Budapest: Mutige Plakate

Foto: René Grohnert

„Mutiger als Malerei. Moderne kommerzielle Plakate in Ungarn 1924 – 1942“ lautet der Titel einer Ausstellung, die am 24. April 2014 im Budapester Museum für angewandte Kunst eröffnet wurde. Als Eröffnungsredner wurde der Leiter des Deutschen Plakat Museums, René Grohnert, eingeladen. Herr Grohnert hat den Text seiner Ansprache der Redaktion von AUSTRIAN POSTERS dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

Zunächst mag die Frage im Raum stehen, was hat der Leiter des Deutschen Plakat Museums mit dem ungarischen Plakat zu tun? Darauf kann man mindestens zwei Antworten geben: zum einen gibt es Momente in der ungarischen Plakatgeschichte, die auch für das deutsche Plakat wichtige Impulse zu geben vermochten, ebenso war es auch umgekehrt der Fall – dazu jedoch später. Zum anderen gibt es aber auch eine private und langjährige Verbindung von mir zum ungarischen Plakat.

Als ich Mitte der 1980er Jahre im damaligen Museum für Deutsche Geschichte in Berlin die Plakatsammlung übernahm, da stieß ich beim Bearbeiten der Sammlung auch auf eine größere Anzahl ungarischer Plakate. Fasziniert haben mich zunächst die kraftvollen politischen Plakate von Mihály Biró. Bei der Übersetzung der Inhalte war dann das Ungarische Kulturzentrum in Berlin behilflich, woraus sich eine Zusammenarbeit entwickelte, die dazu führte, sowohl eine Ausstellung im Berliner Kulturzentrum zu zeigen, als auch später in Budapest eine Ausstellung mit Leihgaben zu unterstützen.

Während der Beschäftigung mit diesen Plakaten wurde klar, dass es sich hier um die ersten politischen Plakate im modernen Sinne überhaupt handelte. Das bestehende Verbot, politische Plakate in Ungarn öffentlich anzubringen, konnte aufgrund der sozialen Spannungen in den Jahren 1910–1914 nicht durchgesetzt werden, sodass Budapest die Wiege des politischen Plakats werden konnte, dessen Formensprache nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Eingang in zahlreiche Entwicklungen des politischen Plakats anderer Länder – einschließlich der in Deutschland – fand.

Das Wissen um die Plakatentwicklung in Ungarn wurde in Deutschland in Wort und Bild zunächst über die Zeitschriften „Das Plakat“ und ab 1924 über die „Gebrauchsgraphik“ verbreitet. Ausstellungsbeteiligungen in Berlin und München trugen ebenfalls zum hohen Bekanntheitsgrad des ungarischen Plakats in Deutschland bei.

Bleiben wir noch kurz bei den privaten Zusammenhängen: Im Jahre 1986 hatte ich dann Gelegenheit die Ausstellung „100+1 Jahre ungarisches Plakat“ hier in Budapest zu sehen. Diese Präsentation stellte einen völlig neuen Typ von Plakatausstellung dar. Die Einbettung der Plakate in das jeweilige historische, kultur- und kunsthistorische Umfeld war Neuland und wirkt bei mir in der Art und Weise der Betrachtung von Plakaten nach.

In dieser Ausstellung fiel mir auch das erste Mal auf, in welcher Dichte, Breite und Variation das Sachplakat im Ungarn der 1920er bis 1940er Jahre ausgeprägt war. Diese Vielfalt in der Interpretation eines modernen Plakatstils dürfte einmalig sein. Dabei reicht die Spanne vom Bauhaus-orientierten Stil zu typografischen Plakaten, die der sogenannten Neuen Typografie nahestehen, über Art déco-orientierte Arbeiten bis hin zur Neuen Sachlichkeit. Funktionalität und Konstruktion gaben den Arbeiten eine weitere Gestaltungsbreite. Das Besondere an ihnen ist, dass sich eine spezielle Kombination dieser Stilrichtungen und eine ästhetische Verwandtschaft herausgebildet hatte, man glaubt sie jeweils als Plakate aus Ungarn zu erkennen, auch wenn die Sprache auf den Arbeiten einmal nicht ungarisch ist.

Was also waren die Grundlagen für eine so avantgardistische Formgebung und deren systematische Ausformung über so lange Zeit? Zunächst natürlich die Fähigkeit der Gestalter, dann die Bereitschaft der Auftraggeber, sich auf ein zunächst ungeübtes Terrain zu begeben. Denn es war natürlich nicht sicher, ob das Produkt einer Firma, welches so beworben wird, auch wirklich einen Image-Gewinn verzeichnen konnte oder mehr Umsatz erzielte. Andererseits braucht es eine Gesellschaft, die Einflüssen von außen gegenüber offen ist und die bereit ist, Experimente zu tolerieren oder gar zu fördern.

Schaut man sich aber die Gesellschaft Ungarns der 1920er bis 1940er Jahre an, so scheint das Gegenteil der Fall. Mit der Machtübernahme von Admiral Horthy wurde ab den 1920er Jahren nach dem sogenannten weißen Terror eine autoritäre Regierungsform etabliert. Diese Gesellschaft wies aber faktisch keine der vorher genannten Eigenschaften auf. Als scheinbar passend zur konservativen Grundausrichtung der Gesellschaft wurden die modernen Bestrebungen in der Malerei und der Architektur im Ungarn jener Jahre zurückgedrängt. Aber das Produktplakat geht in Teilen offenbar über viele Jahre völlig eigene Wege. Natürlich gab es auch das übliche Einerlei im Plakat, wie überall, aber eben in ungewöhnlich großer Anzahl diese avantgardistischen Gestaltungsvarianten. Welche Gründe kann es dafür gegeben haben?

Vieles von dem was ich jetzt als Argumentation anbringen möchte, mag spekulativ sein, trotzdem hoffe ich, zur Annäherung an dieses Phänomen beitragen zu können.

Zunächst ging es ab Mitte der 1920er Jahre um eine wirtschaftliche Stabilisierung. Diese konnte aber nur gefunden werden, wenn man die heimischen Produkte auch exportieren konnte. Dabei waren die ehemals vertrauten Märkte, wie die in Österreich oder die auf dem Balkan, bereits seit 1919 in einer massiven von Krisen geschüttelten Umstrukturierung weitgehend auf einer neuen Organisationsstruktur angekommen. Ähnliches galt für Deutschland und die Schweiz. Gerade in Österreich und Deutschland war der Veränderungswille in der Gesellschaft besonders stark ausgeprägt, was sich in heftigen politischen Auseinandersetzungen aber auch in einer neuen Konsumorientierung niederschlug – „modern“ war das Stichwort, was letztlich zunächst einfach „anders als bisher“ meinte. Neuerungen wurden so förmlich erwartet und schnell aufgegriffen. In der Werbung wurden zeitlich parallel Strategien eingesetzt, die sich inhaltlich eigentlich gegenseitig ausschlossen. Da war die Linie vom Berliner Sachplakat der Vorkriegszeit über die Bauhausideen hin zur Neuen Sachlichkeit zu finden, dann das kurzfristige Aufflackern expressionistischer Strömungen im politischen Plakat sowie in Film, Theater und Tanz. Aber auch der Jugendstil verebbte in dekorativen Zwischenschritten in Richtung Art déco. Alles in allem eine Zeit kreativer Explosionen – und hierhinein sollten jetzt ungarische Waren ihre Abnehmer finden. Eigentlich blieb nur die Frage:” Wie kann ich meinen Produkten ein modernes Image geben?“ Und dieses „wie“ beantworteten die damaligen Werbestrategen auf unterschiedliche Weise, kamen aber oftmals zum gleichen Ergebnis. Ob Auftraggeber nun interne Wettbewerbe auflegten oder sich über einen längeren Zeitraum an einen Gestalter banden, die sachliche Orientierung mit Einflüssen aus Kubismus und Futurismus blieb erhalten.

Deutlich wird dieser Zusammenhang unter anderem auch im Wirken von Sándor Bortnyik. Er arbeitete bis zu seiner Emigration als Maler in Ungarn, dann in Wien und in Weimar. 1926 kehrte er nach Ungarn zurück und gründete die private Kunstschule „Mühely“. Bortnyiks Arbeiten richteten sich ganz auf die Funktion aus, was er mit dem Untertitel für Mühely: „Ungarisches Bauhaus“ unterstrich. Schnell wurde er zum führenden Kopf der Grafikdesign-Szene. Seine im Jahr 1928 entstandenen Arbeiten für Modiano (Zigarettenpapier) waren auf verschiedene Weise wegweisend. Um einen Aspekt zu nennen: Bortnyik fand eine neue Darstellungsform für das Zigarettenpapier, nämlich die der Transparenz, d.h. Eigenschaften wie Leichtigkeit und Durchlässigkeit des Papiers wurden mittels des charakteristischen Aussehens transportiert.

Die langjährige Beschäftigung mit dieser reduzierten Darstellungsform führte auch noch zu einem weiteren Spezifikum, auf welches ich zum Abschluss noch hinweisen möchte: Im Charakter des Sachplakats liegt es ja, die Erscheinungsform des Produkts so genau wie möglich abzubilden, die Zigarette oder die Packung zum Beispiel werden bis hin zur fotorealistischen Wiedergabe der jeweiligen Oberfläche gemalt – denn noch konnte man keine Farbfotos drucken. Gegen diesen Trend finden sich im ungarischen Sachplakat häufiger auch symbolhafte Flächen anstelle der realistischen Darstellung, was sich als wichtiger Schritt bei der Entwicklung des Logos, zum Beispiel in den Arbeiten des Logopioniers Wilhelm Deffke in den 1930er Jahren gezeigt hat.

Es gibt also für diese Jahre offenbar eine an den internationalen Märkten orientierte Entwicklung im ungarischen Produktplakat, die im Gegensatz zur national-konservativen Grundorientierung in der Gesellschaft stand. Nur so ist ansatzweise zu erklären, wie es zu dieser Sonderentwicklung hatte kommen können. Ich bin sicher, es gibt noch weitere Faktoren, die diese Entwicklung ebenfalls bestärkt haben, dazu reicht aber mein Spezialwissen zum ungarischen Plakat nicht aus, das aber natürlich die Kolleginnen und Kollegen hier vor Ort haben, stellvertretend und doch besonders sei hier Katalin Bakos genannt, deren Aktivitäten das Wissen um die Leistungen des ungarischen Plakats auch international weitertragen.

Zu dieser Ausstellung ist den Verantwortlichen zu gratulieren. Besonders die zugeordneten Objekte, für deren Bewerbung die Plakate ja eigentlich gemacht sind, zeichnen den Zusammenhang von Produkt und Werbung eindrucksvoll nach. So geben Auswahl und Präsentation einen erstaunlichen Blick frei auf ein wichtiges Stück ungarischer Plakatgeschichte mit Einflüssen, die weit über ihre geografische und zeitliche Entstehung hinausgreifen. Nicht zuletzt legen sie Zeugnis ab von kreativer Kraft in scheinbar unkreativer Zeit.

Weitere Hinweise:
Museum of Applied Arts

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