München: Jules Chéret

In Chéret – so schrieb der Wiener Kunsthistoriker Franz Ottmann in der Zeitschrift „Die graphischen Künste“ im Jahr 1914 – finde „das Plakat endlich den Mann, unter dessen Händen es mündig wird.“ Tatsächlich sind die Leistungen von Jules Chéret im Bereich der angewandten Grafik beachtlich und nicht zufällig wurde er von seinen französischen Zeitgenossen als „roi des affiches“ gewürdigt. Der 1836 in Paris geborene Lithograf hatte während eines längeren Aufenthaltes in England die neuesten Technologien im Druckgewerbe kennengelernt. 1866 kehrte er nach Paris zurück und übernahm eine Druckerei. Mit seinem lithografierten Plakat zu Jacques Offenbachs „Orphée aux enfers“ („Orpheus in der Unterwelt“) kreierte er noch im selben Jahr gleichsam den Prototyp für das moderne Plakat: Das Blatt wird von einer farbigen Illustration dominiert, wobei die gezeichnete Schrift eine gestalterische Einheit mit dem Bild erreicht. Diese Innovation war insofern bemerkenswert, als es davor im Wesentlichen nur wenig attraktive Textanschläge im Bereich der Straßenreklame gegeben hatte. So wurde Jules Chéret mit dem gekonnten Einsatz der Farblithografie einer der bedeutendsten Initiatoren des Bildzeitalters, das im 19. Jahrhunderts seinen Anfang nahm und dessen Ende noch nicht abzusehen ist. Die Fülle an Bildplakaten, die Chéret selbst produzierte, war ebenfalls gewaltig: Es waren über 1.000 Blätter. Konsequent erarbeitete er eine Gestaltungssprache, die auf die Reduktion von Farben und Formen setzte und so bis heute beispielgebend für gut funktionierende Außenwerbung ist.

Der französische Kunsthistoriker Ernest Maindron veröffentlichte 1886 das erste Buch über das neue Phänomen Plakat und würdigte darin besonders Chéret, der für die Publikation nicht nur zwanzig Farbdrucke, sondern auch das Titelblatt beigesteuert hatte: „Seit zwanzig Jahren haben die Künstlerplakate einen beachtlichen Raum auf den Pariser Mauern eingenommen. Unsere besten Zeichner haben dort ihre Stifte erprobt. Der sympathischste unter ihnen, Monsieur Jules Chéret, verlieh ihnen den Glanz seines Ausnahmetalents und brachte sie in Mode.“

Die Pariser Weltausstellung 1889 stellte dann den persönlichen Durchbruch für Jules Chéret aber auch für das Medium Plakat an sich dar. Ernest Maindron kuratierte nämlich im Rahmen der Weltausstellung eine Plakatschau, die zur endgültigen Anerkennung des Plakates als Kunstform führte. Die internationale Ausstrahlung dieser Präsentation war im Hinblick auf die Verbreitung des neuen Mediums enorm. Die Arbeiten Chérets waren nicht nur ein wesentlicher Teil der Exposition, sondern er wurde auch mit der Plakatwerbung für die Weltausstellung beauftragt. Darüber hinaus gab es im Pariser „Théâtre d’Application“ die erste Einzelausstellung zu Jules Chéret, in der er nicht nur mit seiner Reklame vertreten war, sondern er auch als „freier Künstler“ gewürdigt wurde. In der Folge erweiterte Chéret sein Gestaltungsspektrum und wurde als Innenausstatter zu einem der einflussreichsten Dekorateure der Belle Époque.

cheretkatalog

Warum Chéret trotz seiner großen Bedeutung heutzutage nicht bekannter ist, hängt wohl mit dem langen Leben des Künstlers zusammen: Geboren 1836 verstarb er – 96jährig – 1932, was dazu führte, dass die Rechte an seinen Werken erst 2003, also relativ spät, frei wurden. So haben entsprechende Publikationen in ihren Abbildungsteilen andere Grafiker, wie etwa Toulouse-Lautrec, Alfons Mucha oder Théophile Steinlen, die alle wesentlich früher gestorben sind, aus finanziellen Gründen bevorzugt. Die renommierte Villa Stuck in München hat nun Jules Chéret eine sehenswerte Ausstellung gewidmet, die geeignet ist, diese bedeutende Künstlerpersönlichkeit wieder bekannter zu machen. Nicht nur Chérets Hauptwerke im Bereich der angewandten Grafik, wie Plakate, Vignetten, Briefpapiere, Cover für Notendrucke und Buchillustrationen, werden dabei präsentiert, sondern auch Gemälde und Pastelle, Tapisserien sowie von ihm entworfene Möbel und andere Einrichtungsgegenstände. Für den hervorragenden Katalog haben Réjane Bargiel vom Pariser Musée de la Publicité, die Kunsthistorikerin Ségolène Le Men und der niederländische Sammler und Publizist Martijn F. Le Coultre den bisherigen Stand der Forschung über Jules Chéret und die Anfänge des französischen Plakates lesenswert zusammengefasst.

Buhrs, Michael (Hrsg.): Jules Chéret. Künstler der Belle Époque und Pionier der Plakatkunst, Stuttgart – München 2011.

Weitere Hinweise:
Museum Villa Stuck: Jules Chéret (1836–1932). Künstler der Belle Époque und Pionier der Plakatkunst

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