Sehnsucht nach dem Meer

Selten ist Sehnsucht so ideal erfüllt worden, wie auf den Reiseplakaten in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Meer und Strand, Segelboote und Palmen wurden Themen zu einer Zeit, als die einschlägigen Künstler auf der Spitze ihres Könnens zu stehen schienen. In diesen Jahren wurden aber auch die Angebote der Bahn- und Schifffahrtslinien ausgeweitet, Luftfahrt und Automobilisierung gewannen immer mehr und mehr an Bedeutung. Und für das alles musste geworben werden. Wenn am Beginn des Jahrhunderts noch überladender Historismus angesagt war, dann setzte sich später zunehmend die Bildsprache von Impressionismus, Jugendstil und Art Deco durch, bis in den 1950ern die Ästhetik der klassischen Moderne eines Braque und Picasso Platz griff.

„Nach einer triumphalen, ein Dreivierteljahrhundert dauernden Karriere ist die Kunst der Reiseplakate nur noch ein kleines, aber liebenswertes Kapitel in der Kunstgeschichte“, schreibt Johannes Thiele in der Einleitung zu seinem Buch „Sehnsucht nach dem Meer“, und: „Die Zeiten, in denen tausend bunte Fahnen in unserem Herzen flatterten und uns in eine irisierende Stimmung brennender Glückserwartung versetzten, sind unwiderruflich vorbei.“ So überschwänglich sein Stil ist, so eigenartig auch die Einteilung der acht Kapitel, er widmet sie   d e n   Reise-Sehnsuchtsgebieten, als da sind: Cote d´Azur, Italienische Riviera, Süditalien, Adriatisches Meer, Spanien, Portugal und Griechenland, Frankreich, Belgien und Holland, Britische Inseln, Nord- und Ostsee.

„Sehnsucht nach dem Meer“ ist primär einmal ein Bilderbuch, das ganz und gar auf die visuellen Reize der Plakate setzt. Da wurden aus Archiven, Bibliotheken und diversen Privatsammlungen idealtypische Beispiele herausgesucht, an denen man sieht, dass da Künstler am Werk waren, die ganz genau gewusst haben, was sie zu zeigen hatten und vor allem, wie sie es tun mussten. So dass man nach einem ersten begeisterten Durchblättern feststellen kann, dass – quer über die Grenzen hinweg – sich gewisse Stilrichtungen zu bestimmten Zeiten überall – an allen Küsten sozusagen – durchgesetzt haben. Der Textteil hinkt weit hinterher. Er beschränkt sich darauf, die Fremdenverkehrsorte an all diesen Meeresküsten, vom weltberühmten Saint-Tropez bis zur vielleicht nicht so bekannten dänischen Hafenstadt Nykobing Falster, kurz zu beschreiben. Die Bildunterschriften bieten Jahreszahl der Entstehung, nicht immer den Künstler, dafür auch Belangloses. Vergleicht man dieses Buch mit ähnlichen Veröffentlichungen, also zum Beispiel dem Katalogbuch „Mit dem Zug durch Europa, Plakate für Luxusreisen um 1900“, dann merkt man erst, was hier alles fehlt.

Thiele, Johannes: Sehnsucht nach dem Meer. Reisen, um glücklich zu sein, Wien 2012.

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