„An Meine Völker!“

Die Ausstellung im Prunksaal der Nationalbibliothek (Fotos: B. Denscher)

Die Österreichische Nationalbibliothek besitzt eine der umfangreichsten Sammlungen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges. Wie viele andere europäische Bibliotheken, Museen und Archive begann man in der damaligen Hofbibliothek bereits in den ersten Kriegstagen damit, alle erreichbaren Dokumente zum Zeitgeschehen zu sammeln. Nun wurden über 75.000 Objekte aus dieser Kollektion, darunter 6.500 Plakate, 230 Kinder- und Jugendzeichnungen, 37.000 Fotografien der „Kriegspressequartier-Alben“, 200 Soldatenlieder und 1.100 Flugblätter digitalisiert und werden im Rahmen des Projektes „Europeana 1914-1918“ ab April 2014 im Internet zur Verfügung stehen.

Eine Ausstellung mit einer Auswahl aus der umfassenden Sammlung ist bis Anfang November 2014 unter dem Titel „An Meine Völker! Der Erste Weltkrieg 1914 – 1918“ im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek zu sehen. Kuratiert wurde die Schau vom Historiker und langjährigen Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums Univ.-Prof. Dr. Manfried Rauchensteiner. Mit den vornehmlich aus dem Printbereich stammenden Exponaten wurde hier ein bedrückendes Zeitbild entworfen, bei dem die Plakate ein optisches Grundelement bilden: „Plakate, Flugblätter, Bildzeitungen und Schriftstücke der unterschiedlichsten Art, die vor einhundert Jahren massenhaft Verbreitung fanden“, so der Kurator in seinem Katalogbeitrag, „sind heute einsame Zeugnisse einer vergangenen Zeit. Sie stehen mit Ereignissen, Personen, Stimmungslagen und dem im Zusammenhang, das Kriegsalltag war, sehr häufig einen propagandistischen Zweck verfolgte und vom Kriegspressequartier in Umlauf gebracht worden ist, zumindest aber vom Kriegsüberwachungsamt und seinen Zensurstellen überprüft wurde.“

ÖNBB

Der Bedeutung des Mediums entsprechend sind in dem lesenswerten Begleitbuch zur Ausstellung viele Plakate abgebildet und auch zwei bemerkenswerte Beiträge zum Thema Plakat zu finden: Christian Maryška hat für seinen Beitrag über die „Plakate in der Kriegssammlung der k.k. Hofbibliothek“ nicht nur die Kollektion selbst, sondern auch den diesbezüglichen Schriftverkehr aus dem Archiv der Nationalbibliothek durchgearbeitet und damit ein Stück Grundlagenforschung zu der Publikation beigetragen. Ausführlich wird dabei auch auf die Kontakte der Hofbibliothek zu den bedeutenden Sammlern Hans Sachs und Ottokar Mascha eingegangen. Bemerkenswert ist der reproduzierte handschriftliche Brief des damaligen Direktors der Länderbank, Hugo Breitner, mit dem er ein Plakat für die vierte Kriegsanleihe an die Bibliothek übermittelte. Breitner wurde nach dem Krieg Finanzstadtrat der Stadt Wien und hat dann dort 1923 die Anregung zum Archivieren von Plakaten gegeben und damit den Anstoß für die heute so umfassende Sammlung der nunmehrigen Wienbibliothek gegeben.

Den 1.135 ungarischen Kundmachungen in der Kriegssammlung der Nationalbibliothek hat Zsuzsanna Brunner ihren interessanten Beitrag „Hirdetmény“ (= Kundmachung) gewidmet. „Inhaltlich können wir die Kundmachungen in zwei große Gruppen teilen“, so die Autorin, „wobei es Überlappungen gibt. Die einen befassen sich unmittelbar mit dem Kriegsgeschehen, dem Militär oder einzelnen Soldaten, die anderen haben indirekt mit dem Krieg zu tun und beschäftigen sich mit der Kriegswirtschaft oder der Zivilbevölkerung.“ Gerade jene Maueranschläge, die das Alltagsleben der Zeit widerspiegeln, sind von einem großen sozialhistorischen und mentalitätsgeschichtlichen Wert. Und gerade auch so manche Kuriosität sagt einiges über die Stimmung in der damaligen Zeit aus. So heißt es unter anderem in der plakatierten Marktordnung der ungarischen Stadt Gyöngyös: „Es wird den Marktfrauen untersagt sich der Kundschaft gegenüber grob zu benehmen, sie zu beschimpfen.“