Das goldene Zeitalter des Reisens

Mondlicht über dem Canale Grande, Photochrome, um 1900, Ausschnitt aus dem Buchcover

Es ist ein beeindruckendes Produkt, einfach ein Luxusprodukt. Aber warum soll es gerade am Buchmarkt so etwas nicht geben? Überall anderswo glänzt und prunkt es ja auch. Hier, in dem Buch „The Grand Tour“ wird in exquisiter Form Nostalgie pur „aus dem goldenen Zeitalter des Reisens“  auf der Höhe zeitgenössischer Buchmacherkunst geboten. In beeindruckenden Ausmaßen – und da soll gar nicht vom Gewicht – über 6 Kilo – die Rede sein, denn das wiegt bei den Erzeugnissen aus dem TASCHEN-Verlag immer schwer – in beeindruckenden Ausmaßen also (ca. 40 x 30 cm) liefern Marc Walter und Sabine Arqué auf über 600 Seiten (das sind bei dem exquisiten Papier, das verwendet wurde, knapp 6 cm) Reise-Sehnsucht aus längst vergangenen Tagen.                    

Wobei sie sich natürlich bewusst sind, dass all das, was sie in ihrem Buch zeigen, für Touristen vorgesehen war, um ihnen einen idealisierten Blick auf die Welt zu bieten. Und das hat, auch heute, seinen Preis.                                      

Um vom Schwärmen weg zu kommen, Historisches zum Titel: “The Grand Tour” traten die Söhne englischer Adeliger schon in den Zeiten der Renaissance an, sie sollten die Welt – so wie sie sich damals darbot – also Mitteleuropa, Spanien, Italien, Frankreich und auch das Heilige Land, kennenlernen und zwar in ihrer Gesamtheit, von der Sprache bis zu den Manieren, auch den erotischen. Diese historische Grand Tour hatte ihren Höhepunkt im achtzehnten und erlebte ihren Niedergang in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als die Bürger zu reisen begannen und “der Erste unseres Adels und der Letzte unserer Bürger sich an jeder Ecke begegneten”, wie die Westminster Review 1825 schrieb. (Das findet man alles auf WIKIPEDIA, da muss man sich aber zuerst damit herumschlagen, dass unter der Bezeichnung GRAND TOUR an prominenterer Stelle auch ein TV-Auto-Magazin gefunden werden kann, welches in unseren Zeiten selbstverständlich viel populärer ist.)

Zum Buch: In ihrer Einleitung, einer “Einladung zum Reisen” gehen die Autoren gleich voll ins Detail, sie lassen europäische Schriftsteller nach Amerika reisen, Mark Twain wieder von dort ins Heilige Land, erwähnen die Entwicklung der Reisefotografie und versetzen einen in “Die Welt in Bewegung”, schreiben von  Eisenbahn- und Schifffahrtslinien, Hotellerie und der Eroberung der Straße durch das Automobil. Sie beenden ihre Einleitung mit der Erkenntnis, dass das goldene Zeitalter der Luxusreisen vorbei wäre, „doch der Geist des Reisens ist nach wie vor lebendig.” Es mag ein Zufall sein, dass dieses goldene Zeitalter der Luxusreisen genau dann begonnen hat, als die historische GRAND TOUR Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Ende nahm. Und so soll nun endlich davon die Rede sein, was den Zauber dieses Buches ausmacht: da sind einmal die Plakate aus der Hochzeit der Plakatkunst. Denn immer schon waren einerseits die Hotels, die Eisenbahn- und Schifffahrtslinien, aber auch die Straßen und die Strände, die Berge und die Meere, Orte und Landschaften  d i e Motive für die Plakatgestalter.

Links: Anonym, Plakat, um 1910 / Rechts: Gustave Fraipont, Plakat, 1893

Die Dimensionen des Buches bringen deren Können voll zur Wirkung. Kleiner dimensioniert dienen – ausführlich in Texten beschrieben – Hotelkleber, Ansichtskartenmotive oder Speisekarten als Illustrationen. Was besonders zum nostalgischen Reiz des Buches beiträgt, sind die Photochrome. Das sind Schwarz-Weiß-Negative, die mithilfe eines ganz besonders aufwendigen Verfahrens unter Beiziehung von Asphaltmischungen eingefärbt wurden und diesen gewissen nostalgischen Eindruck machen, weil es ja ganz besondere Farbtönungen sind, die wir mit längst vergangenen Zeiten verbinden. Wobei dieser Photochromdruck auch heutzutage noch – wegen seiner großen Kosten aber nur mehr selten – angewendet wird. Gleich das Titelbild, der Canale Grande mit Gondoliere im Mondlicht, gibt einen Eindruck vom eigenartigen Zauber dieses Verfahrens. Sowieso ist das Buch auch inhaltlich geordnet, somit führen die Reisen nach Süd- und Westeuropa, vom Rhein zum Schwarzen Meer, dann gibt es die nördliche Route über Skandinavien nach Russland, die Orientroute, nach Fernost und Australien und schließlich die Entdeckung der Neuen Welt und Afrikas. Die einzelnen Kapitel werden – wie überhaupt alle Texte in den drei Sprachen Englisch, Deutsch und Französisch – durch Essays eingeleitet in denen sehr oft auch reisende Schriftsteller zu Wort kommen. Man blättert und staunt, ist tief beeindruckt. Dennoch muss man sich doch immer wieder vor Augen halten, dass dieses Reisen im „Goldenen Zeitalter“  nur einer bestimmten Gesellschaftsschicht vorbehalten war, insofern ist der Titel „THE Grand Tour”, der an die Adeligen Reisen der Renaissance erinnern soll, wieder passend.

Marc Walter, Sabine Arqué: THE GRAND TOUR. Das goldene Zeitalter des Reisens, TASCHEN Verlag, Köln 2017.