Ikone Karl Marx

John Mayall: Fotografie von Karl Marx aus dem Jahr 1875

Marx – auf ein weiteres. Vor einigen Jahren (1995) setzte Jacques Derrida mit „Marx´ Gespenster“ eine kleine Zäsur. Seine am Philosophen, Gesellschaftstheoretiker und Revolutionär aus Trier entfaltete „Hantologie“ richtete sich gegen die Apologeten des Neokapitalismus, die immer noch (oder schon wieder) den Nihilismus des freien Marktes als Rettung vor einer ihnen unheimlichen Präsenz des gesellschaftlichen Gemeinwesens feierten, wie gegen die Monumentalisierung von Marx´ Denken in den diversen Spielarten der sich auf ihn berufenden Parteiungen. Diesmal handelt es sich um etwas scheinbar ganz anderes, nämlich um die „Ikone Karl Marx“, genauer um gleichnamige Ausstellung und Buch im Stadtmuseum Trier. Dennoch kann Derridas Konzept des Gespenstes als Spur auch durch die wechselhafte Bildgeschichte des Begründers der Internationalen dienen.

158 Katalognummern unterrichten über das weite Feld der Marx-Darstellung, die im Stadtmuseum Trier zu sehen sind. Sie erfassen Fotografie und Denkmal, Stickerei und Postkarte, Gemälde und Porzellankrug, Zeichnung und Massenornament. Die Objekte erstrecken sich zeitlich von 1836 bis 2009 und bieten alle Möglichkeiten der Repräsentation zwischen klassizistischem Pathos und postmoderner Parodie auf. Die überwältigende Mannigfaltigkeit der Stile, Materialien und Botschaften ruft selbstverständlich nach einem ordnenden Prinzip, oder, in den Begriffen der Hantologie, nach einer Beschwörung. Beschworen wird in den Essays des Katalogs ein denkwürdiger Stiftungsakt: Marx´ Sitzung beim Londoner Fotografen John Mayall im Jahre 1875. In der Filmsprache würde man dabei von einer „amerikanischen“ Einstellung sprechen – Marx sitzend, Fokus auf Haupt und Brust, die rechte Hand napoleonisch unter den Rock geschoben, die Beine angeschnitten. In verschiedenen Versionen ging diese Fotografie um die Welt als Friedrich Engels sie nach Marxens Tod in mehr als 1200 Abzügen an Zeitungen und einflussreiche Freunde versandte. Diese Fotografie wurde, wie es im Beitrag von Beatrix Bouvier heißt, zur „Ikone Marx“, an der sich mehr oder weniger die Mehrzahl der ausgestellten Artefakte erprobt, gleichwohl ob als Devotionalie, wie im Falle eines naiven „proletarischen Haussegens“, oder als selbstreflexives Kunstwerk eines Jonathan Meese.

Mit „Ikone“ wird im vorliegenden Buch vor allem die physiognomische Prägnanz und Wiedererkennbarkeit einerseits, die Konventionalisierung von Marx´ Porträt als Symbol sozialistisch-kommunistischer Bestrebungen – das kollektive Bildgedächtnis – andrerseits angesprochen. Marx teilt(e) damit die Konjunkturen der Bewegungen und Theorien, die sich auf ihn beriefen. Das scheint, wie die weiteren Essays des Buches einsichtig machen, das besondere Schicksal seines Porträts auszumachen. Es ist unterdeterminiert, trotz der Pose des Feldherrn, die Marx 1875 für sich wählte. Werbestrategen konnten das Gedächtnisbild deshalb auch mit wenigen kontextuellen Elementen in sein Gegenteil wenden und als Zeichen eines Anachronismus der scheinbar vorwärtsdrängenden „marxistischen“ und „neo-marxistischen“ Strömungen einsetzen. Stalinisten verwandelten es in das Kultbild das ihrem Unfehlbarkeitsdogma und ihrer metahistorischen Geschichtsteleologie entsprach. Marx – ein Zombie, Untoter, Wiedergänger. Die OrganisatorInnen und AutorInnen von Ausstellung und Buch enthalten sich klugerweise der Qualifizierung von Kunst und Kitsch und beschränken sich auf die Registrierung der divergenten Einschreibungen, die das Porträt Marx´ erfahren hat. Das ist der Auseinandersetzung mit der Spukgestalt, in die der Begründer des „wissenschaftlichen Sozialismus“ verwandelt worden ist, angemessen. (Seine im „Kommunistischen Manifest“ aufscheinende Ironisierung der „proletarische Revolution“ als „Gespenst“, sobald sie als Institution und nicht als kontingentes Ereignis gedacht wurde, hat ihn davor nicht bewahrt.) Trotzdem wünschte man sich, gleichsam als Appendix, die HerausgeberInnen hätten das Marx-Porträt von 1875 noch in eine Serie von Bildern anderer prominenter Zeitgenossen gestellt, etwa gemeinsam mit jenem Vittorio Emanuele II., um uns an das Punktum in der Londoner Mayall-Fotografie heranzuführen; oder, gegebenenfalls, um schlüssig zu machen, dass das Barthes´sche Punktum nur im Nahbereich der Betrachter gilt.

Dühr, Elisabeth (Hrsg.): Ikone Karl Marx. Kultbilder und Bilderkult. Katalog zur Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift Trier 17. März 2013 – 18. Oktober 2013, Regensburg 2013.