Kunst der zwanziger Jahre im Museum Folkwang

Tschichold-Plakate in der Ausstellung des Deutschen Plakat Museums über die 1920er Jahre (Foto: Jens Nober, Museum Folkwang)

Die 1920er Jahre waren von schweren ökonomischen und politischen Krisen gezeichnet, und es ist erstaunlich, was in jenem Dezennium trotz aller Probleme an großen kreativen Leistungen erbracht werden konnte. Die kulturellen Umbrüche, zu denen es Anfang des 20. Jahrhunderts gekommen war, hatten offenbar auch große künstlerische Potenziale freigemacht. Aktuelle ästhetische Theorien brachten innovative Sehweisen und Darstellungsformen hervor, neue technische Möglichkeiten modernisierten die mediale Szene in bis dahin ungeahnter Weise. Die Umbrüche der Zeit finden auch in den stilistischen Brüchen ihren künstlerischen Ausdruck: Expressionismus, Neue Sachlichkeit oder Art deco standen einander dabei diametral gegenüber.

Im Essener Museum Folkwang haben sich nun die Sammlungen Fotografie, Grafik und Deutsches Plakatmuseum zusammengetan, um diese überaus spannende Epoche anhand ihrer Kollektionen zu beleuchten: „Die außergewöhnlich reiche visuelle Produktion der zwanziger und beginnenden dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts ist in ihrem multidisziplinären Ansatz begründet, der in Deutschland am Bauhaus entwickelt, aber auch an anderen Ausbildungsstätten praktiziert wurde. Unsere Idee, die Werke dieser Periode aus den Folkwang-Sammlungen Grafik, Plakat und Fotografie gleichzeitig zu präsentieren, folgt diesem disziplinübergreifenden Ansatz.“ So erklärt Ute Eskilden, Leiterin der Fotografischen Sammlung am Museum Folkwang, in ihrem Katalog-Beitrag die Idee zu dem bemerkenswerten Ausstellungsprojekt. Es trägt den Titel: „‘Unsere Zeit hat ein neues Formgefühl‘. Fotografie, Grafik und Plakat der zwanziger Jahre“.

Die Kooperation hat sich gelohnt, denn mit rund 300 Objekten wird in der Ausstellung ein vielschichtiges Panorama der Zeit entworfen. Arbeiten von renommierten Künstlern, wie Max Burchartz, Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner, El Lissitzky, László Moholy-Nagy oder Man Ray werden unter anderem dabei präsentiert. Im Bereich der Plakatsammlung stechen vor allem die von der „Neuen Typographie“ beeinflussten Arbeiten von Jan Tschichold hervor. Nicht weniger als elf Filmplakate für den Münchner Phoebus-Palast sind dabei zu sehen.

Der Leiter des Plakatmuseums, René Grohnert, vermerkt in seinem Katalogbeitrag: „In der Entwicklung des Plakats der zwanziger Jahre lassen sich im Wesentlichen drei Strömungen ausmachen: Das expressive Plakat übernahm wesentliche Merkmale des Expressionismus, übersetzte sie aber für das Medium Plakat, wobei ein abruptes Ende des expressiven Plakats am Anfang der zwanziger Jahre festzustellen ist. Das dekorative Plakat setzte Tendenzen fort, die immer ein fester Bestandteil der Plakatgestaltung waren und noch sind. Die Besonderheit liegt in der Eigenständigkeit und einer Positionierung zwischen Jugendstil und Art déco. Das sachliche Plakat schließlich umfasst den nachhaltig wirkenden Teil der Strömungen zwischen Bauhaus, Neuer Typografie und Neuer Sachlichkeit.“

Jede Sammlung hat ein eigenes Heft zur Ausstellung herausgebracht und gemeinsam ergeben die Publikationen einen hervorragenden Katalog zur Kunst der 1920er Jahre.

In der Zwischenkriegszeit erreichten gerade in Deutschland und Österreich Kunst und Philosophie bemerkenswerte Höhepunkte. Der Pazifismus war ein die Gesellschaft in weiten Teilen bestimmendes Prinzip. Wie es gerade in dieser von kritischem Humanismus geprägten Epoche möglich war, die Grundlagen für den menschenverachtenden Terror des Nationalsozialismus zu schaffen, ist schwer nachvollziehbar und sollte weiterhin Gegenstand intensiver Auseinandersetzung sein. Die Ausstellung im Museum Folkwang in Essen bietet einen substantiellen Beitrag dazu.

Weitere Hinweise:
DerWesten – Fotos, Grafiken, Plakate