Garnik A. Vardanyan: „Ich bin der letzte Mohikaner einer aussterbenden Profession!“

Fotos: Aram Mizoyan

Garnik A. Vardanyan ist Plakatmaler und damit einer der letzten Vertreter eines aussterbenden Berufes. Seit 1972 ist Vardanyan Mitarbeiter des Armenischen Philharmonischen Orchesters, für das er als „Chief-Artist Painter“ handgemalte Plakate macht: Affichiert werden die Unikate auf den Anschlagflächen rund um das Stammhaus des Orchesters, die „Aram Chatschaturjan Konzerthalle“ in Jerewan. Geboren am 26.7.1950 in der nordarmenischen Stadt Gjumri (damals Leninakan) absolvierte Garnik A. Vardanyan eine Ausbildung als Maler an der Kunstakademie (Academy of Fine Arts) in Jerewan. Zu seinem Oeuvre zählen auch eine Vielzahl von Aquarellen und Ölgemälden, sowie zahlreiche Entwürfe für Medaillen und Münzen. Werke von Vardanyan finden sich in internationalen Sammlungen, unter anderem in den USA, Kanada, Deutschland und Russland. Vardanyan legt Wert auf seine künstlerische Vielseitigkeit – dennoch hat die Plakatmalerei für ihn einen besonderen Stellenwert.

AP: Wie kamen Sie zum Malen von Plakaten?

Vardanyan: Ich habe schon als Schüler, bereits ab meinem 15. Lebensjahr Plakate gemalt, und mir damit mein Taschengeld verdient. In meiner Heimatstadt Gjumri gab es vier Kinos, und für alle vier habe ich Filmplakate gemacht. Außerdem gab es in den Fabriken der Stadt verschiedene Klubs, und für deren Veranstaltungen habe ich auch Plakate gemalt. Seit dieser Zeit liebe ich die Plastizität und die Flexibilität der Buchstaben.

AP: Wie viele Plakate machen Sie im Jahr?

Vardanyan: Das hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Früher waren ja alle Plakate handgemalt. Noch in den 1990er Jahren habe ich für alle der rund 60 Konzerte, die das Philharmonische Orchester damals pro Jahr gab, die Plakate hergestellt. Und zwar für jedes Konzert zwei verschiedene Plakate, und davon jeweils 3 Stück. Das heißt, damals malte ich zirka 360 Plakate im Jahr – also fast jeden Tag eines. Diese wurden an verschiedenen Plätzen in der Stadt aufgehängt; die Plakate, die ich jetzt mache, hängen nur noch beim Konzerthaus.
Außerdem habe ich in der Sowjetzeit, gemeinsam mit einem anderen Plakatmaler, auch die Affichen für alle Konzerte von „Haj Hamerg“ (das war die staatliche armenische Konzertagentur) gemacht. Manchmal malten wir 30 Plakate für ein einziges Konzert – nur wir beide, das war sehr viel Arbeit! Jetzt bin ich allein, der letzte Plakatmaler den es hier gibt. Ich bin der letzte Mohikaner einer aussterbenden Profession! Pro Jahr male ich nur noch ungefähr 20 Plakate. Alle anderen werden auf dem Computer gemacht, aber ich arbeite nicht mit dem Computer. Ich will das nicht, weil ich denke, dass man nur beim Handmalen seine Seele in die Arbeit legen kann. Jemand, der ein Plakat am Computer entwirft, ist ein Designer – ich aber bin ein Maler!

dscn0084

AP: Wer sind Ihre Auftraggeber, nach welchen Kriterien wird entschieden, ob ein Plakat mit der Hand oder am Computer gemacht wird?

Vardanyan: Die Bestellungen kommen sowohl von der Philharmonie als auch von anderen Interpreten, von Sängern und Musikern. Wer ein Konzert gibt, braucht Werbung. Und wenn ich die Werbung mache, dann kommt sie relativ billig. Hier in Jerewan muss man für das Affichieren von Plakaten 3.000 Dram (ungefähr 6 Euro) pro affichierten Quadratmeter an die Stadt zahlen. Wenn man da noch die Kosten für den Computerdruck dazurechnet, ist es auf jeden Fall billiger, es von mir machen zu lassen.

AP: Wie groß sind die Plakate, die Sie malen? Was war das größte?

Vardanyan: Es gibt verschiedene Größen. Normalerweise sind die Plakate 2 mal 3 Meter groß. Aber ich habe auch schon Plakate mit 10 m2 gemacht, einzelne waren auch bis zu 12 m2 groß. Ich male die Plakate mit Gouache-Farben auf groben Baumwollstoff, danach werden sie auf Holzrahmen montiert und dann draußen aufgehängt.

 AP: Erzählen Sie uns bitte etwas über die Technik, z.B. machen Sie Skizzen? Zeichnen Sie selbst die Buchstaben?

Vardanyan: Es gibt natürlich Themen, über die man zuerst ein wenig nachdenken und auch ein paar Entwürfe machen muss. Normalerweise ergibt sich die Idee zu einem Plakat aus dem Sujet der Veranstaltung. Wenn das ein Kammermusikkonzert ist, muss man auch das Plakat in einer Art Kammerstil machen, mit zurückhaltenden und klassischen Buchstaben. Wenn es ein Festival mit deutscher Musik ist, zeichnet man die Buchstaben in Fraktur. Oder wenn es ein japanisches Konzert ist, zeichnet man sie in japanischem Stil. Man muss die Stimmung des Konzerts durch das Plakat vermitteln. Das Wichtigste ist, dass ein Plakat mit wenigen Mitteln eine maximale Wirkung erzielt. Wenn das gelingt, ist es ein gutes Plakat. Zum Beispiel braucht man für ein Plakat normalerweise nur 3 Farben. Wenn es mehr sind, dann wirkt das wie ein bunter Mischmasch.

dsc04623

AP: In den meisten Ländern gibt es keine Plakatmaler mehr, und auch Sie sind ja hier der letzte. Wie sehen Sie die Zukunft dieses Genres?

Vardanyan: Leider ist es so, dass es kaum mehr Plakatmaler gibt. Aber man braucht handgemalte Plakate! Wenn ein Maler Plakate entwirft, beschäftigt er sich direkt mit der Materie. Er schafft etwas, er legt seine Seele in diese Buchstaben hinein. Es kann zum Beispiel ein Trtschnatar (Vogelbuchstabe) sein, den es in armenischen Miniaturen gibt. Man gestaltet den ersten Buchstaben mit schönen, glänzenden und pflanzlichen Elementen und Federn aus. Das ist schon ein Kunstwerk für sich. Und man kann sich schon vorstellen, welche Wirkung dieser Buchstabe auf die Betrachter haben wird. Außerdem sind die handgemalten Plakate alles Unikate! Leider aber habe ich nur wenige aus meiner langen Tätigkeit als Plakatmaler aufgehoben.


DAS GESPRÄCH FÜHRTE ARAM MIRZOYAN AM 18.1.2011 IN JEREWAN (ARMENIEN).