Kassák in Berlin – Biró in New York

Lajos Kassák – László Moholy-Nagy: Buch neuer Künstler, Wien, 1922 (© Petőfi Literaturmuseum – Kassák Museum, Budapest)

Die ungarische Avantgarde der Zwischenkriegszeit erfährt derzeit international jene Anerkennung, die ihr schon länger gebührt: Unter dem Titel „Lajos Kassák. Botschafter der Avantgarde 1915 – 1927“ widmet sich die Berlinische Galerie in einer bemerkenswerten Ausstellung einem der Hauptprotagonisten der ungarischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Schau ist noch bis zum 17. Oktober 2011 zu sehen, nicht mehr lange zeigt das MOMA in New York die Präsentation „Seeing Red: Hungarian Revolutionary Posters“. Bis zum 1. August werden in den „Philip Johnson Architecture and Design Galleries“ Plakate von Mihály Biró, Sándor Bortnyik and Bertalan Pór ausgestellt. Obwohl es sich hier um eine relativ kleine Installation handelt, ist das Projekt auch aus politischen Gründen interessant, weil es zeigt, wie sich eine repräsentative amerikanische Institution, wie das MOMA, bemüht, die intellektuellen Auswirkungen des Kalten Krieges in den USA allmählich zu überwinden.

Das Berliner Projekt ist vor allem den Wiener Jahren von Lajos Kassák gewidmet, der nach dem Ende der ungarischen Räterepublik in die österreichische Hauptstadt flüchtete und von da aus mit seiner Zeitschrift MA ein internationales Netzwerk von modernen Künstlern und Intellektuellen betreute.

Peter Weibel wies bereits 1982 im Zusammenhang mit einer ungarischen Ausstellung zum Thema „Ungarische Avantgarde-Kunst im Wiener Exil“ auf die große kulturelle Bedeutung der ungarischen Emigranten im Wien der Zwischenkriegszeit hin: „Kassáks MA in Wien strebt unter Berufung auf den Kubismus den reinen Konstruktivismus an. Erst hier im Wiener Exil gelingt es, jenes Markenzeichen zu schaffen, das für die ungarische Avantgarde bis in die Gegenwart verbindlich ist, nämlich den Konstruktivismus.“

Es gehörte zu der Konzeption des Konstruktivismus, sich mit allen Bereichen des Lebens gestalterisch auseinanderzusetzen, so auch mit der Werbung und konsequenter Weise mit dem Plakat. Dies tat Lajos Kassák sowohl praktisch als auch theoretisch: 1930 schrieb er in der Kulturzeitschrift der österreichischen Sozialdemokraten „Kunst und Volk“: „Die Reklame ist konstruktive Kunst. Reklame schaffen, heißt sozialer Künstler sein.“

Weitere Hinweise:
MoMA | Seeing Red: Hungarian Revolutionary Posters, 1919
Bajkay, Eva R. (Hrsg.): A magyar grafika külföldön. Bécs 1919 – 1933, Budapest 1982.

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