Paris: Bernard Villemot

Die „Bibliothèque Forney“ in Paris besitzt eine außerordentliche Sammlung von Literatur zur angewandten Kunst und auch viel praktisches Anschauungsmaterial zum Thema, so etwa Werbebroschüren, Tapeten, Stoffmuster und Plakate. Allen Interessierten steht nicht nur die Bibliothek selbst offen, sondern die kommunal verwaltete Einrichtung gestaltet immer wieder auch Ausstellungen zum Thema Grafikdesign. In einem umfangreichen Zyklus wurden in den letzten Jahren wichtige französische Plakatgestalter wie Pierre-Laurent Brenot, Jean Colin und Raymond Savignac in Ausstellungen und solid erarbeiteten Katalogen präsentiert. Derzeit ist in dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Gebäude eine bemerkenswerte Schau zum Werk von Bernard Villemot (1911 – 1989) zu sehen. Seine Arbeiten stehen für jene seltsame, konsumgläubige Heiterkeit der 1960er Jahre, wie sie etwa auch Savignac verbreitete. Die französische Gebrauchsgrafik war damals noch international stilprägend und fand mit dieser Darstellungsform auch in Deutschland und Österreich zahlreiche Nachahmer. Die Leiden von Krieg und Nachkriegszeit schienen vergessen zu sein, oder man wollte sie vergessen machen, und die Verteilungskämpfe des neuen Wirtschaftswunders entfalteten sich erst am Ende des Jahrzehnts, als sie in den Studentenrevolten des Jahres 1968 ihren Höhepunkt fanden.

Die scheinbar unbeschwerte Heiterkeit mancher Grafiker der Nachkriegszeit erscheint insofern seltsam, als einige dieser Entwerfer zwei Jahrzehnte zuvor brutalen diktatorischen Systemen gedient hatten. So auch Bernard Villemot, der für die Propaganda des berüchtigten Vichy-Regimes und dessen Staatschef Philippe Pétain arbeitete. Es ist ein Verdienst der Ausstellung, diesen biografischen und – damit verbunden – stilistischen Weg des Grafikers offen nachzuzeichnen. Villemot hat im Jahr 1943 den Wahlspruch von Pétain, nämlich „Travail, Famille, Patrie“ (Arbeit, Familie, Vaterland) in einer Serie von Plakaten, die heute noch bisweilen in Frankreichs politischen Debatten eine Rolle spielen, umgesetzt. Nach dem Krieg arbeitete Villemot für das Rote Kreuz, bald auch für die Air France. Dann folgten Arbeiten für Firmen wie Bally, Perrier, Gitanes oder Bergasol. Für den Softdrink Orangina betreute Villemot über dreißig Jahre lang das grafische Werbekonzept. Bernard Villemot gilt als einer der letzten großen französischen Plakatgestalter.

Devynck, Thierry: Villemot. Peintre en affiches, Paris 2012.

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