London: Der Große Krieg

Rekrutierungsplakat, 1915

Allein das monumentale Gebäude mit Turm und Säulenvorbau ist spektakulär. Mitten in einer der besten Lagen Londons, angesiedelt in einem Park, befindet sich das Imperial War Museum. Seit 1936 ist es in der Lambeth Road; das Gebäude diente vorher als Spital. 1917 wurde es gegründet, um den „Great War“, wie die Briten den Ersten Weltkrieg nennen, zu dokumentieren. Im Vorfeld des 100. Jahrestages des Krieges wurde es von „Foster + Partners“ um 40 Millionen Pfund umgebaut. In der Mitte des Hauses gibt es nun ein riesiges, vier Stockwerke hohes Atrium, in dem spektakulär neun besondere Prunkstücke (mit Flugzeugen wie Harrier oder Spitfire) aus der Kriegsgeschichte hängen. In Großbritannien versteht man sich auf die Inszenierung des Krieges. Entsprechend erfolgreich ist das Museum, das auf 700.000 Personen pro Jahr angelegt ist. An so manchen Tagen drängt es gewaltig.

Auch die in den Erdgeschoßgalerien untergebrachte Ausstellung über den Ersten Weltkrieg darf man spektakulär nennen. Wie für das gesamte Museum, gelten auch hier – trotz der Fülle der Objekte – das Prinzip der Ausdünnung, die Konzentration auf die besonders guten Objekte, die Konzeption, den Krieg als Erlebniswelt darzustellen und die Besucher an die Hand zu nehmen und in die seltsame, grausame Welt des Krieges hineinzuführen. So nüchtern, antiheroisch und quer zu allem nationalen Pathos sie sich gibt, in den Effekten trumpft die Schau gewaltig auf. Sie scheut auch nicht davor zurück, Schlachtenlärm oder ratternde Maschinengewehre als Klangwelten aufzubauen. Überhaupt nicht penetrant und laut, aber doch so, dass sie die Zuschauer an die Leine des Suspense nehmen. Videoclips und multimediale Illustration sind durch ihren Variantenreichtum perfektioniert. Ein Höhepunkt ist ein Rundgang durch einen Schützengraben, wo effektvoll ein gewaltiger Mark V-Panzer nach vorne kippt, ein kleiner Beobachtungszeppelin und eines dieser filigranen Flugzeuge die Stellung im Luftraum halten.

Rekrutierungsplakat aus Irland, Entwurf: W. Moore. 1915

Rekrutierungsplakat aus Irland, Entwurf: W. Moore. 1915

Die Objekte sind mit größtem Bedacht gewählt: Sie sollen nicht nur Information liefern, sondern Emotion. Fassungslos und geschockt steht man einem extraterrestischen Vollkörper-Tarnanzug gegenüber, der die Soldaten beim Überqueren des Niemandslandes unsichtbar machen sollte. Gespenstisch, wie in einem Readymade, sind in einer Hängevitrine verschiedene Handgranaten zusammendrängt. Die Engländer gaben sich schon im Krieg als Meister des Understatements: An der Wand hängen hölzerne Wegweiser aus den sumpfigen Schlachtfeldern in Flandern, die für die Soldaten ironisch mit Heimatgefühlen spielten: Trafalgar Square, Piccadilly Circus oder der „Suicide corner“.

Der Erste Weltkrieg war ein Krieg der Technologien, der technischen Innovationen und der ständig geänderten Taktik. Die Schlüsselfrage lautete, wie man es schafft, einerseits den Stellungskrieg zu überwinden, andererseits die Defensive gegen die anstürmenden Offensiven zu stärken. Maschinengewehre, Stacheldraht, Gaskartuschen, Flugzeugkameras, Telegraphenleitungen, Helme, Uniformen, Antisplittermasken – keine Ausstellung kommt ohne sie aus. Die Mittelmächte und anderen alliierten Kräfte hatten Wehrpflicht, Großbritannien startete in den Krieg mit einem Freiwilligenheer, betrieb höchst erfolgreich Kriegspropaganda, auch in den allerbesten Colleges und Universitäten und rottete die Elite einer ganzen Generation aus. Gegen Verweigerer zogen patriotische Frauenverbände höchst effektvoll durchs Land und verteilten an die Unwilligen weiße Federn. 750.000 starben, im Vergleich zu den gefallenen Franzosen, Deutschen, Österreichern, Russen ist das kein außergewöhnlicher Verlust, und doch erlebte Großbritannien die Jahre 1914–1918 viel tiefer als Zäsur als den Zweiten Weltkrieg. Vielleicht, weil sie riesige Schulden unterließen, den Untergang des Britischen Empires einleiteten, einen Beschleuniger für die Aufstände in Irland und Indien bildeten oder das Wegbrechen Kanadas und Australiens veranlassten. Verblüffend, wie beiläufig und peripher sich die Ausstellung diesem Thema am Schluss stellt. 1918 – das war der Triumph des Kolonialismus mit neu dazugewonnen Ländern, aber auch dessen Anfang vom Ende.

Die Ausstellung ist thematisch geordnet. Der Schwerpunkt liegt auf den britischen Erfahrungen, auf dem Krieg im Westen, auf der für die Engländer entsetzlich verlustreichen Schlacht an der Somme. Abschnitte beschäftigen sich mit dem Nahen Osten oder den Kolonien. Die Kriegsräume der anderen involvierten Länder werden eher peripher berührt. Österreich und Wien sind in der Erfahrung der prekären Versorgungslage präsent. Relativ viele Objekte veranschaulichen den meist öden Alltag an der Front – und die Möglichkeiten ihm zu entfliehen. Britische Offiziere führten Peitschen zur Domestizierung ihrer Rekruten mit. Konserven und trockene Biskuits sind von der Versorgung, Shellacks, Karten, selbst gezimmerte Tennisschläger von Sport und Unterhaltung an der Front übriggeblieben. Waschbeutel und Medikamente versuchten gegen die sanitären Kollapse zu halten. Pikant die ziemlich eindeutigen Einladungen von französischen Mademoiselles: „Ou irons nous ce soir? Voir ces dames Chez Madame Juliette“. 150.000 britische Soldaten wurden wegen Geschlechtskrankheiten behandelt.

In Großbritannien wurde in diesem Sommer wieder einmal die Debatte geführt, wie sinnhaft oder sinnlos der britische Kriegseintritt und die großen Opfer, die ihm folgten, waren. Die Verweigerer (Siegfried Sassoon, Bertrand Russel, Sylvia Pankhurst) scheinen zwar in der Ausstellung auch auf, aber die Gesamttendenz ist doch die, den großen Zusammenhalt der Kriegsgesellschaft zu betonen. So ist die Heimatfront in der Ausstellung durchaus breit vertreten. Die auch in Großbritannien vorhandene Versorgungskrise wurde durch Spar- und Durchhalteappelle („Save the wheat/ Help the help“) abgefangen. Alle bekamen ihren Platz in den Kriegsanstrengungen.

In der historiographischen Literatur ist mittlerweile festgehalten, dass die britische Propaganda weitaus geschickter, weil nüchterner agierte, als das, was sich im Deutschen Reich und Österreich-Ungarn bot. Das gilt auch für die britische Kriegsmalerei. In der oberen Galerie des Imperial War Museums gibt es einen sehr interessanten Extrabereich, der die bei uns wenig bekannten britischen MalerInnen dieser Jahre ausstellt. Es gab da wohl auch eine affirmative Malerei wie bei uns, die britische Kriegsmalerei war aber methodisch viel reicher; viele Bilder sind eindeutig pazifistisch. Es gab eine britische Variante des italienischen Futurismus, genannt Vortizismus, auch so dynamisch, technikversessen wie dieser, aber zugleich weit entfernt von einer Kriegsverherrlichung.

Weitere Hinweise:
Imperial War Museums