„Eine der originellsten Expositionen“: Die Wiener Plakatausstellung 1888

Gartenbau-Gesellschaft (Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung)

„Originelle Placate, welche an der Façade des Gebäudes der Gartenbau-Gesellschaft angebracht sind, fesseln seit heute Morgens die Aufmerksamkeit der Passanten auf der Ringstraße“[1] – so leitete die „Neue Freie Presse“ ihren Bericht über eine Ausstellung ein, die im April 1888 in Wien Furore machte. Es war die „Internationale Placat-Ausstellung“, die zwar nur zwölf Tage lang, vom 14. bis zum 25. April, gezeigt wurde, die aber von beeindruckenden Dimensionen war. „Weit über tausend Plakate und Reklamebilder aus allen Ländern“[2] lockten Scharen von Interessierten in die sogenannten „Blumensäle“ des Gartenbau-Gebäudes: An den ersten beiden Tagen zählte man insgesamt 3.416 Ausstellungsbesucher und -besucherinnen[3], und da der Zustrom anhielt, wurde die Schau um zwei Tage länger, als zunächst geplant, gezeigt. Die Wiener Zeitungen brachten zahlreiche Berichte über die Ausstellung, die, wie „Die Presse“ meinte, „eine der originellsten Expositionen“ war, „welche wir bisher gesehen haben“[4]. Tatsächlich war die Präsentation von Plakaten damals eine Novität im Ausstellungsbereich. Die Wiener Plakatausstellung war auch international gesehen eine der ersten ihrer Art – umso erstaunlicher ist es daher, dass sie bisher in der Fachliteratur kaum oder gar nicht beachtet wurde.[5] Schon in dem 1896 erschienenen „Catalogue de l’Exposition d’affiches artistiques“ zu einer Ausstellung in Reims scheint die Wiener Schau in der darin enthaltenen Liste der bisherigen Plakatausstellungen nicht auf.[6]

Angeregt hatte die Schau, so wussten die Zeitungen zu berichten[7], der Volkswirt und Publizist Alexander v. Dorn (1838–1919). Dorn, der auch ein Sammler von Werbematerialien war, hatte am 22. Februar 1888 im „k.k. Österreichischen Handelsmuseum“ einen Vortrag mit dem Titel „Das Bild als Handelsagent“ gehalten, bei dem bereits ein Teil der dann in der „Internationalen Placat-Ausstellung“ gezeigten Exponate präsentiert wurden. In diesem Vortrag (den er in der Folge auch in der von ihm herausgegebenen „Volkswirtschaftlichen Wochenschrift“ veröffentlichte[8]) gab Dorn einen Überblick über die Geschichte der visuellen Warenwerbung, sprach über die Bedeutung neuentwickelter Druckverfahren für die Gestaltung von Plakaten und über „die Aufgabe der illustrirten Affichen und Reclambilder, Consumenten, beziehungsweise Käufer anzulocken. (…) Der Vortrag war illustrirt durch eine ungemein reichhaltige und interessante Ausstellung. Eine große Menge von englischen, amerikanischen, französischen und italienischen farbenprächtigen Affichen, auf deren charakteristische Unterschiede der Vortragende aufmerksam machte, bedeckte die Wände des Saales. Ebenso gelangte eine reichhaltige Collection von Reclambildern zur Ausstellung, welche das Interesse des Publicums in hohem Maße erregten.“[9]

In der prominenten Zuhörerschaft (zu der unter anderen Erzherzog Karl Ludwig und die Politiker Franz Coronini v. Cronberg, Johann v. Chlumetzky und Joseph v. Schwegel gehörten[10]) befand sich auch Wilhelm v. Schwarz-Senborn (1816–1903) – der dann als Hauptverantwortlicher für die „Internationale Placat-Ausstellung“ fungierte. In dieser wurde dann Dorns Sammlung, erweitert durch zahlreiche zusätzliche Exponate, präsentiert. Die Einnahmen, die dabei zu erzielen waren – d.h. die Eintrittsgelder (20 Kreuzer für Erwachsene, 10 für Kinder) und der Erlös einer Versteigerung von Exponaten nach Abschluss der Ausstellung – sollten einem gemeinnützigen Zweck zugutekommen. Denn Schwarz-Senborn, der als Diplomat in London und Paris gewirkt hatte, Generaldirektor der Wiener Weltausstellung 1873 und danach kurze Zeit Botschafter in Washington gewesen war, betätigte sich engagiert im Bereich der Volksbildung. Unter anderem war er der Gründer und Obmann jenes „Gemeinnützigen Vereins“, der ab 1880 im 9. Wiener Gemeindebezirk (Nußdorferstraße 3), eine „Frei-Lesehalle“ mit mehreren tausend Büchern und zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften betrieb. Alle Bewohnerinnen und Bewohner des Bezirks konnten die Lesehalle gratis benutzen und auch Bücher entlehnen.[11] Der Fortbestand dieser ersten öffentlichen Bücherei Wiens, die 1888 auf die beeindruckende Gesamtzahl von bis dahin 218.973 Leserinnen und Lesern verweisen konnte, sollte durch den Erlös der Plakatausstellung gesichert werden.

Inserat in der „Neuen Freien Presse“, 17.4.1888, S. 12.

Wilhelm v. Schwarz-Senborn nutzte seine „über die ganze Welt verbreiteten Verbindungen“[12], um möglichst viele internationale Plakate für die Ausstellung zu organisieren – wofür auch einiges an Abgaben zu berappen war. So etwa berichtete die „Wiener Allgemeine Zeitung“, dass am Vortag der Eröffnung „immer noch neue Sendungen aus dem Auslande ein[trafen], ungeachtet die geplagten, aufopferungsvollen Veranstalter bereits durch die Zahlung von hundertfünfzig Gulden an Zöllen zur Erleichterung des österreichischen Finanz-Budgets beigetragen hatten.“[13] Beschickt wurde die Ausstellung auch mit Produkten heimischer Druckereien. Die „Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung“ hatte zur Teilnahme aufgerufen und dazu vermerkt: „Kosten oder Platzmiethe erwachsen den Ausstellern nicht, dagegen müssen dieselben auf Rückerstattung der eingehenden Objecte verzichten.“[14]

Die Gestaltung der Ausstellung übernahm der Wiener Architekt Rudolf Feldscharek (1845­–1919), der, „obgleich die Säle der Gartenbau-Gesellschaft mit ihren Nebenräumen ausgedehnte Wandflächen darbieten“[15], „neue Einbauten“ herstellen lassen musste, um alle Exponate unterzubringen. Da außerdem auch nachträglich noch Plakatlieferungen eintrafen, für die kein Platz mehr vorhanden war, wurde am 21. April, „in den frühen Morgenstunden vor Eröffnung der Ausstellung eine theilweise Auswechslung der bisher exponirten Plakate mit neuen vorgenommen.“[16]

Beworben wurde die „Internationale Placat-Ausstellung“ mit 40.000 bunten „Reklamezettelchen“[17], die auf der Ringstraße verteilt wurden, und durch ein Plakat, das vom Maler Ladislaus Eugen Petrovits (1839–1907) gezeichnet und „in effectvoller Weise in Farbendruck ausgeführt“[18] worden war. Es war, so vermerkte die „Neue Freie Presse“, „eine glückliche Idee des Künstlers, den Text dieses Placats mit Reproduction en miniature französischer, englischer, amerikanischer und anderer Placate, welche in der Ausstellung exponirt sein werden, zu umrahmen.“

Viel Beachtung fanden in der Ausstellung vor allem die Plakate aus England und den USA, die „durch ihre wahrhaft riesigen Dimensionen überraschen, viele haben einen Umfang von je 12 bis 20 Quadratmetern“[19]. Besonderen Eindruck machten dabei jene amerikanischen Plakate, mit denen der Zirkus von P.T. Barnum beworben wurde und von denen eine ganze Reihe präsentiert wurden. Als weitere Länder, aus denen Plakate zu sehen waren, wurden in den Zeitungsberichten Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Holland, Italien, Kanada, die Schweiz und Spanien genannt. Aus Russland waren 54 Plakate ausgestellt, die sich zwar – wie ein von der Schau sehr beeindruckter Mitarbeiter des „Teplitz-Schönauer Anzeigers“ feststellte – „auf bescheidene Formate“[20] beschränkten, die „aber in Bezug auf die künstlerische Ausstattung nichts zu wünschen übrig“ ließen.

In jenem Bereich der Ausstellung, der für Österreich reserviert war, fanden sich „alle die bekannten Placate, die in den Straßen und auf den Placatsäulen zu sehen sind. Auch eine Placatsäule ist ausgestellt. Die Theaterplacate vom Tage sind gleichfalls angebracht. Danzer’s Orpheum und das Dritte Kaffeehaus im Prater haben eine eigene Abtheilung, in welcher alle die Placate dieser Etablissements in harmonischer Anordnung ausgestellt sind.“[21] Präsentiert wurden auch „ein überaus interessantes historisches Placat (…), auf welchem das erste Auftreten Franz Liszt’s als elfjähriger Knabe in Budapest angezeigt wird.“[22] Und der Ausstellungsbesucher aus Teplitz-Schönau „traute seinen Augen kaum“: „Ja wahrhaftig, da hing, in goldenen Rahmen gefaßt, auf rother Seide gedruckt ein – Theaterzettel aus Teplitz.“[23] Als besonders gelungen wurde in „Die Presse“ das Plakat für den niederösterreichischen Kurort Salzerbad-Kleinzell beschrieben, der „auf einer anderthalb Klafter hohen Tafel mit Worten und gleichzeitig durch ein gleichsam aus der Placattafel heraustretendes plastisches naturgetreues Bild“[24] für sich warb. Im Artikel hieß es dazu: „Trotzdem besonders Amerika und Frankreich im Annoncenwesen groß dastehen – in diesem Falle darf die Originalität Oesterreich in Anspruch nehmen.“[25] Vertreten war in der Ausstellung auch die niederösterreichische „Papierfabrik Schlöglmühl“, die „eine ganze Collection ihres schönen Affichen-Papieres in Rollen“[26] zeigte.

In keinem der zahlreichen Berichte über die „Internationale Placat-Ausstellung“ werden die Namen der Entwerfer der gezeigten Plakate genannt, verwiesen hingegen wird in etlichen Fällen auf die Druckereien. So etwa auf das New Yorker „A.S. Seer’s Printing Establishment“, das die Plakate für den Circus Barnum herstellte. Eine ganze Wand nahmen Plakate ein, die bei „Czettel & Deutsch“ in Budapest gedruckt worden waren („zum Theile recht sauber ausgeführt, jedoch meist kleineren Formates“[27]). Zu den namentlich bekannten Wiener Druckereien, die ihre Produkte zeigten, gehörte die Firma „Conrad Grefe“, die „durch das schöne Placat der ‚Internationalen Kunst-Ausstellung‘ vertreten“[28] war (es handelte sich dabei um das von Julius Schmidt und Leopold Theyer gestaltete Plakat für die II. Internationale Kunstausstellung in Wien, 1888). Weitere ausstellende Druckereien waren „Haufler, Schmutterer & Co.“, „Eduard Hölzel“, „Schipek & Co.“, „Johann Vernay“, „J. Weiner“ und die Firma „Eduard Sieger“, die, so die „Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung“, als erste in Wien größere Formate verwendete „und dem Placate gewissermaßen einen künstlerischen Chic verliehen hat. Er führte das Zink für die grösseren Placate ein und auch auf dieser Ausstellung ist er sehr hervorragend vertreten. Seine Placate: Universum, Eisfest, Spielwaaren, Optisches Institut, erfüllen ihren Zweck und überragen zum Theile die amerikanischen und englischen durch feinere Ausführung“[29]. Zu den Wiener Ausstellern gehörten außerdem die „Verlagshandlung Hartleben“ und das „Plakat-Affichirungs-Institut Sinsler“.

Die von der Firma „Eduard Sieger“ gedruckten Plakate für das Unterhaltungsetablissement „Universum“ und für das „Optische Institut F. Korber“

Die „Internationale Placat-Ausstellung“ war der Anlass für eine Reihe von theoretischen Überlegungen zum Medium Plakat. So etwa in der „Wiener Allgemeinen Zeitung“, die dem Thema einen großen Feuilletonbeitrag widmete. Der mit B.B. zeichnende Autor charakterisierte dabei das Plakat folgendermaßen:

„Es stellt sich uns breit in den Weg, es springt hin und her, es blendet mit Gestalten und Farben, es macht lachen und schaudern, es ist schwatzhaft und pathetisch, man kann sich darüber ärgern, aber man kann ihm nicht ausweichen.“ Das „richtige Placat“ sei eine „Sehenswürdigkeit“: „Es muß absolut und ohne Rücksicht auf das, was es zu sagen hat, interessiren. Aufgabe des Zeichners und Coloristen ist es, das Placat so sensationell als möglich zu gestalten. ‚Sensationell‘ in künstlerischem, gemäßigtem Sinne des Wortes, da eine brutale Marktschreierei den Widerstand jedes Gebildeten erregen wird und somit die Absicht des Placatirenden vereitelt ist. Eine Beziehung, wenn auch loser Natur, zwischen dem bildlichen und textlichen Inhalte des Placats wird stets vorhanden sein müssen, je geistreicher, frappanter, um so besser. Das Ideal eines Placates ist jenes, welches in eigenartiger, kunstreicher, die Aufmerksamkeit bannender Weise die unmittelbare Anschauung dessen gibt, was sein Zweck ist, handle es sich nun um ein gut passendes Strumpfband oder eine Reise um die Welt. Ein erklärendes Schlagwort, wie der Titel unter einem Gemälde, muß zur Erläuterung ausreichen. Die Passanten auf der Straße wollen und sollen nicht lesen, hingegen wollen sie möglichst viel schauen.“[30]

Die richtige Gestaltung des Plakattextes war mehrfach Thema in den Artikeln zur Ausstellung. „Man darf sich nämlich darüber keiner Täuschung hingeben, der Text einer solchen Drucksorte ist keine literarische Arbeit, allein es gehört zweifellos eine gute Idee, ein witziger Einfall dazu, um das hastende Publicum zu zwingen, demselben Beachtung zu schenken“[31], schrieb die „Wiener Sonn- und Montagszeitung“. Als beispielgebend nennt „Die Presse“ (die der Plakatausstellung ebenfalls ein umfangreiches, mit z.k.l. gezeichnetes Feuilleton widmete[32]) die Plakate des englischen Seifenherstellers „Pears“, von dem „an zwei Dutzende“ in der Ausstellung zu sehen waren, so etwa „eine alte Frau, die einen schmutzigen Jungen wäscht. Andere Blätter zeigen wieder die Bilder berühmter Künstlerinnen, z.B. der Patti, lebensgroß, in schönem photographischen Druck, mit der Ankündigung von Pear’s Seife. (…) Der Text bei diesen Bildern ist durchgängig ein knapper, lakonischer; meistens sind nur in großen, sehr deutlichen Unicalbuchstaben die zwei Worte Pear’s soap zu lesen.“[33]

„Zum richtigen Placate gehört überhaupt auch die richtige Handhabung des Textes“, so „Die Presse“ weiter: „Man muß den Inhalt der Anzeige im Vorübergehen erhaschen können. Dies beachten die Engländer und die Amerikaner beinahe ausnahmslos bei ihren großen Plakaten und ebenso die Schweizer, während anderwärts dagegen gesündigt wird. Verwickelte krause Schriften, wie sie bei uns auf Anschlagzetteln so oft in Anwendung kommen, passen nur für die Zeitungs-Annonce, oder für das kleine Placat, welches in Innenräumen öffentlicher Orte, in Bahnhöfen, in Omnibus- und Tramway-Wartehallen und -Wagen, in Hotels und Restaurationen u.s.w. angeheftet werden, wo der Beschauer Ruhe und Muße zum Lesen hat. Gegen diese elementare selbstverständliche Regel sündigen außer den Schweizern und Belgiern beinahe alle continentalen Placat-Erzeuger“[34].

Neue Impulse für die heimische Plakatgestaltung erhoffte man sich auch in Bezug auf die Größe der Affichen, da, wie die „Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung“ feststellte, „die Hauptwirkung eines Placats im Formate liegt. Je riesenhafter dasselbe ist, um so grösser wird die Farbenwirkung durch ihre breiten Flächen sein. Unser gewerbetreibendes, ankündigendes Publicum muss also zu der Höhe dieser Anschauung erzogen werden und diese gewinnt es vielleicht durch einen Besuch der Placat-Ausstellung.“[35] Da jedoch größere Plakatformate auch höhere Kosten verursachen, gehöre, wie „Die Presse“ vemerkte, zur Entscheidung dafür „etwas geschäftlicher Wagemuth, der seine eigenen, noch nicht von den Concurrenten ausgetretenen Wege geht, und ein gut Stück pfiffiger Findigkeit. Beides haben die Amerikaner und die Engländer, wie man allerwärts in den Ausstellungsräumen sehen kann, in reichlichem Maße. Unter den Continentalen kommen ihnen an Rührigkeit und Sachverständnis die Schweizer am nächsten; bei ihnen hat die Fremden-Industrie das Annoncen-, Reclame- und Placatwesen in bemerkbarer Weise entwickelt und gerade in dieser Richtung könnten unsere österreichischen Aelpler hier in der Ausstellung sehr viel lernen.“[36]

Das „Neue Wiener Tagblatt“ wusste zu berichten, dass in den USA die Herstellung von Plakaten „verwünscht wenig“ koste: „Je nach Format und Farbenreichthum variirt der Preis von 5 Dollars bis 106 Dollars per 100 Stück. Um letztangeführten Preis, der die Maximaltaxe zu sein scheint, ist ein in allen Kouleuren prangendes Kolossalbild exponirt, groß genug, um einem mäßigen Zirkus als Plafond zu dienen.“[37] Und „Die Presse“ verwies auf die Rentabilität eines entsprechenden finanziellen Einsatzes für Reklame: „Ein Mann, der sich hierauf versteht, wie kein zweiter, Barnum, hat bekanntlich classische Regeln hiefür veröffentlicht, die darauf hinauslaufen, daß 200.000 Dollars, richtig auf Annoncen verwendet, sich verdoppeln und vervierfachen, geringe Einsätze jedoch von zweifelhafter Wirkung bleiben.“[38]

Für die Veranstalter der „Internationalen Placat-Ausstellung“ scheint sich ihr Einsatz auf jeden Fall gelohnt zu haben. Nach sechs Ausstellungtagen konnte man bereits auf eine Gesamtzahl von 7.262 Besucherinnen und Besuchern verweisen, wobei sich das Interesse für die Schau durchaus nicht nur auf Wien beschränkte. So etwa berichtete das „Linzer Volksblatt“ (das die oberösterreichische Leserschaft auf die Schau hinwies): „Aus Budapest traf eine ganze Gesellschaft von Buchdruckern und Lithographen mit ihren Factoren und Arbeitern zum Studium der Ausstellung ein.“[39]

Am 25. April 1888 fand, als Abschluss der Ausstellung, in den Blumensälen der Gartenbau-Gesellschaft eine Plakat-Versteigerung statt. Diese verlief unter der Leitung von Wilhelm v. Schwarz-Senborn „ebenso erheiternd für den Zuschauer als zweckfördernd für die gemeinnützigen Vereinsinteressen“[40] und erbrachte „fünf bis sechs Stück Hunderter-Banknoten, wenn nicht noch mehr“. An Eintrittsgeldern wurden insgesamt 2.703 Gulden 40 Kreuzer eingenommen – „ein Betrag, der bei dem geringen Entrée von 20, respektive 10 kr. nicht unansehnlich zu nennen ist“[41] und der bedeutet, dass die „Internationale Placat-Ausstellung“ mehr als 13.500 Besucherinnen und Besucher angelockt hatte.

Diese Schau zeigt, dass es, entgegen den Darstellungen in der bisherigen Literatur, in Wien schon relativ früh nicht nur eine repräsentative international bestückte Plakatausstellung gab, sondern dass man sich auch in erstaunlich detaillierter Weise mit den theoretischen Aspekten des Mediums auseinandersetzte. Und das ein Jahr vor der Pariser Weltausstellung 1889, bei der das Plakat durch eine Ausstellung und eine Auszeichnung für den französischen Plakat-Pionier Jules Chéret erstmals größere internationale Akzeptanz erlangte. Man wusste also in der Habsburgermonarchie durchaus über die technischen und wirtschaftlichen Aspekte dieser Form der Werbung Bescheid. Druckereigewerbe und Wirtschaft zeigten sich offen für derartige neue Impulse, es sollte allerdings noch zehn Jahre dauern, bis die heimische Kunstszene das Plakat als Werbe- aber auch als Ausdrucksmittel für sich entdeckte.

[1] Neue Freie Presse, 15.4.1888, S. 5.
[2] Neues Wiener Tagblatt, 12.4.1888, S. 5.
[3] Neues Wiener Tagblatt, 17.4.1888, S. 4.
[4] Die Presse, 14.4.1888, S. 1.
[5] Horst Herbert Kossatz nennt als die allerersten nachweisbaren Plakatausstellungen zwei in Paris und eine in Brüssel, alle drei datiert er mit 1884. Die nächstfolgenden Ausstellungen auf seiner Liste von „Plakat-Ausstellungen 1888 – 1914“ sind mit 1889 datiert, die Wiener Schau fehlt in der Liste. Kossatz, Horst Herbert: Das Wiener Plakat. Ornamentaler Jugendstil und Sachlichkeit der zwanziger Jahre. Ausstellungskatalog, Wien – München 1970, S. 179. Christina Thon schreibt, dass die erste Plakatausstellung „im Rahmen der Pariser Weltausstellung 1889 stattfand“. Thon, Christina: „Zur Geschichte des französischen und belgischen Plakats“. In: Hg. Popitz, Klaus u.a.: Das frühe Plakat in Europa und den USA. Ein Bestandskatalog. Band 2, Berlin 1977, S. XLI.
[6] Catalogue de l’Exposition d’affiches artistiques, Reims 1896, S. 197ff.
[7] s. Neue Freie Presse, 10.4.1888, S. 5; und Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung, 5.4.1888, S. 141.
[8] Volkswirtschaftliche Wochenschrift, 19.4.1888, S. 301ff. Dass der Text für die Veröffentlichung in der „Volkswirtschaftlichen Wochenschrift“ nur geringfügig verändert wurde, lassen jene ausführlichen Berichte erkennen, die über Dorns Vortrag in der „Wiener Zeitung“ (25.2.1888, S. 7f.) und in der „Kaufmännischen Zeitschrift“ (15.4.1888, S. 66f.) erschienen waren.
[9] Wiener Zeitung“, 25.2.1888, S. 7f.
[10] s. Wiener Zeitung“, 25.2.1888, S. 8.
[11] s. Oesterreichische Buchhändler-Correspondenz, 3.4.1880, S. 125.
[12] Volkswirtschaftlichen Wochenschrift, 19.4.1888, S. 302.
[13] Wiener Allgemeine Zeitung, 13.4.1888, S. 2.
[14] Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung, 5.4.1888, S. 141.
[15] Neues Wiener Tagblatt, 12.4.1888, S. 5.
[16] Neues Wiener Abendblatt, 20.4.1888, S. 4.
[17] Neues Wiener Tagblatt, 15.4.1888, S. 4.
[18] Neue Freie Presse, 10.4.1888, S. 5.
[19] Neues Wiener Tagblatt, 12.4.1888, S. 5.
[20] F. Čerwénka: Das Teplitzer Theater und Liszt in der Wiener Plakatenausstellung. In: Teplitz-Schönauer Anzeiger. 28.4.1888, S. 1.
[21] Wiener Allgemeine Zeitung, 14.4.1888, S. 2.
[22] Wiener Allgemeine Zeitung, 14.4.1888, S. 2.
[23] F. Čerwénka: Das Teplitzer Theater und Liszt in der Wiener Plakatenausstellung. In: Teplitz-Schönauer Anzeiger. 28.4.1888, S. 3.
[24] Die Presse, 20.4.1888, S. 11.
[25] Die Presse, 20.4.1888, S. 11.
[26] Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung, 19.4.1888, S. 159.
[27] Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung, 19.4.1888, S. 158.
[28] Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung, 19.4.1888, S. 158.
[29] Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung, 19.4.1888, S. 158.
[30] Wiener Allgemeine Zeitung, 13.4.1888, S. 1.
[31] Wiener Sonn- und Montagszeitung, 16.4.1888, S. 3.
[32] Die Presse, 14.4.1888, S. 1ff.
[33] Die Presse, 14.4.1888, S. 2.
[34] Die Presse, 14.4.1888, S. 2f.
[35] Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung, 19.4.1888, S. 159.
[36] Die Presse, 14.4.1888, S. 2.
[37] Neues Wiener Tagblatt, 13.4.1888, S. 3.
[38] Die Presse, 14.4.1888, S. 1.
[39] Linzer Volksblatt, 18.4.1888, S. 3.
[40] Neues Wiener Tagblatt, 26.4.1888, S. 4.
[41] Neues Wiener Tagblatt, 26.4.1888, S. 4.