Otto Wagners Eigenmarketing

Otto Wagner, Kirche St. Leopold am Steinhof, Perspektive, 1902/03 (Detail). Alle Bilder: Wien Museum

Das vielfältige Genie Otto Wagners ist heuer im Gedenkjahr Gegenstand mehrerer Ausstellungen und Publikationen. Besucht man die Ausstellung im Wien Museum, blättert man in dem großzügig gestalteten Katalogbuch, dann fallen einem gleich einmal die Zeichnungen auf. Was ist an diesen Zeichnungen dran, dass sie so ins Auge stechen, dass sie auch vergrößert, als Poster, so wirkungsvoll sind? Andreas Nierhaus, als Kunsthistoriker und Kurator der Architektursammlung des Wien Museums auch Mitherausgeber des Katalogbuches verfasste in diesem einen Essay mit dem Titel „Zeichnung, Fotografie, Publikation, Bau. Zur medialen Konstitution von Architektur“. Er schreibt da, dass Wagner sich über das Desinteresse beim damaligen Ausstellungspublikum – was architektonische Entwürfe betraf – völlig klar war. Dieses Desinteresse hatte zwei Gründe: zuerst einmal die oberflächliche Betrachtung des Publikums und dann auch eine uninspirierte Darstellung. Wagner verlangte daher: „Gedanken möglichst klar, scharf, rein, zielbewusst und überzeugungsvoll zu Papier zu bringen“. Und rät auch dazu, die Zeichnung durch bestimmte Kunstgriffe sehenswerter zu gestalten, als da wären: schmückende Symbole, Randleisten und Aufschriften, mit denen „selbst die harmloseste orthogonale Projection in ein sehenswerthes Kunstwerk verwandelt werden.“ Durch diese Darstellungsweise könne man sich „grösste Wirkung erhoffen.“ Er selbst griff da zu – heute würde man sagen – gewagten Aktionen. So präsentierte er auf einem Blatt zum Thema „Die Moderne im Kirchenbau“ quer über der Ansicht einer Pfarrkirche in Währing einen rosa blühenden Kirschzweig. Auf dem „Präsentationsblatt zur Wiener Stadtbahn“ hält er sich genau an seine Vorgaben: im Zentrum des Blattes siedelt er eine Stadtbahnstation an, als schmückende Symbole nimmt er Wappen, aber auch Vögel auf Telegrafendrähten, dann eine kleine Architekturskizze und darunter Passanten auf einem Perron. Nierhaus schreibt, dass Otto Wagner die Zeichnung „popularisierte, um die Architektur wieder zu einem Gegenstand öffentlicher Diskussion zu machen.“ Und führt als Beispiel an, dass kein Geringerer als Joseph Maria Olbrich vier Ansichten zu Wagners Generalregulierungsplan zeichnete, auf denen man erkennen konnte, wie sich diese Anlagen im Stadtbild ausmachen würden. Soweit zur Zeichnung an sich.                                       

Links: Otto Wagner, Postsparkasse, Wettbewerbsprojekt, 1903 / Rechts: Otto Wagner, Präsentationsblatt zur Stadtbahn, 1898

Otto Wagner griff aber auch bei der Präsentation seiner Zeichnungen ein, so soll er symmetrische Hängepläne bevorzugt und die  Ausstellungen seiner Architekturentwürfe regelrecht inszeniert haben. Und das mit Erfolg, wie der Zeitgenosse Ludwig Hevesi schreibt, als Otto Wagner das Projekt zum Neubau der Akademie der bildenden Künste zum ersten Mal in der Eröffnungsausstellung der Secession im Olbrich-Bau 1898 vorführte: „Während in früheren Ausstellungen die Architektursäle so menschenleer waren, dass verliebte Pärchen sich in ihnen zum Stelldichein trafen, war dieses Otto-Wagner-Zimmer stets voll von Neugierigen.“ Nierhaus verfolgt so den Weg Wagners als medialen Agitator, zeigt, wie der die Fotografie einsetzte und auch das Layout seiner theoretischen Werke zur Architektur gestaltete. Er schreibt von den Publikationen Wagners als „medialen Schnittstellen, an denen Zeichnungen, Bauten, Fotografien und Texte aufeinandertreffen und miteinander zu interagieren beginnen. Die Grenzen zwischen Bauten und Bildern verschwimmen, Bauten werden zu ‚Medien‘.“ Nierhaus schließt seinen Aufsatz mit einem Hinweis auf ein Massenmedium der damaligen Zeit, nämlich die Ansichtskarten. Beliebte Motive auf diesen waren nämlich auch die Wahrzeichen des neuen Wien, die Wagner geschaffen hatte.

In dem von Alfred Fogarassy herausgegebenen Buch mit dem Titel „Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn“ erfährt man dazu passend, dass „Kameraleute des Verlages Lechner alle wichtigen Ereignisse in Wien um 1900 dokumentierten“. Zeitungen illustrierten damals noch mit Grafiken und so „abonnierten am Aktuellen Interessierte gerne diese Serien“, in denen zum Beispiel die Fortschritte im Stadtbahnbau gezeigt wurden. Der Kunsthistoriker und Harvard-Professor Joseph Leo Koerner lässt sich in dem Buch auch auf die „Stellen“ ein, das wären – nach der Planung Wagners – zentrale Punkte mit Stadtbahnstation, weiteren Haltestellen, Materialdepot, Garagen, Stützpunkte für Müllabfuhr, Wasser-, Gas- und Stromversorgung. Wagner präsentierte diese Stellen natürlich auch auf Zeichnungen, in denen er versuchte, die Jury für sich zu gewinnen. Wie er das tat, darüber klärt einen Koerner auf, er verweist auf die Darstellung von Fußgängern, die „um sich blicken, Widerlager bewundern oder Stiegen erkunden. ]Wagner gibt diesen Flaneuren etwas zu sehen […] Die Stadt wird zu einer Raumbühne mit einem Publikum, das selbst zum Akteur wird […] Die Zeichnung stellt Archítektur nicht als Wand oder Grundfläche dar, sondern, indem sie uns in die dritte Dimension versetzt, als raumstiftend.“

Und das wirkt noch immer, das macht nach wie vor die Faszination aus, die sich beim Betrachten der Zeichnungen Otto Wagners einstellt.                                                                  

Weitere Hinweise:
Wien Museum

Andreas Nierhaus – Eva-Maria Orosz (Hg.): Otto Wagner, Residenz Verlag, Wien – Salzburg 2018.
Alfred Fogarassy (Hg.) Otto Wagner. Die Wiener Stadtbahn, Hatje Cantz Verlag, Berlin 2017.