erfahrungen, Ideen und Techniken fusioniert und dadurch innovative Dimensionen des Ausdrucks geschaffen“, wie es in dem Flyer zum diesjährigen Graphic Trial heißt.

In diesem Jahr waren eingeladen: Masayoshi Nakayo (JPN), Jianping He (CHN/D),  Yuni Yoshida (JPN) und Shohei Sawada (JPN).

Ebenso wie in den Vorjahren wurden die Ergebnisse und die Versuche, Experimente und Prozesse in der P&P Galerie ausgestellt.

Blick in die Ausstellung

Ein ergänzender Design-Talk hatte (für mich ungewohnt) viele und interessierte Besucher.

Die Gestalterin und die Gestalter gaben gemeinsam mit den Toppan Druckdirektoren Einblick in die Entstehungsprozesse der Arbeiten.

Auch wenn der Monitor die haptische Qualität der Arbeiten nicht wiedergeben kann, so bleiben doch die Designideen erkennbar. Jeweils fünf Arbeiten konnten produziert werden, manchmal in Variation zu einem Thema (oder einer Technik), manchmal als systematisch angelegte Serie.

 

Masayoshi Nakajo

Cat Fusion
„Abenteuer im Wunderland: Eine flauschige Katze schwebt in einer anderen Dimension. Die Herausforderung bei dieser Arbeit lag im Hervorheben der Gesichtszüge der Katze beim Kombinieren von Fell und Textur ihres Körpers mit dem Hintergrund. ‚Cat Fusion‘ ist ein persönlicher Versuch, die Grenzen des Druckmediums auszureizen.“ (Masayoshi Nakajo)

 

Jianping He

f.u.s.io.n
„Der Impuls hinter diesem Werk ist Chemie – eine Fusion von Ideen und Kreationen früherer Designer. Ich habe die Natur meiner Heimat China kombiniert mit Bildern meiner Lieblingsdesigner – Menschen wie Alan Fletcher, Tadanori Yokoo und Katsumi Asaba. Ihre Arbeiten haben mir eine Welt unzähliger Designmöglichkeiten eröffnet.“  (Jianping He)

 

Yuni Yoshida

Scratching
„Dies ist ein experimenteller, ‚abkratzbarer‘ Druck. Menschen lieben es Oberflächen abzukratzen. Diese Arbeit vereint die Freude ein Plakat zu sehen mit der, es durch Kratzen zu verändern. Sie werden staunen, welche Veränderungen durch Abkratzen und -reißen einzelner Stücke entstehen können.“ (Yuni Yoshida)

 

Shohei Sawada

RAVUS
„‚Ravus‘ ist das lateinische Wort für ‚grau‘. Ich habe das Konzept des Monotonen erweitert – ein schattenhafter Farbton, der verschiedene Abstufungen zusammenbringt; ein Raum gefüllt mit Nuancen zwischen Schattierung und Schatten – um eine neue Dimension des Ausdrucks zu erzeugen.“ (Shohei Sawada)

Es bleibt die Bewunderung für die Ergebnisse dieses Graphic Trials, mit wie viel Aufwand, Liebe zum Detail, technischem Know-how, Phantasie und Kreativität hier gearbeitet wurde. Gerade der Einsatz der Blätter im Innenraum macht sie aus der Nähe betrachtbar und deren Druckqualität auch erfahrbar – vielleicht gehört auch das in die Erklärung des hohen drucktechnischen Anspruchs in Japan.

Aus europäischer Sicht (die Schweiz einmal ausgenommen) ist dies ganz und gar ungewöhnlich. Ist es doch hier vor allem die Idee, die zählt, nicht so sehr die Umsetzung auf dem Papier. Hier kann man eine ordentliche Qualität erwarten, die dem Einsatzort im öffentlichen Raum genügen mag, jedoch keinen haptischen und ästhetischen Hochgenuss erwarten lässt.

Wer noch bis zum 17. September in Tokyo ist, dem sei ein Besuch der Ausstellung dringend empfohlen.

Printing Museum Tokyo (Hrsg.): Graphic Trial 2006-2015, Tokyo 2015. ISBN 978-4-7661-2831-4.
Auch wenn das Buch lediglich in japanischer Sprache erschienen ist, so sind doch die Abbildungen der entstanden Werke von derart beeindruckender Druckqualität, dass auch demjenigen, der des Japanischen nicht mächtig ist – und dazu gehöre ich auch –, trotzdem ein ästhetischer Hochgenuss sicher ist.