Von der Kunst, ein Teehaus zu bauen

Ikko Tanaka, Nihon Buyo, 1981, (c) Ikko Tanaka (1981) / licensed by DNPartcom – Foto: Die Neue Sammlung – The Design Museum (A. Laurenzo), Bildausschnitt

Das Neue Museum in Nürnberg zeigt noch bis zum 18. Februar 2018 die Ausstellung „Von der Kunst, ein Teehaus zu bauen. Exkursionen in die japanische Ästhetik“[1]. Ausgangspunkt der Betrachtungen ist das traditionelle japanische Teehaus, seine Bedeutung für die japanische Architektur und sein Stellenwert als Ort spiritueller Rituale und ästhetischer Entwicklungen. Die Ausstellung zeigt in sieben Bereichen historische wie moderne Adaptionen und Ableitungen aus der Teezeremonie. Ein umfangreiches Begleitprogramm führt in die komplexe Welt der japanischen Ästhetik ein.[2]

Blick in die Ausstellung „Von der Kunst ein Teehaus zu bauen – Exkursionen in die japanische Ästhetik“. Im Hintergrund links zwei Plakate von Ikko Tanaka, daneben rechts zwei Kimonos von Issey Miyake, die er 2016 als Hommage an Ikko Tanaka entworfen hat. Davor, v.l.n.r. Arbeiten von Takujin Yoshioka (*1967), Sori Yanagi (1915-2011), Issey Miyake (*1938) und Naoya Hatakeyyama (*1958), Alle Ausstellungsfotos: René Grohnert

Zum Gesamtkunstwerk der Teezeremonie gehört auch die entsprechende Kleidung. An modernen Varianten z.B. des klassischen Kimonos arbeiten japanische Designer immer wieder. Unter Wahrung des Charakters des Kimonos[3] entstehen neue Schnitte, wird mit verschiedensten Materialien, traditionellen und neuen Falttechniken experimentiert, um die Trägerin oder den Träger mit einer eigenständigen Form zu umgeben, die oftmals eher an eine plastische Komposition denn an ein Kleidungstück denken lässt. Die Ausstellungsmacher haben sich für zwei Kimonos von Issey Miyake (*1938) entschieden. Er hat, als Hommage an Ikko Tanaka, dessen berühmtes Plakatmotiv für „Nihon Buyo“ aus dem Jahre 1981 und jenes für „Sharaku“ aus dem Jahre 1995 gewählt.[4] Diese beiden Motive boten Anlass, Ikko Tanaka (1930–2002) als einem der wichtigsten japanischen Gestalter der Nachkriegszeit in der Sammlung einen Plakatraum unter dem Titel „Ikko Tanaka. Plakate aus Japan“ zu widmen.[5] Dass die ästhetischen Inspirationen von Tanaka auch aus der Teezeremonie stammen, bleibt keine Behauptung, wenn man weiß, dass er selbst ein Teemeister der traditionsreichen Urasenke-Schule war.

Blick in den Sammlungsraum der Plakate, die als Leihgaben aus der Neuen Sammlung in München zur Verfügung gestellt und von Frau Dr. Corinna Rösner zusammengestellt wurden.

Die ausgestellten 33 Plakate präsentieren exemplarisch in kompakten Anordnungen verschiedene Aspekte aus dem Werk von Tanaka: Typografie, Gesichter, Mode, Theater, Tanz usw. Die Themen wurden in Gruppen zusammengefasst und lassen die Vielschichtigkeit und Einflüsse in Tanakas Werk erahnen.

Tanaka stammt aus einer Generation von Gestaltern, die zunächst den westlichen Stil bewunderten und diesem nacheiferten: „In den Nachkriegsjahren waren wir, die japanischen Designer, von der funktionalen Ästhetik des Grafik Designs und der Typografie mit den alphabetischen Buchstaben der führenden Industriestaaten fasziniert und begeistert. Dem gegenüber empfanden wir das eigene Schriftsystem als ein Handycap. Die extreme Komplexität und zugleich Umständlichkeit, sowie die unansehnliche Vermischung von Schriftsystemen empfanden wir als beklagenswert.“[6]

Nichtsdestotrotz war es dann Tanaka, der sich auf die Qualität der eigenen Tradition besann. Zunächst verhalten, doch mit zunehmendem Erfolg immer mutiger, verband er mehr und mehr Elemente aus den japanischen Zeichensystemen und Bildtraditionen mit denen der westlichen Welt. Eine der wichtigen Inspirationsquellen waren die Lehren des Bauhauses und die von Jan Tschichold (1902–1974) entwickelte Schriftenphilosophie, die sogenannte „Neue Typographie“. Aus diesen Symbiosen erarbeitete Tanaka eine neue Bildästhetik und einen neuen Umgang mit Typographie. Den „Neuigkeitswert“ dieser Bildfindungen hat man in Japan ebenso empfunden wie in der westlichen Welt. Daraus resultiert die uneingeschränkte Wertschätzung seiner Arbeiten, auch wenn die Gründe dafür in Japan und im Westen nicht unbedingt dieselben sind.

In Japan sieht man in Tanaka einen Erneuerer, einen Erneuerer, der sich auf die eigene Tradition besonnen und diese mit den westlichen traditionellen und modernen Stilen verbunden hat und so etwas Neues und Eigenständiges schuf. Auch wenn er nicht der erste war, so war er doch der erfolgreichste Vermittler zwischen den verschiedenen Kulturen. Seine Erfolge waren durchaus auch ein Teil des wiedererstarkenden Selbstbewusstseins, zumindest jenes der japanischen Grafikdesigner in den 1960er Jahren, die in der Hinwendung zur eigenen Tradition eine neue Stärke fanden.

Im Westen schätzt man Tanakas originäre Bildfindungen und die Fähigkeit, das eigene ästhetische Empfinden (unter anderem in der Farbwahl) durch die „japanische Brille“ zu sehen. Die Arbeiten legen die Erwartung nahe, man könne japanisches Grafikdesign nun besser verstehen, was angesichts von komplexen Strukturen der Schriftzeichensysteme, der Interpretationsmöglichkeiten von Bildersprachen und Sprachbildern etc. aber nicht in Erfüllung gehen kann. Tanaka begriff die Symbiose nicht im Sinne der Verschmelzung, sondern als ein inspirierendes Nebeneinander, als hybride Situation, die das beste aus zwei Welten zusammenfügt, ohne die jeweilige Quelle der Herkunft zu leugnen. Letztlich ist dieses Nebeneinander auch Teil der generell globalisierten Alltagswelt geworden: Wir gehen japanisch essen, fahren schwedische Autos, trinken österreichischen Wein, tragen dänische Kleidung, hören amerikanische Musik … Vielleicht ist es dieses Empfinden, das die Plakate von Ikko Tanaka ausstrahlen, was sie so gegenwärtig und so stark erscheinen lässt. Tanaka selbst formuliert aus seiner Sicht: „Betrachte ich heute Japaner, so ist es als stünden sie mit beiden Beinen auf dem Boden, ein Bein ist asiatisch, das andere westlich.“[7]

Tanaka starb völlig unerwartet im Januar 2002, im November 2003 zeigte das „Suntory Museum of Art“ in Tokyo eine erste große Retrospektive.[8] Die Ausstellung umfasste alle Arbeitsgebiete und machte deutlich, welchen Verlust man erlitten hatte. Die Autoren waren sich aber auch sicher, dass Tanakas Arbeiten dem japanischen Grafikdesign weitreichende Impulse verliehen haben. Dieser Einschätzung kann man aus zeitlicher Entfernung nur zustimmen, denn Tanakas Einfluss auf nachfolgende Generationen von Gestaltern in Japan und der übrigen Welt kann wohl kaum hoch genug bewertet werden und dauert bis heute an.

[1]      Siehe dazu: Von der Kunst, ein Teehaus zu bauen
[2]      Am 7.12.2017 fand eine zweiteilige Veranstaltung statt, die sich den Plakaten von Tanaka widmete. Zunächst erläuterte Frau Dr. Corinna Rösner von der Münchner Neuen Sammlung – aus der die Plakate stammen – die Zusammenstellung der Plakate. Im anschließenden Vortrag: „Ikko Tanaka – Die Symbiose traditioneller japanischer Ästhetik mit der modernen typografischen Gestaltung“ erläuterte Frau Dr. Mariko Takagi, Associate Professor am Donisha Women‘s College of Liberal Arts, Kyoto, u.a. die einmalige Stellung Tanakas zwischen westlicher und japanischer Kunst.
[3]      Kimonos erfüllen verschiedene Funktionen, so als „Komon“ für den Alltag mit feinen, sich wiederholenden Mustern bzw. als „Yukuta“ in vereinfachter Form; als „Iromuji“ für die Teezeremonie ohne Muster aber mit feiner Stofftextur; oder in Form der Hochzeitsgewänder „Shiromako“ und „Uchikake“, die mit großem Aufwand und sehr prachtvoll  gefertigt werden.
[4]      Neben den ausgestellten Entwürfen zitierte Miyake in seinen Kollektionen im Frühjahr und Herbst 2016 zahlreiche weitere Motive aus Tanakas Schaffen.
[5]      Siehe dazu: Ikko Tanaka. Plakate aus Japan
[6]      Tanaka, Ikko: Die japanische typographische Gestaltung. In: Matsuoka, Seigo; Ikko Tanaka, Asaba Katsumi: Transition of Modern Typography in Japan 1925 – 95 [松岡正剛・田中一光・浅葉克巳: 日本のタイポグラフィックデザイン・文字は黙っていない.], Tokyo 1999, S. 6–7 (jp.; Übersetzung von Mariko Takagi).
[7]      Tanaka, Ikko: The path of design [デザインと行く], Tokyo 1999, S. 97 (jp.; Übersetzung von Mariko Takagi).
[8]      Suntory Museum of Art (Hrsg.): Ikko Tanaka: A Retrospective, Tokyo 2013 (Ausstellungskatalog mit Texten von Hiroshi Kashiwagi, Yoshio Hayakawa, Kazumasa Nagai, Takashi Tsujii und Akida Okara).