Mit Plakaten die Welt verändern…

„Wir werden uns niemals versklaven lassen - Ihr werdet uns niemals versklaven“, Tschechoslowakei, 1968

In der geschichtsbewussten Medien- und Museumswelt wurde 2018 so mancher Jahrestage der „8er Jahre“ gedacht, wobei 1618, 1918 und 1938 dominierten. Wenn dabei das Jahr 1848 relativ ephemer behandelt wurde, hängt das wohl mit dem eher „unrunden“ 170-Jahr-Jubiläum zusammen. Dass jedoch die Resonanz auf die gemäß der „Gedenkarithmetik“ durchaus beachtenswerten 50 Jahre, die seit 1968 vergangen sind, relativ schwach ausfiel, hängt wohl mit einer weltweit immer konservativer werdenden Grundhaltung zusammen.

Die meist links orientierten Proteste des Jahres 1968 bewirkten auf vielen gesellschaftlichen Ebenen Umbrüche, die eine Befreiung aus der oft repressiven Nachkriegsordnung darstellten. Auch die AktivistInnen des „Prager Frühlings“ sahen sich links, sie verlangten keine Abkehr vom Kommunismus, sondern erstrebten einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Doch weder die Niederschlagung dieser Bestrebungen durch die Truppen des „Warschauer Paktes“ noch die Jugendrevolten von 1968 waren in Österreich in nennenswerter Weise Gegenstand historischer Erörterungen. Eine Ausnahme dazu bilden lediglich die Ausstellungen der Museen der Stadt Linz (Lentos und Nordico), die den für diese partielle Amnesie bezeichnenden Titel „Wer war 1968?“ tragen.

In Frankreich erfolgte die Beschäftigung mit dem Jahr 1968 aufgrund der Heftigkeit der damaligen Jugend-Proteste wesentlich intensiver. In der Flut der in Frankreich erschienenen Publikationen zu diesem Thema ist besonders der Band „Protest! Les affiches qui ont changé le monde 1968–1973“ von Michaël Lellouche zu erwähnen. Der Autor des Buches publiziert hier seine eigene „Collection“ und zeigt in der Beschreibung der Objekte eine derart genaue Kenntnis der Materie, wie sie sich oft nur Sammler aneignen können, die einen so speziellen Bezug zum Gegenstand ihres Interesses entwickeln.

Links: I want you for U.S. army, UK, ca. 1970 / Rechts: „Never again war“, USA, 1968

Lellouche geht bei seiner Aufarbeitung der Plakate, die von 1968 bis 1973 „die Welt veränderten“, entsprechend dem Titel weit über Frankreich hinaus. Thematisch ist der Bogen weit gespannt und reicht von der „Kraft des kollektiven Handelns“, den internationalen Freiheitsbestrebungen zwischen Prag und Vietnam, der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, den Rechten der Arbeitenden, und dem pazifistischen Engagement bis zu einem neuen Feminismus und dem Kampf um mehr Umweltschutz. Die publizierten Beispiele stammen von unzähligen Grafikerinnen und Grafikern, wobei besonders den Entwürfen des legendären Pariser „Atelier populaire“ und des „Berkely Political Poster Workshop“ breiter Raum gegeben wird.

Die formale Gestaltung der Bildpropaganda dieser Aufbruchsjahre ist sehr unterschiedlich, eines ist allen Blättern jedoch gemeinsam, nämlich die bewusste Abkehr von der kommerziellen Ästhetik des Establishments. Das Plakat bekam im Zuge der Protestbewegungen als Medium eine neue Bedeutung, die im Zuge der allgemeinen Verbreitung des Fernsehens verloren gegangen schien. Die Affiche wurde so wieder zu einer schlagkräftigen Alternative zum etablierten Medienapparat der Herrschenden. Interessant ist dabei, dass man auf der Suche nach alternativen Visualisierungen immer wieder auf historische Vorlagen stieß. So wie die kalifornischen Pop-Plakate ohne Alphonse Mucha nicht denkbar wären, so griff man auch im Bereich der politischen Themen auf historische Beispiele zurück. Dies geschah in affirmativer Weise, wie etwas bei der Verwendung einer Grafik von Käthe Kollwitz, oder auch in satirischer Umkehrung etwa des bekannten Rekrutierungsplakates von James Montgomery Flagg.

„Der Kampf geht weiter“, meint Autor Michaël Lellouche, der jene in seiner Publikation dargestellten Bestrebungen um eine humanere Gesellschaft nicht als ein abgeschlossenes historisches Phänomen sehen will: Die Vergangenheit sollte, seiner Meinung nach, zum Vorbild für die Gegenwart und zu einer Inspiration für die Zukunft werden. So sollte man seinem Leben Sinn geben und für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen – und dies trotz möglicher Widerstände und Rückschläge: „Schon Albert Camus wusste: ‚Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.‘“

Lellouche, Michaël: Protest! Les affiches qui ont changé le monde 1968–1973, Vanves Cedex 2018.