Wien: Kokoschkas Ich im Brennpunkt

Wenzel Weis, Oskar Kokoschka, 1909, © ÖNB / Wien

„Was das ‚Ich‘ angeht, war Kokoschka ein begnadeter Selbstdarsteller. Im Lauf seines langen Lebens hat er eine Vielzahl von Rollen eingenommen. Diese Kunst verstand er von Beginn bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, von seinen Anfängen als ‚Oberwildling‘ und Shootingstar der Wiener Kunstszene um 1900 bis ins hohe Alter. Er war einer, der das Ich inszenierte und die Mise en Scène kultivierte. Dabei konnte er Märtyrer und Parsifal sein, vereinte Widersprüchliches und blieb stets lebendig, war Tristan und streitbarer Prophet, Gemarterter, säkularisierter Schmerzensmann und Weltenretter gleichermaßen.“

Diese treffende Analyse der Persönlichkeit Oskar Kokoschkas (1886–1980) stammt von Tobias G. Natter, der gemeinsam mit Franz Smola, Bernadette Reinhold und Patrick Werkner für die Konzeption der Ausstellung „Kokoschka – Das Ich im Brennpunkt“ im Wiener Leopold Museum verantwortlich zeichnet. Die sehenswerte Präsentation zeigt das Beste aus der umfangreichen Fotodokumentation des „Oskar Kokoschka-Zentrums der Universität für angewandte Kunst Wien“ im Spannungsverhältnis mit Originalwerken des renommierten Malers und Grafikers.

Der Maler und sein Modell II, 1923, © Saint Louis Art Museum, Bequest of Morton D. May 910: 1983 © Fondation Oskar Kokoschka / VBK

Natters Befund kulminiert gleichsam in dem Gemälde „Der Maler und sein Modell II“, auf dem sich Kokoschka als Maler darstellt, der auf der Staffelei jenes Selbstbildnis in Arbeit hat, das die Vorlage für zwei Plakate von Kokoschka war: Zum einen für eine Werbung für die expressionistische Zeitschrift „Der Sturm“, zum anderen für die Ankündigung eines Vortrags, den Kokoschka im Jänner 1912 für den Wiener „Akademischen Verband für Literatur und Musik“ hielt. Der Künstler präsentierte sich darauf als „Schmerzensmann“, der auf eine offene Wunde deutet – als ein symbolischer Hinweis auf jene Kränkungen und psychischen Verletzungen, die dem Künstler durch die Ignoranz und mehr noch durch die Aggression eines unverständigen Publikums zugefügt worden waren.

In seinen Memoiren schrieb Oskar Kokoschka dazu: „Damals zeichnete ich für eine neue Nummer des ‚Sturm‘ ein Plakat, ein Selbstbildnis vor rotem Hintergrund, das ich am 26. Januar 1912 für meinen Vortrag ‚Das Bewußtsein der Geschichte‘ in einer Veranstaltung des Akademischen Verbandes für Literatur und Musik in Wien abermals mit anderem Aufdruck benützt habe. Das Plakat zeigt mich mit kahlgeschorenem Schädel wie einen Sträfling und mit dem Finger auf eine Wunde meiner Brust deutend; es war als Vorwurf an die Wiener gerichtet; doch einige Jahre später im Krieg hat mir ein russisches Bajonett richtig an dieser Stelle die Lunge durchstochen.“

Das Gemälde „Maler und Modell II“ begann Kokoschka höchstwahrscheinlich noch in Dresden, wo er Professor an der Akademie war, und er beendete die Arbeit im Oktober 1923 in Wien. Die Frau im Hintergrund zeigt die russische Sängerin Anna Kallin (1896–1984), die damalige Freundin des Künstlers. Erstmals präsentiert wurde das Bild im September 1924 im Rahmen der „Internationalen Kunstausstellung“ in der Wiener Secession. Doch die Häme der Wiener ging auch angesichts dieses Werkes weiter. Der Chefredakteur der „Modernen Welt“, Ludwig Hirschfeld, veröffentlichte in seinem Magazin (1924/Heft1) umgehend ein Spottgedicht auf das Bild unter dem sprachlich eher einfach gestrickten Motto „O Kokoschka! O Kokoschka! Ja, sag mir nur, was malst Du da?“

Die Ausstellung „Kokoschka – Das Ich im Brennpunkt“ im Leopold Museum eröffnet noch viele andere überaus spannende Bezugsfelder zum Werk und zur Person des bedeutenden Malers. Die Schau zeigt nicht zuletzt, dass Oskar Kokoschka nicht nur ein genialer Künstler, sondern auch ein begabter und stilbewusster Vermarkter der Marke „Ich“ war.

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