Berlin: „100 Jahre Erster Weltkrieg“

"Beat back the HUN", Kriegsanleiheplakat, USA, Entwurf: Frederick Strothmann, 1918, © Stiftung Deutsches Historisches Museum (Detail)

Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg überall. Man würde vermuten, dass die größte deutsche Ausstellung sich in Berlin, und zwar im Deutschen Historischen Museum, findet. „100 Jahre Erster Weltkrieg“ heißt die Schau dort, sie wartet im Untergeschoß des Erweiterungsbaus mit vielen, mit allzu vielen Objekten auf. Die zirka 500 Objekte sind zweifelsohne mit Mühe und großer Kenntnis ausgesucht worden. Filme, Fotografien, Tagebücher, Waffen, Gemälde, Zeitungen, Alltagsgegenstände oder Plakate – der Reichtum der medialen Aufbereitung ist denkbar groß. Von Karl Liebknecht, der als erster aus der sozialdemokratischen Fraktion bei der Zustimmung zu den Kriegskrediten ausscherte, ist der Waffenrock zu sehen, in den er als Strafe für sein Abstimmungs­verhalten gesteckt wurde. Ernst Jünger ist durch einen Stahlhelm und das aufgeklappte Tagebuch vorhanden, eine Plastik warnt vor den Geschlechtskrankheiten, die im Krieg grassierten; die Flugblätter, die Gabriele d’Annunzio 1918 über Wien abgeworfen hat, flattern auch in Berlin zu Boden. Mit den hinter Glas gezeigten Pickelhauben und farbigen Uniformen zogen die Soldaten 1914 in den Krieg hinaus, um alsbald zu merken, dass sie im Sturm auf Maschinengewehre ungeeignet waren. Dezente Farben und Stahlhelme fegten jede altromantische Heldengloriole beiseite. Fliegerpfeile illustrieren die Anfangsphase des Luftkriegs, Gasmasken die Eskalation des Grabenkriegs, immerhin hielten Auszeichnungen bis zum Schluss am Mythos vom Krieg als dem Feld der Ehre fest.

Links: Werbeplakat für französische Kriegsanleihe, Frankreich 1918, © Stiftung Deutsches Historisches Museum / Rechts: Werbeplakat für die Rekrutierung von Soldaten, Großbritannien 1915, © Stiftung Deutsches Historisches Museum

Links: Werbeplakat für französische Kriegsanleihe, Frankreich 1918, © Stiftung Deutsches Historisches Museum / Rechts: Werbeplakat für die Rekrutierung von Soldaten, Großbritannien 1915, © Stiftung Deutsches Historisches Museum

Der Anspruch der Ausstellung, eine Globalgeschichte des Ersten Weltkrieges von der Ermordung Franz Ferdinands bis zur Russischen und zur Deutschen Revolution zu erzählen, ist ehrenwert, aber gleichzeitig ihr Problem. Der Parcours ist eng gesteckt, die vierzehn Schauplätze sind sich auf 1100 Quadratmetern fast im Weg, sie sollen in der Totale den Weltkrieg erzählen, von der Schützengraben-Westfront in Frankreich zum beweglicheren Krieg in Russisch-Polen und im österreichischen Galizien, von der für die Alliierten, insbesondere die australischen Soldaten, verheerenden Schlacht um das osmanische Gallipoli bis zum Guerilla-Buschkrieg in Ostafrika. Nicht zu vergessen die Heimatfront mit Brotmarken und die autoritären Regimes in den Militärgouvernements. Die Russische Revolution bekommt auch eine eigene Koje, die Ausstellung mündet in die Ausgangssequenz „Der unbewältigte Krieg“, die im Schnellverfahren Flashes von auseinandergebrochenen Imperien, zusammengeschmolzenen Vermögen und Millionen an Invaliden liefert. Die Verlassenschaft des Ersten Weltkriegs erscheint in höchster Verdichtung und größtmöglicher Komplexität, in der Kürze landet man aber auch an der Oberfläche. Die Zuschauer müssen solch Gebräu einmal verkraften, sie müssen die unzähligen Informationen aufnehmen und die tolle Objektmischung dechiffrieren. Das Kuratorenteam um Juliane Haubold-Stelle und Andreas Mix ist bei seiner Dokumentensuche auch in Moskau und Zagreb fündig geworden. Zweifelsohne ist eine historiographisch niveauvolle Ausstellung geschaffen worden. Viel Zeit ist nötig. Der etwas stickige, enge Raum treibt allerdings an. Wie kann eine rundum überzeugende Ausstellung ausschauen?

Als Begleitbuch erschienen:
Der Erste Weltkrieg in 100 Objekten. Hrsg. von der Stiftung Deutsches Historisches Museum, Darmstadt 2014.