Kalter Plakat-Krieg

In den 1990er Jahren intensivierte sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen des „Kalten Krieges“. Da dieser Konflikt zwischen den USA und der UdSSR sehr stark auch als ein Kampf zweier „Kulturen“ begriffen wurde, legte die Forschung zunehmend einen Schwerpunkt auf die kulturellen Ausformungen dieser machtpolitischen Konfrontation. 1996 veröffentlichte Stephen J. Whitfield „The Culture of the Cold War“, 2000 Richard A. Schwartz „Cold War Culture: Media and the Arts“ und 2003 David Caute „The Dancer Defects: The Struggle for Cultural Supremacy during the Cold War“, um nur einige der wichtigsten Arbeiten zum Thema zu nennen. 2008 veranstaltete das Londoner Victoria and Albert Museum eine Ausstellung mit dem Titel „Cold War Modern: Design 1945 – 1970“. Der britische Historiker David Crowley, der an dem Projekt als Kurator mitarbeitete, brachte in diesem Kontext eine eigene Publikation zum Thema Plakat heraus: “Posters of the Cold War“.

Nun widmet sich auch die Schriftenreihe „Profile“ des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek diesem Forschungsfeld: „Kalter Krieg in Österreich. Literatur – Kunst – Kultur“ heißt der von Michael Hansel und Michael Rohrwasser herausgegebene Band. Die thematische Bandbreite der Erörterungen ist dabei erfreulicherweise groß. So enthält die Veröffentlichung auch eine Analyse der Plakate jener Zeit. Der Autor Christian Maryška hat seinen Beitrag mit einem Zitat des früheren Wiener Kulturstadtrates und Plakatexperten Viktor Matejka betitelt: „Sie drängen sich vor oder auf, ob sie beachtet werden oder nicht“. Anhand von sieben Fallbeispielen analysiert Maryška, Historiker und Mitarbeiter der Plakatsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, das Phänomen der ideologischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Machtblöcken im Bereich des Grafikdesigns. Das Spektrum reicht dabei von den Wandzeitungen der Alliierten über Ankündigungen zu Kunst- und Plakatausstellungen bis zur Werbung für die 1959 in Wien abgehaltenen Weltjugendfestspiele, die unter kommunistischem Einfluss standen. Der Autor arbeitet dabei den eigenständigen Quellencharakter von Plakaten exemplarisch heraus und kritisiert mit Recht, dass diese Dokumente auch in ernst zu nehmender historischer Literatur immer noch ausschließlich als unkommentierte und somit uninterpretierte Illustrationen herhalten müssen. Doch zumindest seit Roland Barthes und Umberto Eco hätte es auch die Geschichtswissenschaft besser wissen können. Aber relativ spät, erst in den 1980er und 1990er Jahren, begannen Historiker den spezifischen Wert der Bildquellen zu thematisieren. Offenbar weiterhin relativ unbeachtet von einem Teil ihrer Fachkollegen, denn immer noch gibt es viele Publikationen und besonders auch kulturhistorische Ausstellungen, in denen Plakate lediglich als optisches „Füllmaterial“ verwendet werden. Um so wichtiger, dass in der vorliegenden Publikation auch des Grafikdesigns gedacht wird, denn – so Maryška : „Der Kalte Krieg, in dessen Epizentrum an der Schnittstelle zwischen den Blöcken Österreich lag, hatte emotionalisierte ‚Feind-Bilder‘ auf beiden Seiten geschaffen, die sich hervorragend dazu eigneten, in schlagende Bildertext-Botschaften geformt zu werden.“

Maryška, Christian: „Sie drängen sich vor oder auf, ob sie beachtet werden oder nicht“. Fallbeispiele von Grafikdesign im Kalten Krieg, in: Hansel, Michael – Michael Rohrwasser (Hrsg.): Kalter Krieg in Österreich. Literatur – Kunst – Kultur, Wien 2010 (=Profile. Magazin des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, 17. Bd), S. 319 – 338.

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