Julius Klinger in Miami: Plakate für eine neue Zeit

Julius Klinger, Münchener Faschings-Redoute, 1913 (Detail)

„Julius Klinger is recognized as one of the leading poster designers and most gifted graphic artists of his generation“, meint der britische Designhistoriker und Ausstellungsgestalter Jeremy Aynsley. Unter dem Titel „Julius Klinger: Posters for a Modern Age“ ist derzeit in „The Wolfsonian – Florida International University“ in Miami eine von Aynsley kuratierte Ausstellung über den österreichisch-deutschen Grafikdesigner zu sehen. In der klug und mit viel fachlichem Wissen zusammengestellten Schau werden in der renommierten amerikanischen Kunstinstitution Leben und Werk von Julius Klinger anschaulich dargestellt.

Jeremy Aynsley, Professor für Designgeschichte an der University of Brighton, hat unter anderem mit „Graphic Design in Germany: 1890–1945“ undPioneers of Modern Graphic Design: A Complete History“ bereits zu Standardwerken gewordene Arbeiten zum Thema „Gestaltung“ verfasst. Nun hat er sich eingehend mit Julius Klinger beschäftigt und dazu auch eigene neue Forschungsergebnisse eingebracht. Der Bogen der Schau in „The Wolfsonian“ reicht dabei von den frühen Berliner Arbeiten Klingers, die zu international rezipierten Klassikern moderner Plakatkunst geworden sind, bis zu seinen weniger bekannten, äußerst reduzierten Wiener Arbeiten aus den 1930er Jahren. Buchillustrationen, Karikaturen und Fotografien ergänzen die Plakatauswahl. Die Ausstellung dokumentiert auch das tragische Ende dieses bedeutenden Künstlers, der, aus einer jüdischen Familie stammend, nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland entrechtet, seiner Arbeit beraubt und schließlich gemeinsam mit seiner Frau im Jahr 1942 ermordet wurde.

Ausstellungsansichten (Alle Fotos: Jeremy Aynsley)

Zur Ausstellung ist auch ein von Jeremy Aynsley verfasster Katalog erschienen. Darin bringt der Kurator die Charakterisierung von Klingers Schaffen folgendermaßen auf den Punkt: „Klinger was a designer whose work resonates today for its charm, flair, humor, and variety. He was an outstanding draughtsman who captured the elegance of the times in his posters, yet also made strongly satirical images that engaged with the issues of the day. “ Ergänzend zu Schau ist auch eine zweiteilige, von Julius Klingers Arbeiten inspirierte Installation des Wiener Studios „Seite Zwei“ zu sehen.

Es ist ein großes Verdienst von Jeremy Aynsley und von „The Wolfsonian“, auf die Leistungen von Julius Klinger mit diesem Ausstellungsprojekt aufmerksam zu machen, um dem Künstler auch in den USA breitere Bekanntheit zu verschaffen. Erfreulich ist auch, dass geplant ist, die Ausstellung in der Folge in New York und auch in Deutschland zu zeigen. Von einem österreichischen Interesse an der Schau ist bis dato hingegen nichts bekannt. Es ist überhaupt ein seltsames und wohl auch bedenkliches Phänomen, dass sich seit Jahrzehnten Institutionen außerhalb Österreichs intensiver mit Julius Klinger beschäftigen als im Land selbst. Bereits 1997 veranstaltete Anita Kühnel in der Berliner „Kunstbibliothek“ eine repräsentative Schau über den Grafiker. 1999 folgte zwar im „Museum für angewandte Kunst“ in Wien eine Ausstellung über Klinger, doch leider erschien dazu kein Katalog, wie das bei den Präsentationen von Ernst Deutsch-Dryden, Hermann Kosel, Joseph Binder oder Mihály Biró der Fall war. Im Gegensatz dazu brachte 2016 die Inhaberin der Montrealer Plakatgalerie „L’Affichiste“, Karen Etingin, mit viel Enthusiasmus eine umfangreiche Klinger-Biografie mit einem genauen Werkkatalog heraus. Und nun also folgte das erfreuliche Engagement von „The Wolfsonian“ in Miami.

Seit dem Bestehen von AUSTRIAN POSTERS ist es deshalb ein grundlegendes Anliegen dieses Projektes, an das vielseitige Werk und die interessante Persönlichkeit von Julius Klinger zu erinnern. Dies zeigen Beiträge wie „Julius Klinger und das Chaos der Künste“ , „Die Linie unserer Zeit – Julius Klinger als Buchgestalter und Buchillustrator“ oder der Artikel „Julius Klinger – Plakatkünstler und Zeichner“  (Julius Klinger – Poster Artist and Draftsman ) von Anita Kühnel. Neuentdeckungen zum Thema „Julius Klinger und die Verlagsbuchhandlung Moritz Perles in Wien“ (Julius Klinger and Verlagsbuchhandlung Moritz Perles in Vienna ) sind Murray G. Hall gelungen. Christian Maryška hat für seinen Artikel „Julius Klinger und der Weg in die Vernichtung“ (Julius Klinger and the path to annihilation )  die letzten tragischen Lebensjahre des Grafikers dargestellt und dafür auch neue Rechercheergebnisse eingebracht. Weitere Aktivitäten sind jedoch notwendig, um die Leistungen von Julius Klinger in einem breiteren kulturellen Bewusstsein zu verankern und Klinger damit die nötige Anerkennung zu erweisen.

Weitere Hinweise:
The Wolfsonian