Prag: Hundert Jahre politische Plakate

Das „DOX Centre for Contemporary Art“ in Prag (Foto © DOX)

Im Oktober 2008 wurde im Prager Stadtteil Holešovice das „DOX Centre for Contemporary Art“ eröffnet. Die Initiative dazu kam von Leoš Válka, einem Projektentwickler im Immobilienbereich, der, wie er in einem Interview mit der „Prager Zeitung“ (2.10.2013) sagte, in dem ehemaligen Arbeiterbezirk nordöstlich der Prager Altstadt eigentlich nach einer „romantischen Industrieanlage“ suchte, „um dort Lofts nach angelsächsischem Vorbild zu bauen“: „Gefunden habe ich das hier. Ein Objekt, das so schön ist und wie vorbestimmt für eine Galerie. Ich habe vom Fleck weg das Konzept geändert.“

Das neue Konzept Válkas war die Umsetzung einer von ihm seit längerem gehegten Idee: Nämlich die Errichtung eines Kulturzentrums, das sich als Plattform für zeitgenössische Kunst und auch als genreübergreifendes gesellschaftliches Dialogforum versteht – eine Rolle, so Leoš Válka, „die man eigentlich von staatlichen Institutionen erwarten sollte“, die aber im postkommunistischen Prag unbesetzt geblieben war. Válka, der das „DOX Centre for Contemporary Art“ als Direktor leitet, konnte Projektpartner und Investoren gewinnen, mit deren Unterstützung die ehemalige Maschinenfabrik an der Poupětova Straße in einen modernen Kulturbau (Architekt Ivan Kroupa) umgewandelt wurde, der unter anderem 2009 für den Mies van der Rohe-Architekturpreis nominiert war.

In den rund fünfeinhalb Jahren seines Bestehens hat das privat und ohne jede öffentliche Unterstützung geführte DOX über 100 Ausstellungen gezeigt und sich zu einer „der wichtigsten Kunstadressen Tschechiens“ (Prager Zeitung) entwickelt. Das inhaltliche Spektrum der Präsentationen ist breit gefächert und umfasst Malerei und Fotografie ebenso wie Arbeiten aus dem Bereich der Glaskunst, Skulpturen, Installationen und vieles mehr. Im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung des DOX stehen Plakate. Unter dem Titel „Das Plakat im Kampf der Ideologien 1914 – 2014“ wird am Beispiel von mehreren hundert Exponaten die Rolle des Plakates als Propagandamedium thematisiert. Die Schau ist in zehn chronologische Abschnitte gegliedert und beginnt mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Damals, so meint Ausstellungskurator Jaroslav Anděl, traten erstmals jene Elemente deutlich hervor, die das Plakat zu einem Werkzeug politischer Propaganda machten: die Dämonisierung des Feindes und die Agitation für die jeweils eigenen Kriegsziele, die in verschiedenster Form – so etwa durch den Kauf von Kriegsanleihen, durch Materialsammlungen oder durch Spendenaktionen für Soldaten und deren Familien – unterstützt werden sollten. Ein Beispiel dafür ist das in der Ausstellung gezeigte Kriegsanleihe-Plakat des österreichischen Grafikers Heinrich Lefler.

Nach den Plakaten aus dem Ersten Weltkrieg und Affichen zu den Themenbereichen „Revolutionen und Kriegskommunismus (1917 – 1923)“ und „Die Gesellschaft der Zwischenkriegszeit“ folgt als nächster chronologisch-thematischer Ausstellungsabschnitt „Der Aufstieg der totalitären Systeme“, zu dem Jaroslav Anděl vermerkt: „Der Vergleich von nationalsozialistischer und stalinistischer Propaganda zeigt, dass diese beiden totalitären Regimes trotz aller ideologischen Unterschiede in ihrer Propaganda ähnliche Elemente und Verfahrensweisen angewandt haben. Diese Ähnlichkeiten resultieren aus den generellen Charakteristika des Totalitarismus, wie etwa Führerkult, Unterordnung des Staates unter die Diktatur der Partei, Entmenschlichung des Feindes und Polizeiterror.“

Im Mittelpunkt der weiteren Abschnitte der sehr umfangreichen Plakatausstellung des „DOX Centre for Contemporary Art“ stehen „Der Zweite Weltkrieg“, „Befreiung und Kalter Krieg“, „Der Zusammenbruch des Kommunismus“, „Transformation und Globalisierung“ und „Der Kampf gegen den Terror“. Den Abschluss bildet der Themenbereich „Krisen und Proteste (2008 – 2014)“, der die Entstehung einer neuen kritischen Öffentlichkeit als Reaktion auf die ökonomischen und sozialen Krisen der vergangenen Jahre reflektiert und aufzeigt, wie das Plakat, begleitend zu Internet und anderen Medien, einen neuen Stellenwert als Protestmedium erhalten hat.

Weitere Hinweise:
DOX Centre for Contemporary Art
Interview mit Leoš Válka in der „Prager Zeitung“