Nestroys „Zettelträger Papp” – ein Wildplakatierer

Johann Nestroys erstes Stück, der „Zettelträger Papp”, ist einem Faktotum des Theaters gewidmet. Herr Papp ist „Zettelträger einer reisenden Schauspieler Gesellschaft”, betätigt sich aber auch als Schauspieler und als Regisseur, der gerne die Stücke der Klassiker in seiner eigenen, kuriosen Fassung auf die Bühne bringt. 1827 wurde die Posse, mit Nestroy in der Titelrolle, in Graz uraufgeführt. 

Theaterzettel wurden im Vormärz sowohl als Informations- als auch als Werbemittel verwendet. Die Zettelträger brachten die Blätter mit dem aktuellen Spielplan und der Besetzungsliste in die theaterinteressierten Haushalte. Darüber hinaus wurden die Zettel auch als Kleinplakate in belebten Straßen der Städte affichiert. Darauf deutete schon der sprechende Name des Nestroy’schen Zettelträgers hin: Papp, was Kleister bedeutet. Die Plakatierer nannte man im biedermeierlichen Wien dem entsprechend auch „Zettelpapper”.

Georg Emanuel Opitz, Zettelträger und Ziegenmilchverkäuferin, Wien um 1815Im „Allgemeinen Theater-Lexikon” hieß es 1846 unter dem Stichwort „Zettel”: „Die gedruckte Ankündigung Alles dessen, was ein Theater dem Publikum bekannt machen muß oder bekannt zu machen für gut hält. Die Z. sind sowohl für den Anschlag in den Straßen, als für Vertheilung in den Wohnungen und während der Vorstellung unter das Publikum bestimmt, entweder auf Kosten der Direction gedruckt oder Gegenstand der Speculation eines Buchdruckers […]” (7. Band, S. 239).

Dass Papp die Zettel tatsächlich auch affichierte, zeigt nicht nur der Name der Figur, sondern belegen auch zwei Textstellen: Im Stück wird Papp vom Diener mit den Worten angekündigt: „Er hat einen Puschen Zettel auf dem Arm, und ein Heferl Papp in der Hand” (Stücke 1, 94/12f.). Im Quodlibet singt er dann “In alle Häuser, unterthänig, / Lauf ich hin, in leichtem Trapp, / Und werdn mir die Zetteln z’wenig, / So reiß ich s’ von ein’n Eck wo ab.” (Ebd. 105/1-4).

Der„ Zetteltrager Papp” war also gewissermaßen auch ein Plakatierer, wenn auch nur ein auf Theaterzettel spezialisierter. Genau genommen jedoch ein Wildplakatierer. Ein Jahr vor der Uraufführung des Stückes, also 1826, wurde die „Erste Wiener Central-Placat-Anstalt” gegründet. Da Papp Zettelträger einer „reisenden Schauspieler Gesellschaft” war, ist es offensichtlich, dass man sich da nicht der ortsansässigen Plakatierungsfirmen bediente.

Weitere Informationen:
Johann Nestroy: Sämtliche Werke, Stücke 1 (hg. Friedrich Walla), Wien 1979.

Bildquelle:
G
eorg Emanuel Opitz: Der Zettelträger und die Ziegenmilchverkäuferin in Wien, Blatt aus der Folge „Figuren und Szenen aus dem Wiener Volksleben aus den Jahren 1805 – 1812″, geätzt von Benedikt Piringer, kolorierte Radierung, Wien um 1815, MAK KI 7708 (Herrn Peter Klinger wird herzlich für diesen Bildhinweis gedankt).

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