Filmplakate aus der Wienbibliothek

Eines begeistert gleich zu Beginn: Wie die Buchmacher rund um Gerhard Bauer es geschafft haben, die laute Attraktivität der großen Plakate viel stiller haben werden lassen und bibliophil in das doch viel kleinere Buch hinüberretteten. Das ist eine ganz große Leistung. Da wird mit den Dimensionen gespielt, werden Details aus den Plakaten im Buch – Doppelseiten füllend – herausgehoben und so zum visuellen Genuss. Dann ist da noch etwas, das sehr viel schwerer in Worte zu fassen ist. Ein Gefühl. Das in einem Sekundenbruchteil entsteht und die ganzen eineinhalb Stunden des Films von damals wiederbringt. Wobei das eigenartigerweise mit der grafischen Qualität des Plakates gar nichts zu tun hat. Es springt einfach ein Bild über, welches irgendwo im Gehirn etwas auslöst. Eric Kandel, der österreichstämmige Nobelpreisträger, hat soeben das äußerst interessante Buch „Das Zeitalter der Erkenntnis“ herausgebracht, und darin schreibt er, wie schöne optische Eindrücke im Gehirn verarbeitet werden: „Was wir mit unserem geistigen Auge sehen, geht weit über das hinaus, was auf die Netzhaut unseres eigentlichen Auges geworfen wird.“

Zu den Wiener Filmplakaten: Die Plakatsammlung der Wienbibliothek enthält 12000 Plakate, die „einen visuellen wie textlichen Bogen über das gesamte 20. Jahrhundert, über mehr als 100 Jahre Kino- und Filmgeschichte und damit auch Wiener Stadtgeschichte spannen“, schreibt Sylvia Mattl-Wurm im Vorwort. An und für sich hätte man ja die sehr erfolgreiche Plakatbuchreiche der Wienbibliothek mit den 1980er Jahren fortsetzen können, aber es traf sich, dass das Filmfestival Viennale heuer sein 50jähriges Bestehen feiert, und so entschloss man sich, ein Buch über die Filmplakate zu machen, in dem abschließend Thomas Mießgang auch einen Essay über „Die Plakate der Viennale im Wandel der Zeiten und grafischen Moden“ verfasste.

Zurück an den Anfang des Buches, in dem Julia König über die Sammlung im Allgemeinen und die Textautoren des Buches im Besonderen schreibt. Und schon wieder kommt nostalgisches Gefühl auf, gleich im ersten Beitrag mit dem Titel: „Rasender Stillstand. Das Filmplakat im öffentlichen Raum“, und zwar durch die illustrierenden Fotos – wahrscheinlich aber nur bei Betrachtern ab einem gewissen Alter: Auf einem Bild der Wiener Neubaugasse aus dem Jahr 1934 sind es gar nicht einmal die Filmplakate, die das hervorrufen, sondern der „13er“, damals noch eine Straßenbahn, die links fuhr. Und wenn man will, kann man auch aus dem Text, in dem es um die „Eckensteher“ – die sich vor dem Kino zusammenrottenden Jugendlichen – geht, welche James Dean, Marlon Brando oder Gary Cooper nachahmten, so etwas wie Nostalgie, Erinnerung an Jugendzeiten, herauslesen. Wehmut vergeht schnell, wenn es da im kühlen Soziologen-Deutsch heißt: „Das Filmplakat hatte über fünf Jahrzehnte das Seine dazu beigetragen, die habituellen Kulturpessimisten zu ungeahnten Invektiven gegen die siebente Kunst zu treiben.“

„Film ist eine Welt im Verborgenen, an einen dunklen Raum gebunden“ beginnt Roland Fischer-Briand seinen Beitrag „Vom Magnetismus der Leinwand. Wiener Filmplakate 1906-1943“. Er setzt fort: „Das Filmplakat verfolgt das Ziel, die Öffentlichkeit zu erreichen. Vorlust (eine tolle Wortschöpfung, Anm.d.Verf.) soll entstehen“. Und weil die Anfänge des Kinos mit einer ersten künstlerischen Hochblüte des Straßenplakates zusammenfielen, gehören die frühesten Werke – für den heutigen Betrachter – wahrscheinlich zu den schönsten. Man ging ja bei der Gestaltung des Buches immer so vor, dass die im Text zitierten Plakate, den zuerst klein – sozusagen als Vignette – illustrieren, dann aber im Anhang zum jeweiligen Kapitel in seitenfüllender Größe zu sehen sind.

Es folgen die 50er Jahre, eine Zeit, in der die beiden großen Besatzungsmächte den Film ganz stark als kulturpolitisches Mittel der Umerziehung benutzten, und weil die amerikanischen Produkte ohnehin bekannt sind, schrieb Sabine Fuchs über „Osteuropäische und sozialistische Filme im Wien der 1950er Jahre“. Auch unter den zu diesem Kapitel gehörenden Plakaten findet man wieder welche, die unseren heutigen Geschmack besonders treffen.

Julia König betitelt ihre Geschichte des Mediums Filmplakat „Kommen Sie! Kommen Sie! Schauen Sie sich das an!“. Weil dieses Thema hierorts schon öfter angesprochen worden ist, nur noch ein Zitat vom Meryl Streep: „Man soll die Zuschauer nicht belehren, sondern berühren.“

Auf den Filmplakaten ab 1975 wüteten einerseits die Blockbuster grell und aufmerksamkeitsheischend, andrerseits gingen Autorenfilme ganz andere, stillere Wege. Alle aber sind sie: “Visuelle Ikonen einer historischen Periode, deren Ende noch nicht abzusehen ist“, wie Walther Merk schon ein wenig desillusionierend zum Schluss feststellt.

Umso lieber hält man sich an die Bilder dieses Buches.

König, Julia (Hrsg.): Filmplakate, Plakate aus der Sammlung der Wienbibliothek, Wien 2012.