Hamburg: Grafikdesign im Jugendstil

Hans Christiansen, Titelbild der Zeitschrift „Jugend“ vom 14.10.1900

„Affichomanie“, „Poster Boom“ und „Plakatsucht“ sind Phänomene, die zu Ende des 19. Jahrhunderts die Städte Europas beherrschten. Das Hamburger „Museum für Kunst und Gewerbe“ spürt dem „Aufbruch des Bildes in den Alltag“ in einer bis zum 28.8.2011 zu sehenden Ausstellung und – noch wichtiger – in einem hervorragenden Bestandskatalog zum Thema „Grafikdesign im Jugendstil“ nach. Für Katalog und Ausstellung zeichnen Jürgen Döring und Holger Klein-Wiele verantwortlich. Döring gehört seit Jahrzehnten zu den wesentlichsten Experten im Bereich der Plakatgeschichte, besonders eindrucksvoll sind seine Arbeiten zu den künstlerischen Aspekten des Mediums, seine Spezialgebiete sind Plakatkunst und Künstlerplakate von „Toulouse-Lautrec bis Benetton“ – so der Untertitel einer seiner frühen Publikationen. Die beiden Autoren haben nun mit dem 512 Seiten umfassenden „Opus magnum“ ein Standardwerk zu wesentlichen Aspekten der optischen Kultur der Jahrhundertwende vorgelegt.

Mit Recht weist Jürgen Döring in seiner Einführung auf die Schwierigkeiten eines derartigen Unternehmens hin: „Ein großes Problem stellt die Forschungslage dar: Während biografische Daten durch Lexika und zunehmend durch Datenbanken im Internet, mitunter sogar durch Monografien relativ leicht zusammenzutragen sind, fehlt verlässliche Literatur über die frühen Formen der Werbung und überhaupt des Grafikdesigns in weiten Bereichen. Selbst eine so herausragende Gattung wie das Plakat ist jenseits weniger bekannter Namen kaum oder gar nicht erforscht.“ Der Bestandskatalog tut allerdings sein Bestes diesem Notstand zumindest im Bereich des Untersuchungszeitraums Abhilfe zu schaffen: Über 20.000 Objekte aus der Sammlung des Hamburger Museums wurden zu diesem Zweck bearbeitet und – so Döring – aus vier unterschiedlichen Perspektiven analysiert. Zunächst beginnt die Betrachtung mit einer Darstellung der stilistischen Entwicklung des Grafikdesigns der beiden Jahrzehnte um 1900, wobei eine topographische Sicht auf die 12 wichtigsten „Kunstlandschaften“ – inklusive des Olbrichschen Darmstadt und der Secession in Wien – Gegenstand der Beschreibung sind. Der zweite Teil stellt 31 verschiedene Funktionen der Gebrauchsgrafik im Boom der Industrialisierung von Akzidenzschriften bis zu Verpackungsentwürfen dar. Solches hat zuvor im deutschen Sprachraum nur Werner J. Schweiger in seinem Buch „Aufbruch und Erfüllung“ für Österreich geleistet – und er wird in dem vorliegenden Band selbstverständlich auch zitiert. Das dritte Kapitel befasst sich mit den Themen und Motiven der angewandten Grafik der Jahrhundertwende. Der vierte, 234 Seiten umfassende Bereich bietet über 200 Künstlerbiografien, die mit exemplarischen Arbeiten illustriert werden. Schon aufgrund dieses Lexikons wird der Katalog ein Standardwerk für viele Jahrzehnte bleiben.

Dass die Österreichbezüge in dem Buch besonders zahlreich und intensiv sind, ergibt sich schon aus den diesbezüglichen intensiven Kontakten zwischen Hamburg und Wien: Das im übrigen so britisch anmutende Hamburg hat die Idee eines Museums der angewandten Kunst nämlich nicht direkt aus London empfangen, sondern Justus Brinckmann, der Gründer des „Museums für Kunst und Gewerbe“, hatte den Anstoß dazu als Student in Wien vom „Museum für angewandte Kunst“, dem ersten derartigen Institut auf dem Kontinent, empfangen. Ein weiterer wichtiger Berührungspunkt ist der Umstand, dass der Wiener Carl Otto Czeschka 1907 als Lehrer für „Flächengestaltung und Grafik“ an die Gewerbeschule im „Museum für Kunst und Gewerbe“ nach Hamburg ging. Czeschka lebte bis zu seinem Tod 1960 in der Hansestadt. Zu seinem umfangreichen Oeuvre gehörte auch der Titelkopf für die Wochenzeitung „Die Zeit“. Ein Großteil des künstlerischen Nachlasses von Czeschka wird im Hamburger „Museum für Kunst und Gewerbe“ aufbewahrt und war auch für die aktuelle Ausstellung ein wertvoller Bestand. 1908 kam Anton Kling auf Vermittlung von Czeschka als Lehrer für Naturstudien und Entwerfen an die „Staatlichen Schulen für freie und angewandte Kunst“ nach Hamburg, 1909 folgte Franz Karl Delavilla seinem Lehrer Czeschka in die Hansestadt nach, um hier vier Jahre lang an der Kunstgewerbeschule Grafik zu unterrichten. Neben den drei Genannten finden sich im Biografienteil der Publikation Beiträge über zahlreiche Künstler mit einem Bezug zur österreichischen Szene: Ferdinand Andri, Mihály Biró, Adolf Boehm, Ernst Deutsch, August Hajduk, Josef Hoffmann, Julius Klinger, Oskar Kokoschka, Alois Kolb, Heinrich Lefler, Ephraim Mose Lilien, Berthold Löffler, Emanuel Josef Margold, Ella Margold, Koloman Moser, Joseph Maria Olbrich, Emil Orlik, Ferdinand Reznicek und Alfred Roller.

Döring, Jürgen – Holger Klein-Wiele: Grafikdesign im Jugendstil. Der Aufbruch des Bildes in den Alltag. Ein Bestandskatalog, Hamburg – Ostfildern 2011.

Weitere Hinweise:
MKG Hamburg – Grafikdesign im Jugendstil