Wien: Henri de Toulouse-Lautrec

Im Zirkus: Clown Footit – Dresseur, 1899, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen © SMK Photo

„Der Weg in die Moderne“ lautet der Untertitel der noch bis Ende Januar 2015 im „Kunstforum Wien“ zu sehenden Ausstellung über das Werk des französischen Enfant terrible.

Henri de Toulouse-Lautrec überschritt mit seinem Werk nicht nur die ästhetischen, sondern auch die moralischen Vorstellungen von Bürgertum und Adel. Nicht mehr hochstehende – wie etwa mythologische oder religiöse – Themen waren die Inhalte seiner Kunst, sondern sehr reale Menschen aus dem Alltags- und mehr noch aus dem Nachtleben. Doch nicht nur bei den Themenstellungen seiner Kunst distanzierte sich Toulouse-Lautrec von der Exklusivität der Kunstsalons und Galerien, sondern auch in der Wahl seiner Medien. Er war sich nicht zu schade, Plakate für die Pariser Unterhaltungskultur zu entwerfen, und er tat dies in einer Qualität, die dazu führte, dass gerade die Affichen zu seinen angesehensten Hauptwerken zählen.

Die Damen im Speisesaal, 1893, Szépművészeti Múzeum, Budapest

Die Damen im Speisesaal, 1893, Szépművészeti Múzeum, Budapest

„Henri Toulouse-Lautrec bleibt trotz seines Ruhms und seines legendär kleinen Wuchses ein großer Unbekannter“, schreibt der französische Kunsthistoriker Gilles Néret: „Im Bewusstsein des Publikums ist er nur zu häufig jener Zwerg, der von Hollywood auf der Leinwand zum Leben erweckt wurde, der berühmte Plakatmaler, der die Pariser Boulevards der Belle Epoque mit Farbtupfern versah. Ein Vorläufer der modernen Plakatkunst also – und das allein wäre nicht der schlechteste Ruhm.“ Doch Toulouse-Lautrec habe, so Néret, noch weit mehr geleistet: er war so wie sein Zeitgenosse Edgar Degas ein „Genie und Erneuerer in der Malerei“.

Umso erfreulicher, dass das „Kunstforum Wien“ aus Anlass des 150. Geburtstages von Henri de Toulouse-Lautrec die erste umfassende Retrospektive zum Werk des französischen Künstlers in Österreich zustande gebracht hat. Die sehenswerte Schau zeigt die verschiedenen Facetten im Werk des vielseitigen Malers und Grafikers und beweist auch, wie wenig Henri Toulouse-Lautrec vom bourgeoisen „Ekel vor dem Leichten“ – wie das Pierre Bourdieu einmal ausdrückte – befallen war.

Weitere Hinweise:
Kunstforum Wien

Literatur:
Néret, Gilles: Henri de Toulouse-Lautrec, 1864–1901, Köln 1993.

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