Essen: Think Big

„Ein Plakat ist eine Fläche, die ins Auge springt“, hieß einst ein von Hans Hillmann und Gunter Rambow betreutes Projekt der Gesamthochschule Kassel. Eine Konstante in der Entwicklung des Mediums war stets die leicht nachvollziehbare Überlegung, dass eine größere Fläche leichter „ins Auge springt“ als ein kleine. So wurden bereits im 19. Jahrhundert Plakate mit erstaunlich großen Ausmaßen produziert, im Zuge der Perfektion von Druck und Werbung wurden die Formate immer größer, bis sie heutzutage ganze Gebäudefassaden bedecken.

Butter. Agentur für Werbung, Düsseldorf, Von VW zur WM., 1974

Butter. Agentur für Werbung, Düsseldorf, Von VW zur WM., 1974

Nun widmet sich das Deutsche Plakat Museum in Essen unter dem Titel „Think Big. Plakatideen für große Flächen“ diesem werbehistorisch durchaus ergiebigen Thema. Erleichtert wird das Projekt durch den Umstand, dass schon in früheren Jahren rund 500 Großplakate im Museum auf Leinwand aufgezogen wurden, sodass die nunmehrige Ausstellung relativ leicht realisierbar war. Der Direktor des Museums Folkwang, Tobia Bezzola, und der Leiter des Plakat Museums, René Grohnert, erläutern in ihrem Einleitungstext zum Ausstellungskatalog das Projekt: „Die meisten der präsentierten Arbeiten stammen aus den 1970er und 1980er Jahren, jenen zwei Jahrzehnten, die letztlich auch als die große Zeit der Großflächenplakate anzusehen sind: zum einen, weil der 1963 gegründete Fachverband Aussenwerbung e.V. damals immer wieder Imagekampagnen für die Großfläche organisierte, zum anderen, weil die GGK-Kampagne für Pfanni-Puffer im Jahr 1975 nachweislich gezeigt hat, welche Auswirkungen eine gute Großflächenkampagne haben kann, und damit die Nutzung dieses speziellen Mediums in der Folge in neuer Attraktivität erscheinen ließ.“

GGK, Düsseldorf, Liebe auf den ersten Biß. Pfanni, 1975

GGK, Düsseldorf, Liebe auf den ersten Biß. Pfanni, 1975

Das kreative Ausloten der Möglichkeiten, die ein Großplakat bietet, ist in Deutschland stark mit einer Persönlichkeit verbunden, nämlich mit Michael Schirner, der in den 1970er Jahren Kreativdirektor der legendären Agentur GGK war. Unter seiner Ägide erschienen eine Reihe von aufsehenerregenden Plakatkampagnen, wie eben für Pfanni („Das jüngste Gericht“), für VW, IBM oder Eminence-Unterwäsche. Auch in Österreich gilt Schirner bis heute aufgrund seiner Arbeiten, aber auch wegen seiner spannenden Vorträge, als unbestrittener Medienguru. Seine – für manche – provokante These „Werbung ist Kunst“ erläuterte Schirner ausführlich in dem 1988 erschienen Buch mit dem gleichnamigen Titel. In einem darin abgedruckten Interview bezog er klar Position: „Die Werbung hat heute die Funktion übernommen, die früher die Kunst hatte: die Vermittlung ästhetischer Inhalte ins alltägliche Leben. Diese Funktion hat die Kunst nicht mehr. Sie findet unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Die massenkulturellen Ausdrucksformen wie Werbung, Pop-Musik oder Mode sind an die Stelle der früheren Kunst getreten.“ Diese 1987 getroffene Feststellung ist insofern zu relativieren, als die Kunst selbst zu einem massentauglichen Unterhaltungsmedium geworden ist, wie Großausstellungen, so etwa die Documenta in Kassel oder die Biennale in Venedig, regelmäßig beweisen.

GGK, Düsseldorf, Schöne Grüße an den Durst! Sinalco Kola, 1972

GGK, Düsseldorf, Schöne Grüße an den Durst! Sinalco Kola, 1972

Zwar bilden die Arbeiten von GGK Düsseldorf den Schwerpunkt der Essener Schau, zu sehen sind aber auch ebenso bemerkenswerte Arbeiten von Uwe Loesch, von Hannes Jähn oder von den Agenturen McCann und Butter. Resümierend stellt Ausstellungskurator René Grohnert zu dem Gezeigten fest: „Natürlich spricht die Größe allein schon für sich, allerdings gilt es auch, sie geschickt zu nutzen. Es kommt auf die Wirksamkeit an, den Überraschungseffekt, die Fähigkeit, den Blick des Betrachters festzuhalten – und dies kann auf großen Formaten vorzüglich gelingen. All diese Vorzüge verhalfen der Großfläche – in verschiedenen Varianten – zu ihrem rasanten Wachstum.“

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