Wien im Ersten Weltkrieg

Seit der beachtlichen Hausse, die das Ausstellungswesen seit den späten 1950er Jahren in Österreich erlebt hat und erlebt, sichern Ausstellungskataloge die Nachhaltigkeit dieser ephemeren kulturellen Initiativen. Dabei kann als Faustregel gelten, dass der Umfang von Katalogen im Regelfall ein Äquivalent zur präsentierten Exposition bildet, somit umso umfangreicher ist, je größer die dargebotene Schau ist. Im Fall des vorliegenden Bandes liegt nun ein wirklich spezieller Fall vor: Wiewohl nicht als „Katalog“ bezeichnet, verdankt er sein Entstehen nicht zuletzt den Ausstellungsaktivitäten der Wienbibliothek im Rathaus, die in ihren Räumlichkeiten seit November 2013 das Thema „Wohin der Krieg führt. Wien im Ersten Weltkrieg 1914 – 1918“ in einer Exposition abhandelt. Der Band – schon wegen seiner wirklich eindrucksvollen Ausgestaltung ein katalogartiges Kaleidoskop unterschiedlichster Annäherungen an das bislang viel zu wenig eingehend behandelte Thema „Wien im Ersten Weltkrieg“ – ist freilich zugleich viel mehr als ein „bloßer“ Ausstellungskatalog. Die in der genannten Exposition dargebotenen Sammlungsbestände der Wienbibliothek bilden im Kontext der Publikation nämlich nur einen unter vielen quellenmäßigen Schwerpunkten. Die herangezogene und ausgewertete Überlieferung spannt vielmehr den großen Bogen über Archivbestände, darunter etwa solche des Wiener Stadt- und Landesarchivs und des Österreichischen Staatsarchivs, bis hin zu den Sammlungen des Wien Museums.

Eine überaus geglückte und höchst anerkennenswerte Kooperation bildet das Fundament der beinahe 700 Seiten umfassenden, schwergewichtigen Publikation, entstammt sie doch dem Zusammenwirken des Wiener Stadt- und Landesarchivs, der Wienbibliothek im Rathaus und des Vereins für Geschichte der Stadt Wien. Die beiden fachlich bestens ausgewiesenen und renommierten Herausgeber gehören den beiden Abteilungen der Wiener Stadtverwaltung an. Unter ihrer Führung und ihrem persönlichen Mitwirken legt ein Team von 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – allesamt bestens ausgewiesene Fachleute – eine höchst eindrucksvolle und kaum einen thematischen Zugang vermissen lassende Kollektion von nicht weniger als 59 Beiträgen sowie eine Chronik der Jahre 1914–1918 vor. Die thematischen Schwerpunkte des Bandes sind in insgesamt elf größeren Kapiteln präzise zusammengefasst. Der Bogen spannt sich (1) von Annäherungen an die politischen Hintergründe, verbunden mit einer historiografiegeschichtlichen Einleitung und einer Darstellung der beiden bedeutenden politischen Lager, über (2) eine Sammlung von insgesamt acht Beiträgen zu demografischen, frauengeschichtlichen und sozialen Fragen, (3) Untersuchungen zu den grundlegenden Bereichen der Lebensmittel- und Energieversorgung, (4) Studien zur städtischen Wirtschaft, (5) Darstellungen wichtiger staatlicher Behörden sowie der städtischen Verwaltung bis (6) hin zu den in vieler Hinsicht nach Wien direkt hineinwirkenden Kriegsfolgen für das Spitalswesen sowie dem Komplex von Hygiene und Wohlfahrt. Darauf folgen vier stark vom kulturgeschichtlichen Blickpunkt bestimmte Themenkomplexe, nämlich: (7) acht Beiträge zur Situation von Kultur, Kunst und Wissenschaft im Wien der Kriegsjahre, die nicht nur die klassischen Felder von Theater, Musik und Universität behandeln, sondern auch den Sport in den Blick nehmen und mit einer Geschichte des Tiergartens Schönbrunn in diesem Jahrfünft das Beispiel einer sonst kaum in diesem Kontext beachteten Institution des Wiener Kulturlebens in den Mittelpunkt rücken, (8) mit einer Darstellung des Wiener Schulwesens sowie des Phänomens von Kriegsspielen die Ausleuchtung der „Militarisierung der Jugend“, (9) vier Studien zu „Stadtraum und Wohnen“, womit in gewisser Weise auch dem „spatial turn“ der Geisteswissenschaften gehuldigt wird und (10) insgesamt acht Beiträge zu „Medien und Propaganda“, darunter zur Bedeutung der fotografischen Überlieferung, derjenigen von Plakaten, von der Propaganda dienenden Ausstellungsprojekten während des Krieges oder zum Kino in dieser Epoche. Der elfte größere Abschnitt schließlich ist chronologisch definiert und stellt sinnrichtig das Ende der Kriegsjahre mit Hungerstreiks, Revolutionen, einer Skizze zu Arbeiterbewegung und Krieg und schließlich den Übergang in die Nachkriegszeit ins Zentrum. Beschlossen wird die Veröffentlichung durch die bereits genannte Chronik, die mit der durchgehenden Gestaltung im Präsens den von ihr vermittelten Eindruck des Geschehens ganz besonders unmittelbar fühlen lässt.

Auf die Beiträge hier tiefer einzugehen würde in jedem Fall den Umfang einer Rezension sprengen, und ein exemplarisches Herausgreifen würde andererseits der durchwegs gegebenen hohen Qualität nicht die gebührende Anerkennung zukommen lassen. Schwer fällt es, das zu tun, was Rezensionen eigentlich machen sollten, nämlich Kritik zu üben. Wenn überhaupt, sind es eher Kleinigkeiten, wie die Verwendung eines abgehobenen Begriffs wie „vestimentär“ (S. 471: dort irrig „verstimentär“!) für „etwas mit der Kleidung ausdrücken“ oder das bei den Übersetzungen der Beiträge von Maureen Healy in manchem etwas über das Ziel schießende Gendern der Texte. Wenig glücklich erscheint die grafische Lösung, längere Originalzitate in hellgrauer (und damit wirklich schlecht lesbarer) Schrift zu präsentieren, und natürlich hätte man sich (trotz eines damit verbundenen höheren Preises) für die „mächtige“ Veröffentlichung statt einer Broschierung eine Bindung mit Hardcover gewünscht.

Der Band ist – das ist ohne weitere Hinweise auf Details hier bloß zu konstatieren – ganz außerordentlich reichhaltig und vielfältig illustriert, womit ihm auch das Verdienst zukommt, die Fülle der vorhandenen Überlieferungen stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, als dies bislang der Fall war. Mit Fug und Recht könnte man den Einleitungssatz eines der Beiträge: „Auch wenn es unglaublich erscheint …“ auf ihn anwenden, stand Wien doch bislang viel zu wenig im Mittelpunkt historischer Studien zur Epoche des Ersten Weltkriegs. Mit seinem überaus breit gespannten Inhalt füllt der Band eine schmerzlich empfundene Forschungslücke aus. Bisher wurde Wien in seiner Rolle und hinsichtlich seines Stellenwerts während dieser Zeitenwende zwar häufig gleichsam „mitgedacht“, doch wurde es sehr viel eher als Bühne, ja vielleicht sogar Staffage für diese schrecklichen Jahre reflektiert. Dies wird mit der vorliegenden Publikation ganz grundlegend und äußerst geglückt geändert: Die Reichshaupt- und Residenzstadt wird nicht nur ins „Epizentrum“ des Geschehens gerückt, sondern zugleich als dessen Fokus gewürdigt und erkannt.

Pfoser, Alfred – Andreas Weigl (Hrsg.): Im Epizentrum des Zusammenbruchs. Wien im Ersten Weltkrieg, Wien 2013.