Karl Wiener im Wien Museum

„Verschollen im Museum“ heißt der Titel einer Ausstellung über Karl Wiener im Wien Museum am Karlsplatz. Die Schau soll eine – laut Pressetext – „Fallstudie zu einem weitgehend unbekannten Künstler, dessen Arbeiten über Jahrzehnte hinweg im Depot ‚verschollen’ waren“, sein.

Karl Wiener wurde am 26. Jänner 1901 in Graz geboren, er besuchte dort die Landeskunstschule und studierte danach von 1926 bis 1931 an der Wiener Kunstgewerbeschule bei Berthold Löffler und Rudolf von Larisch. Von 1931 bis 1932 setzte er seine Ausbildung bei Rudolf Jettmar an der Akademie der bildenden Künste in Wien fort. Von 1940 bis 1947 war er selbst als Lehrer an der Kunstgewerbeschule tätig. 1945 begann Wiener im „Propaganda-Atelier“ der Sozialistischen Partei zu arbeiten. Dabei widmete er sich laut seinen Aufzeichnungen nicht nur der Neugestaltung des Parteisymbols, der drei Pfeile, sondern er gestaltete auch Wahlplakate. 1946 arbeitete er unter der Leitung von Victor Th. Slama an der antifaschistischen Ausstellung „Niemals vergessen!“ mit. 1947 wurde er von der Kunstgewerbeschule gekündigt. Am 29. April 1949 setzte Karl Wiener in Wien seinem Leben selbst ein Ende.

Karl Wieners künstlerisches Werk wurde von den meisten seiner Zeitgenossen unterschätzt, und auch die Nachwelt konnte lange Zeit damit wenig anfangen. 1965 kam der Nachlass des Künstlers in das damalige Historische Museum der Stadt Wien und wurde dort unaufgearbeitet im Depot abgestellt. Erst 2001 wurden im Zuge der Schau „Moderne in dunkler Zeit“ in der Neuen Galerie in Graz Wieners Arbeiten einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert. 2008 hat Hedwig Saxenhuber in der Ausstellung „Kunst + Politik“ im Wiener MUSA Karl Wiener eine bedeutende Position eingeräumt. In weiteren Ausstellungen in der Steiermark und in Wien fanden die Arbeiten ebenfalls Berücksichtigung.

Es ist äußerst verdienstvoll, dass nun das Wien Museum dieser interessanten Künstlerpersönlichkeit eine eigene Ausstellung widmet. Spannend ist auch die Projektidee, anhand des Schicksals von Karl Wiener der Frage von Erfolg und Misserfolg in der Kunst nachzugehen. Allerdings gelingt es nicht, die in der Begleitpublikation zur Schau aufgeworfene Fragestellung „Warum verschwinden manche Künstler im Museum?“ ernsthaft zu erörtern. Der angestrebte diskursive Ansatz verebbt in der Denunziation der Vorgänger – „Ein Museum hat versagt“ -, und man verheddert sich dabei in Insider-Tratsch: „In Museumskreisen erzählt man, dass die Arbeiten aber beim damaligen Direktor, Franz Glück, wenig Gefallen fanden und die Order soll gelautet haben, den Bestand uninventarisiert ins Depot bringen zu lassen.“ Dass es nicht nur ein „Mangel an Neugierde und Emphase“ gewesen sein könnte, sondern vielleicht auch mit einem Mangel an Ressourcen zu tun hatte, wird nicht in Betracht gezogen. Auch die Frage, wie offen heutige Museumsadministrationen gegenüber den „Karl Wieners“ der Gegenwart sind, stellt sich dabei. Würden derartige Arbeiten angekauft werden, wie dies im Fall Wieners das Historische Museum zumindest nach 1945 getan hat? Oder noch genauer gefragt, würde man heute im Museum eine Kiste mit 3000 Arbeiten von einem „unbekannten Künstler und Gebrauchsgrafiker“, der vor 16 Jahren gestorben ist, überhaupt annehmen?

In der Kritik an den früheren Zuständen verliert man das eigentliche Ziel des Projektes aus den Augen, nämlich Leben und Werk des interessanten Künstlers Karl Wiener ausführlich darzustellen. Da verbraucht man relativ viel Raum, um Dokumente des angeblichen Vorgänger-Versagens wie Trophäen zu präsentieren. So bleibt wenig Platz für die künstlerischen Arbeiten von Wiener selbst. Leider wurde auch kein Katalog über Wiener zustande gebracht, sondern nur eine acht Seiten umfassende „Illustrierte zur Ausstellung“, aus der die oben angeführten Zitate stammen.

Im Bereich des Grafikdesigns sind Karl Wiener 1945 einige Arbeiten für die Sozialistische Partei gelungen, die formal echte Innovationen im Bereich der österreichischen Bildpropaganda darstellten. Nicht nachvollziehbar ist, dass von diesen vier gedruckten Plakatentwürfen nur ein kleiner Textstreifen ausgestellt wird und nicht die drei anderen bemerkenswerten Affichen, die man unschwer in der Plakatsammlung der Wienbibliothek hätte finden können. Da stellt sich dann wiederum die Frage: „Verschollen in der Bibliothek?“

Wögenstein, Lisa – Marion Krammer (Hrsg.): Verschollen im Museum. Der Künstler Karl Wiener, Illustrierte zur Ausstellung, Wien 2011.

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