Alfred Proksch: „Sehr gut in Zeichnen, Turnen und Musik“

Hermann Kosel, Walter Hauch und Präsident Alfred Proksch bei einer Vorstandssitzung des Bundes Österreichischer Gebrauchsgraphiker im Gasthaus Smutny, um 1968

Der damals 94jährige Künstler und Sportler 2002 im Gespräch mit Christian Maryška über die Erfahrungen eines langen Lebens und den gar nicht so leichten Beruf des Gebrauchsgrafikers: Alfred Proksch wurde am 11.12.1908 in Wien geboren. Schon in seiner Schulzeit zeigte sich sein zeichnerisches Talent. In den 1920er Jahren lernte er im Atelier von Fritz Bernhard die Grundlagen des Berufes des Grafikers kennen. Bei der Olympiade 1936 in Berlin wurde Proksch sechster im Stabhochsprung. Nachdem er im Jahr 1950 ein eigenes Atelier gegründet hatte, übernahm er 1961 die Präsidentschaft des „Bundes Österreichischer Gebrauchsgraphiker“. Alfred Proksch verstarb am 3.1.2011 im Alter von 102 Jahren in Wien.

Nachtrag von Christian Maryška (2014):

Als ich dieses Gespräch 2002 mit Alfred Proksch geführt habe, waren seine Aktivitäten und Verstrickungen vor bzw. während der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges noch nicht bekannt. Seine Aussagen über die Zeit im Atelier Werbemendel in Wien und Berlin und seine geäußerten Sympathien über deren Chef sowie Prokschs angedeutete Distanz zum Nationalsozialismus während des Gesprächs ließen damals keine Zweifel aufkommen.

Im März 2014 hat designaustria folgenden Beschluss gefasst:

„Durch historische Forschungen ist in den Jahren 2004 und 2012 bekannt geworden, dass Alfred Proksch (1908-2011), ehemaliges Mitglied, Präsident und Ehrenpräsident von designaustria, vor dem Jahr 1938 und bis zum Jahr 1945 in mehrfacher Weise auf Seiten des NS-Regimes engagiert war: als illegaler Nationalsozialist in Österreich, als Mitglied der SS, als „Ariseur“ des Schuhverkaufunternehmens Hermes, in dem er als „Reklamechef“ tätig war und schließlich als Offizier in einer Gebirgsdivision der Waffen-SS bei der Partisanenbekämpfung auf dem Balkan. In Kenntnis dieser Sachverhalte, über die Alfred Proksch zeitlebens keine Aufklärung gegeben hat, und in Verantwortung gegenüber den Opfern des NS-Regimes, unter ihnen auch Mitglieder des Bundes Österreichischer Gebrauchsgraphiker, sah sich der Vorstand von designaustria nicht mehr an den Beschluss über die Ernennung von Alfred Proksch zum Ehrenpräsidenten gebunden und empfahl der Generalversammlung, Alfred Proksch den Titel eines Ehrenpräsidenten rückwirkend abzuerkennen. Dieser Empfehlung folgte die Mehrheit der anwesenden Mitglieder von designaustria in der Generalversammlung vom 13. März 2014 in Wien bei 1 Gegenstimme und 5 Enthaltungen.“

Ich wurde 1908 in Wien geboren. Ich bin schon in der Volksschule dem Zeichenlehrer aufgefallen und dann auch in der Realschule und bin schon ein wenig gefördert worden. Mein Vater hat mit dem Zeichenlehrer aus der Marchettigasse Kontakt aufgenommen. Ich hatte immer ein Sehr gut in Zeichnen, Turnen und Musik.

Ich bin dann in ein Konvikt in Waidhofen gegangen. Meine Eltern hatten wenig Zeit für uns. Wir waren fünf Brüder. Die Wohnung war zu klein. Vier Brüder waren gleichzeitig in Waidhofen. Die Internatserziehung war dort sehr fortschriftlich und weltoffen. Die Schule war nicht von der Religion beherrscht. Dort habe ich auch einen Zeichenprofessor gehabt, der mich gefördert hat.

Ich bin dann zurück nach Wien, weil meine Eltern die Schule nicht mehr bezahlen konnten. Ich bin dann in die Marchettigasse in die Schule gegangen. Wir haben auf der Gumpendorferstraße gewohnt. Im Maturajahr bin ich aus der Schule ausgestiegen und habe Arbeit gesucht. Das war 1926. Ich habe damals schon in der Schule Geld verdient mit Zeichnen. Ich habe für einen kleinen Verlag Illustrationen gemacht. Dann hat mein Vater einen Kontakt gehabt mit einem Werbeatelier, und dort konnte ich sofort als Volontär eintreten. Das war am Möllwardplatz und hieß Atelier Zentrum. Der tragende Mann war dort Fritz Bernhard, ein hervorragender Zeichner. Von diesem Atelier habe ich direkt in das Atelier von Joseph Binder gesehen. Im Atelier Zentrum habe ich bereits bei Plakaten mitarbeiten dürfen. Ich bin dann während dieser Zeit in Kurse auf der Kunstgewerbeschule gegangen, z. B. bei Larisch für Schriftgestaltung. Und bin dann auch in Abendkurse in die Akademie am Schillerplatz gegangen. Ich bin dann immer mehr ins Verdienen gekommen und habe die Kurse aufgegeben.

Ich war also im Atelier Zentrum und daneben habe ich noch Illustrationen für den Wiener Verlag gemacht. Die hatten das Wiener Magazin herausgebracht und zugleich eine Rätselzeitung. Für diese Rätselzeitung hatte ich einen fixen Auftrag jede Woche gehabt. Ich musste immer eine bekannte Persönlichkeit zeichnen, deren Porträt ein anderer in die leeren Teile eines Kreuzworträtsels einbauen konnte. Schlecht bezahlt natürlich.
Dann habe ich meine zukünftige Frau kennen gelernt. Sie war Mannequin und ist viel in Europa herumgereist und hat sehr schön verdient. Ich habe fast nichts verdient. Das hat mich geärgert.

Dann lernte ich einen Werbefachmann kennen, Herrn Mendel, der ein Atelier hatte. Der hat mir hie und da eine kleine Arbeit gegeben. Werbemendel hat auch für Ovomaltine gearbeitet. Eines Tages fragte er mich, ob ich nicht nach Berlin gehen möchte. Er hatte die Absicht, dort ein Atelier zu eröffnen. Er hat gesagt, er zahlt mir kein Gehalt, er stellt mir nur das Atelier zur Verfügung. Er hatte bereits eine Sekretärin dort. Ich müsste seine Kunden betreuen bzw. neue akquirieren. Es gab keinen Vertrag. Nachdem er ein ziemlich erfolgreicher Mann war, sah ich eine Chance und bin innerhalb von acht Tagen, Ende 1929, nach Berlin gegangen. Ich wollte nicht vom Geld meiner Frau leben.

Ich hatte einen guten Start in Berlin. Dann war es aber plötzlich aus. Die politischen Ereignisse der Zukunft hatten sich schon bemerkbar gemacht. Herr Mendel hat nach einem halben Jahr das Atelier aufgegeben. Herr Mendel war Jude. Ich hatte noch die Möglichkeit drei Monate gratis zu wohnen. Die Sekretärin sagte mir, der Herr Mendel hat sie nur geholt, weil sie so blonde Haare hatten und so deutsch aussehen. Er hatte Schwierigkeiten bei manchen Firmen als Jude Aufträge zu bekommen. Auftraggeber war z. B. ein bekannte Konditorei (Hilbrich) und Kathreiner, dort war ein Österreicher Werbeleiter.

Ich hatte nun die Wahl gehabt nach Wien zu fahren oder in Berlin zu bleiben. Ich bin zum BSC, zum Berliner Sportclub gegangen, um zu trainieren. Ich war damals schon ein guter Stabhochspringer. Ich habe dort einen Schweizer Trainer kennen gelernt, der mir Aufträge verschafft hat. Ich musste Lehrtafeln mit den Bewegungsabläufen bei der Leichtathletik anfertigen.

Eines Tages habe ich meine Mappe genommen und bin kühner Weise in den Ullstein Verlag gegangen und habe versucht, in der Sportabteilung unterzukommen. Man hat mir gesagt, was wollen sie bei uns. Wir haben die besten Künstler, die für uns arbeiten. Wir können keine Unbekannten fördern. Ich habe aber dann doch gewisse Sympathien beim Sportredakteur gehabt, und er hat gesagt, nächste Woche ist die Eröffnung des Sportpalastes in der Potsdamer Straße. Zu diesem Ereignis waren Sportveranstaltungen geplant und ich sollte dort etwas zeichnen. Begonnen hat es mit Tennis. Am Tennisplatz sah ich ein Mixed spielen. Ich dachte mir, die Figur kenne ich doch. Das war der Graf Salm. Seine Partnerin war klein, eine Baronin. Ich habe sie gezeichnet und so gut getroffen, dass man sie gleich erkannt hat. Dann habe ich in der letzten Reihe ein Liebespaar gesehen, die habe ich auch gezeichnet. Am nächsten Tag bin ich in die Redaktion der BZ gegangen. Es hat ihnen gut gefallen, und sie haben es gut honoriert. Dort hat man mir gesagt, dass es hier noch einen anderen Österreicher gibt, es war Theo Matejko. Er war ein begnadeter Zeichner. Er hat jeden Sonntag auf dem Titelblatt eine Zeichnung gehabt. Innerhalb eines Jahres hat er es zu einer Villa in Grunewald gebracht. Zu Rennpferden, Autos. Er ist zu einem Millionär geworden. Matejko hat mir geraten, mit meiner Mappe zur Monatszeitschrift Uhu zu gehen. Die Sekretärin wollte mich abwimmeln. Nach einer Woche bin ich wieder gekommen. Erfolglos. Eine Woche später habe ich es wieder versucht, der Redakteur hat mich angehört. Er sagte, wir bereiten eine Nummer vor über die deutsche Frau. Ich solle ein Porträt einer deutschen Frau zeichnen und nächste Woche vorbeibringen. Ich habe mir von den letzten Mark Pastellfarben und Papier gekauft. Im Leichtathletikklub habe ich von den Vereinkolleginnen einige Porträts gezeichnet. Zusätzlich habe ich aus meinem eigenen Spiegelbild ein Mädchen gezeichnet. Ich bin mit den Zeichnungen zum Chefredakteur gegangen und er hat genau die Zeichnung von mir herausgezogen.

Nach etwa vier Wochen sehe ich an einem Zeitungskiosk den Uhu mit meinem Bild am Titel. Ich bin sofort in die Redaktion und habe ein Honorar von RM 150,– bekommen. Ich habe damals von einer Mark am Tag gelebt. Ich habe gleich ein großes Fest mit meinen Freunden vom Klub gemacht. Ich habe gedacht, jetzt habe ich es geschafft und mir sofort ein Atelier am Ku’damm gesucht um 30 Mark im Monat. Aber danach habe ich keine Aufträge mehr vom Uhu bekommen. Ich habe das Atelier gekündigt und bin in ein kleines Zimmer gezogen. Die Mark sind immer weniger geworden und ich ging zurück nach Wien.

In Wien habe ich bei meinen Eltern gewohnt. Ich bin mit meiner Mappe Arbeit suchen gegangen. Wie ich so über die Mariahilferstraße gehe, sehe ich an der Ecke Kaiserstraße einen Neubau „Schuhpalast Hermes“ und Leute, die an einem Transparent über zwei Stockwerke arbeiteten. Schlecht gemalt. Während ich dort stehe und schaue, kommt ein Mann zu mir und fragt mit Berliner Akzent, was ich hier mache? Ich sagte, ich schaue mir das Transparent an, aber gut ist es nicht. Ich bin Grafiker und komme gerade aus Berlin. Er hat sich meine Mappe angesehen und gefragt, ob ich nicht bei der Firma arbeiten wolle. Ich habe sofort Ja gesagt. Das Unternehmen hatte damals fünf Filialen in Wien. Die mussten alle mit Schaufensterreklame und Plakaten versorgt werden. In Kürze habe ich alles gemacht, was figural war inklusive Schuhzeichnungen. Das Atelier war in der Seidengasse. Bis 1938 habe ich alles gemacht: Kataloge, Plakate, Auslagen. Das Berliner Team ging zurück nach Berlin. So wurde ich zuerst Atelierleiter und ein Jahr danach Werbeleiter. Ein paar Plakate habe ich aus dem Keller in der Kaiserstraße gerettet. Die Firma ist 1947 in Konkurs gegangen und von einem steirischen Lederhändler gekauft worden. Er hat das Unternehmen in „Regent“ umbenannt. Für den neuen Besitzer habe ich dann freiberuflich weiter gearbeitet. Ich habe alles nach der Natur gezeichnet und keine Fotos verwendet.

1950 habe ich ein eigenes Atelier eröffnet. Alle Schuhfirmen sind zu mir gekommen: Bally, Delka etc. Ich hätte damals auch Anstellungen bekommen, aber ich wollte nicht.

GEKÜRZTE VERSION EINES GESPRÄCHES, DAS CHRISTIAN MARYŠKA AM 6.11.2002 MIT ALFRED PROKSCH GEFÜHRT HAT.

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