Plakate aus der DDR

Deutsch-chinesisches Freundschaftsplakat, 1951 (Detail)

Der – in meinen Augen etwas sehr „gewollte“ – Titel „DDR Posters“ ließ zunächst nichts Gutes erwarten. Der Versuch, einen gemeinsamen Titel für das Deutsche und Englische zu finden, führte nun dazu, dass man im Englischen kaum etwas mit dem Kürzel „DDR“ wird anfangen können, und das Wort „Poster“ wiederum wird ja im Deutschen eher benutzt, um Deko-Plakate für den Innenraum zu beschreiben. Auch die Untertitel „The Art of Propaganda“ und „Propagandakunst“ treffen nur bedingt dasselbe. Der ausgewählte Bildausschnitt assoziiert zudem eher die chinesischen Propagandaplakate der Mao-Zeit als die der DDR. Lieber geschätzter Prestel-Verlag – das habt Ihr schon besser hinbekommen.

Trotzdem habe ich mir vorgenommen, das Buch gründlich und ohne das Gefühl des schlechten Starts zu betrachten – und das hat sich auch gelohnt. Schon der vorangestellte Essay von David Heather bietet sowohl den Blick von außen, über das große Ganze, als auch kenntnisreiche Details, und er macht Lust auf mehr.

ddr

Die abgebildeten Plakate stammen alle aus der derzeit rund 9.000 DDR-Plakate umfassenden Sammlung des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Heather erwähnt im Vorwort auch, dass der Sammlungsbestand bisher noch kaum bearbeitet wurde (S. 7). Nun, das stimmt nicht ganz. Zum einen gab es zu einigen Teilen der Sammlung bereits gute Veröffentlichungen.1 Zum anderen wurde auch eine CD-ROM herausgegeben, die immerhin 7.300 Plakate enthält.2

Es folgen, in einzelnen Kapiteln mit jeweils einleitendem Text in Zehnjahresschritten (von den 1940er bis in die 1980er Jahre), die Bildbeispiele. Die Texte halten nicht ganz, was man nach dem Essay zu erwarten glaubte, sie sind sehr allgemein gehalten und beschreiben grob das gesellschaftliche Umfeld, in dem die Plakate entstanden sind, weisen kurz auf die Verlagerung von Themen und Einflüssen hin. Dies ist historisch interessant, kulturhistorisch recht knapp und erklärt die gestalterischen Zustände und Veränderungen nur bedingt.

Obwohl aus meiner Sicht zum generellen Verständnis unbedingt dazugehörend, fehlen Hinweise etwa auf politisch orientierte Vorgaben für die Gestalter, kein Wort findet sich zum Thema Zensur, zur Doktrin des Sozialistischen Realismus, zu sich wandelnden Produktionsbedingungen und -prozessen etc. Ich hätte mir an zwei oder drei Stellen ein jeweils spezielles Beispiel gewünscht, an dem man den einen oder anderen Aspekt dazu erörtert gefunden hätte, wie ein spezielles Plakat entstanden ist und reflektiert wurde und wo denn nun genau „The Art of Propaganda“ lauert. Auch die Veränderung im Gebrauch von repressiven Einflüssen auf die Gestaltung hätte man beispielhaft erläutern können. Der oftmals erwähnte Klaus Wittkugel oder der nicht erwähnte John Heartfield sind auch zu Leidtragenden solcher politischen Eingriffe geworden.

Entwurf: Klaus Lemke, 1980

Entwurf: Klaus Lemke, 1980

Über die Auswahl der hier abgebildeten Plakate ließe sich trefflich streiten, letztlich aber bleibt es immer eine individuelle und damit subjektive Entscheidung, die man in diesem Falle gerne akzeptiert. Ein Plakat allerdings passt nicht recht in das Buch, es ist das letzte Beispiel: „40 Jahre DDR – Tschüss SED“. Dies ist kein Propagandaplakat. Zur Geschichte des Blatts: Das damalige Museum für Deutsche Geschichte hatte eine (Propaganda-)Ausstellung zum 40. Jahrestag der DDR vorbereitet, die aber nie eröffnet wurde. Am 4.11.1989 organisierte die Initiativgruppe „4.11.89“ die größte genehmigte Demonstration, die bis dahin in der DDR stattgefunden hatte. Die rund 1 Million Demonstranten führten zahlreiche Transparente mit sich, die auf selten gesehene Weise kreativ, witzig, bissig, einfach wunderbar waren und ein letztes Mal das „Gegen das Alte“ zusammenbrachten, bevor es in viele „Für etwas Anderes“ zerfiel. Diese Transparente wurden gesammelt, später als Intervention in die Ausstellung des Museums für Deutsche Geschichte hineingestellt und dadurch der eigentliche Propagandazweck der Jubel-Ausstellung persifliert – für diese Ausstellung in der Ausstellung (und eine weitere Station) warb das Plakat.3 Und wenn ich mich recht erinnere, stammt es von Lothar Scharsich. Es ist also seiner ganzen Geschichte und Ausrichtung nach das genaue Gegenteil dessen, was alle Abbildungen davor verkörpern.

Das große Format und die ganzseitigen Abbildungen verleihen dem Buch den Charakter eines Coffee-Table Books, was auf der einen Seite eine Ästhetik suggeriert, die nicht vorhanden ist, auf der anderen Seite aber wohltuende Normalität im Umgang mit diesen Arbeiten zeigt.

Insgesamt ein Buch, welches man durchaus empfehlen kann und welches in die Plakat-Bibliothek gehört. Wenn man sich einen umfassenden Blick auf das DDR-Plakat verschaffen möchte, so stelle man sich den Katalog „Überklebt – Plakate aus der DDR“4 neben dieses.

Heather, David: DDR Posters. Ostdeutsche Propagandakunst / The Art of East German Propaganda, München – London – New York, 2014.

1 Beispiel: Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Deutschland im Kalten Krieg 1945-1963, Berlin 1992.
2 Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Plakate der DDR / SBZ. Politik. Wirtschaft. Kultur, Berlin 1999
(leider mit zu vielen Unzulänglichkeiten bei Datierung und Künstlerzuschreibungen; kann man seit Windows XP nicht mehr abspielen, war für Windows 3.1 konzipiert).
3 Initiativgruppe 4.11.89; Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Hrsg.):
40 Jahre DDR – Tschüss SED, Bonn 1990.
4 Stiftung Plakat Ost (Hrsg.): Überklebt – Plakate aus der DDR, Berlin 2012.