Berlin: Avantgarde!

Der zweite Teil der Berliner Ausstellung mit einem Plakat von Oskar Kokoschka (Fotos: René Grohnert)

Die Veranstalter haben sich viel vorgenommen und aus ihren Sammlungen die wichtigsten und schönsten, wertvollsten und seltensten Objekte hervorgeholt um ihr Vorhaben zu realisieren. Konzeptionell angelegt ist die Ausstellung „Avantgarde!“, die derzeit in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin zu sehen ist, in zwei Teilen, die auch räumlich getrennt sind.

Teil 1: Die Welt von Gestern. Deutschland und die europäische Moderne 1890 –1914

Man betritt einen beeindruckenden Raum, hoch und weit, die Wände schwarz gestrichen, darauf, in thematischen Blöcken zusammengefasst, die Preziosen der Plakatgeschichte, ein rauschendes Fest der Sinne. An einigen Stellen gibt es doppelte Exemplare, die den möglichen seriellen Charakter bestimmter Entwürfe erahnen lassen. Es ist erstaunlich – und man realisiert es immer wieder erst durch solch ein Aufgebot – welch stürmische und kreative Entwicklung das Plakat durchgemacht hat, wie an ihm eine ebenso dramatische gesellschaftliche wie rasante technische Entwicklung abzulesen ist. Erstmals habe ich das Blatt der Beggarstaffs für Harpers im Original gesehen, mein Gott, wir brauchen größere Bücher! Dazu findet sich in der Mitte eine nicht minder hochkarätige Präsentation der zeitgleichen Entwicklung in der Buchgestaltung – auch dies ein Erlebnis besonderer Art. Einiges kannte ich bisher nur aus Abbildungen, jetzt aber war zu sehen, wie die Buchstaben und Linien der Zeichnungen durch den Druckvorgang im Papier eingesunken waren und wie die Farbe auf den wunderbaren Papieren steht, wie fein die Bindung ist, wie groß die Aufmerksamkeit auf das Gelingen des Gesamtwerkes. Dem unbedingten Bedürfnis, diese auch berühren zu können, konnte man natürlich nicht nachgehen. Buch- und Plakatgestaltung zeigten viele Parallelen, nicht nur weil die Gestalter oft dieselben waren, sondern weil ein neuer Gestaltungswille die Entwicklung vorantrieb, auch einige Möbel unterstrichen den Ansatz zum „Gesamtkunstwerk“.

Allerdings, der Besucher steht zunächst ein wenig hilflos im Raum, er kann keinen „Rundgang“ oder eine ähnliche Handreichung zur Orientierung finden. Letztlich braucht das die Ausstellung auch nicht, denn die Gruppierungen der Plakate an den Wänden und der Bücher in den Vitrinen geben jeweils in definiertem Rahmen genügend Freiraum für Vergleiche und Entdeckungen. Das visuelle Erlebnis allein ist die Reise wert!

Teil 2: Worte in Freiheit. Rebellion der Avantgarde 1909-1918

Betritt man diesen Raum, so ist sofort einleuchtend, warum die beiden Teile der Schau eher wie zwei verschiedene Ausstellungen behandelt wurden. Der weiße Raum reiht die visuell (im Vergleich zu den Arbeiten in Teil 1) eher bescheiden wirkenden Arbeiten in großer Fülle aneinander. Es sind zumeist die publizistischen Beispiele einer intellektuellen Auseinandersetzung mit der neuen Zeit, wobei die Manifeste von Futurismus und Expressionismus eine zentrale Rolle spielen. Zeitschriften wie „Der Sturm“ oder „Die Aktion“ sind in großer Anzahl zu bewundern, ebenso wie zahlreiche Briefe von Herwarth Walden, der ein ganzes Netzwerk unterhielt, um die Protagonisten der neuen Ideen mit Informationen zu versorgen und natürlich auch selbst solche zu bekommen. Es ist, im Gegensatz zum Teil 1, eine Ausstellung, die man lesen muss, die zunächst nicht visuell, sondern dokumentarisch beeindruckt – bitte hier Zeit mitbringen.

Avantgarde2

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, den man am besten im Vorfeld „durchblättert“ und „anliest“. Man kommt dann sehr schnell zu der Erkenntnis, dass eine solche Präsentation nur hier realisierbar ist, dass das „Prinzip Kunstbibliothek“, wie es der erste Direktor Peter Jessen am Ende des 19. Jahrhunderts etabliert hat und wie es immer weiter entwickelt wurde, diesen umfassenden Rundblick über die sonst getrennten Sammlungsgrenzen hinweg überhaupt erst ermöglichte.

Kühnel, Anita – Michael Lailach – Jutta Weber (Hrsg.): Avantgarde! Die Welt von Gestern, Deutschland und die Moderne 1890-1914. Worte in Freiheit, Rebellion der Avantgarde 1909–1914, Dortmund 2014.